502 Sorten Lakritze und mehr

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Schwarz, schimmernd, klein. Wer Lakritze auf diese drei Eigenschaften beschränkt war noch nie bei Kado, das Lakritzefachgeschäft in der Graefestraße. Salzig, süß, als Knopf, Totenkopf, Stange, oder hoch konzentriert, dort gibt es jede erdenkliche Variation. Gründerin Ilse Böge über die Entwicklung eines seltenen Ladens, und was sie mit der Düttmann-Siedlung verbindet.

Sie hatte Glück. Fast hätte sie die eingeschlagene Karriere als Unternehmensberaterin fortgeführt, nach ihrem Volkswirtschaftsstudium lag das auf der Hand. Die Firma war gut,  ihre Arbeit geschätzt, das Geld durchaus in Ordnung. Noch dazu waren es die goldenen 90er Jahre Berlins. Alles schien perfekt, bis auf dieses beschleichende Gefühl: Jetzt soll man Unternehmen beraten, ohne selbst jemals ein Unternehmen geführt zu haben? Eine zweite Sache machte Ilse Böge auch noch zu schaffen, sie, die nah an der holländischen Grenze aufgewachsen war. Es gab in Berlin keine Lakritze, außer die von Haribo. Abgepackt in Supermärkten. Denn Holland ist das Eldorado für – nicht nur für was Sie glauben – sondern auch für Lakritze. Und als kleines Mädchen ging sie oft über die Grenze, um sich ein bisschen pechschwarze Süßigkeiten, und Salzigkeiten, zu holen.

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Das war die große Frage als sie die Idee eines Lakritzenfachgeschäftes hin und herdrehte, damals in ihrer Wohnung in Neukölln. Hätten die Berliner Interesse die vielen, vielen Sorten und Variationen zu entdecken? Oder reichte ihnen die Haribo Lakritze vom Supermarkt? Anstatt ein Ladenlokal zu riskieren, entschloss sich Ilse Böge für ein Testjahr auf Märkten. Der Winterfeldtmarkt in Schöneberg wurde zum Versuchslabor, das Experiment verlief vielversprechend, ein Jahr später gab es ein Geschäft in der Graefestraße. Mittlerweile war ihr Mann mit an Bord und da das Internet gerade im Entstehen war, gab es auch gleich einen Online-Shop. Heute, nach 19 Jahren, einem Umzug zur anderen Straßenseite, nach einem Buch und zahlreichen Artikeln, wird der Umsatz zur Hälfte im Netz, zu einem Drittel im Laden und der verbleibende Rest auf Märkten erwirtschaftet.

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Im Laden herrscht eine Mischung aus Altem und Neuem. Wie früher gibt es Unmengen an Glas-Bonbonnièren, hübsch aufgereiht, die sich über die Wände strecken. Theken mit zahlreichen kleinen Fächern, auf vielen Etagen, in modernen, mobilen Möbeln eingefasst. Alles prall mit Lakritz gefüllt, in allen erdenklichen Formen und Namen. Hier kann man wie früher sich erstmal die Augen wund gucken und sich dann bei Wahl quälen. Diese Sorte ok, aber dann die aus Frankreich, oder die aus Italien? Mit Salbei oder ohne? Bedient wird man von Angestellten, bis auf eine Wand mit abgepackter Ware gibt es keine Selbstbedienung. Wie früher. Eine alte Registriermaschine aus den 20ern, mechanische Waagen, eine Galerie von alten Lakritzendöschen erinnern an vergangene Zeiten, in der es noch kein Plastik gab, höchstens Bakelit. Kundschaft kommt oft, die meisten sind Stammkunden, wie der kleine Junge, der genau die Sorte weiß und sein Budget gleich bekannt gibt.

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Eine Vitrine reiht aktuelle Lakritzendöschen auf. Hier scheint es alles zu geben: Von französischen Traditionsmarken, im Belle Époque-Look, über italienische Firmen mit geschwungenen Namen, das ist die von einem Aristokraten, oder spanische Unternehmen die sich entweder kitschig, oder witzig vermarkten, bis zu holländischen Urgesteinen, die ihre Aufmachung kürzlich zu einem geometrischen Pastellmosaik verjüngt haben. Gewisse Sorten sind hochkonzentriertes Lakritz, die als leichte Aufputschmittel verwendet werden. Daneben eine Fläche, indem flüssiges Lakritz in niedlichen Flaschen abgefüllt ist. Man braucht ein bisschen, um sich aus diesem Paralleluniversum zu lösen, indem sich alles um Lakritze dreht.

 

Wo die eigentlich herkommt? Aus dem Boden. Es ist eine Wurzel, die Ernte ist mühselig, das Ergebnis ist Süßholz. Darauf kaut man seit Jahrtausenden, seit zwei-dreihundert Jahren kocht man es zu Lakritze, das Pechschwarze kommt von der Verbrennung. Für die sehr neugierigen hat Kado sogar ein Buch herausgegeben, das zu einem Artikel in der Zeit geführt hat. Genau die Zeitung, in der 2013 ein Artikel über die Düttmann-Siedlung, Bildungschancen und die elhana Lernpaten erschien. Ilse und ihr Mann waren jahrelang Lernpaten und haben trotz eines vollen Terminkalenders ein Mädchen der Siedlung betreut. Diese wird nicht nur bald ihr Abitur schaffen, sondern hat auch ein Begabten-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung erhalten. Eine Nachricht, die die Betreiber des Lakritzenfachgeschäftes sehr freut. Und die zu ihrer Einstellung passt: im Kiez verhaftet bleiben, nicht unnötig wachsen, einmalig bleiben. Als der Autor in das Geschäft kam fand er, dass es stark nach Lakritze roch. Als er es verließ hatte er ein faszinierendes Paralleluniversum entdeckt. Mitten im Graefe-Kiez.

 

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