BERICHT: Was macht ein*e Quartiersmanager*in nach der Verstetigung?

Auf zu neuen Ufern

Was macht man, nachdem man 15 Jahre lang einem Quartiersmanagement vorstand? Erstmal ein Jahr Pause. QM-Leitung Angelika Greis erzählt, was sie nach Abwicklung des Fördergebiets in ihrem Sabbitical plant und wie ihre berufliche Erfahrung ihr dabei hilft.

Geplant war eine lange Reise ins Ausland, doch die hat ein kleiner Virus durchkreuzt. Dafür gibt es jede Menge andere Sachen, die Angelika Greis erkunden will. Sie will Wissens- und Praxisgebiete vertiefen, die sie brennend interessieren: Allen voran systemische Aufstellungen und Anti-Rassismus-Arbeit. Weiterbildungen sind auch eine Form von Reisen und dafür hat sie 2021 ausgiebig Zeit. Obwohl es auf den ersten Blick nicht so wirkt, gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Themen und ihre Arbeit im Quartiersmanagement. Zum Verständnis, zuerst eine Prise Hintergrundwissen. Mögen die Spezialisten mir die sicherlich viel zu vereinfachenden Zusammenfassungen verzeihen, die jetzt folgen.

Zwei kleine Crashkurse
Aufstellungen kennt man aus dem Bereich der Psychologie. Sie sind zu einem weitverzweigten Gebiet angewachsen, werden auch in anderen Bereichen genutzt, um vereinfacht gesagt Blockaden zu lösen, die sich im Laufe des Lebens durch Verstrickungen, Erlebnisse, übernommene Glaubenssätze bilden. Eine weit verbreitete Form ist die Familienaufstellung, in der die verschiedenen Rollen räumlich positioniert und von Personen dargestellt werden.Der Vater steht dort, die Mutter hier, die Geschwister weiter, oder näher, je nach Konstellation. Ein*e Anleiter*in stellt systemische Fragen zu dem Thema, das einen bewegt. Obwohl man zweifeln darf, ob Fremde einem etwas über die eigene Familie erklären können, es funktioniert. Nicht aus Magie, sondern weil sie im Instrument Aufstellung unser unterbewusstes Wissen aktivieren. Das versunkene Annahmen und Erfahrungen uns wesentlich prägen, wissen wir spätestens seit Sigmund Freud. Aufstellungen kehren das Unterbewusste zum Vorschein. Und wie bei der klassischen Gesprächstherapie, oder dem Interview, hängt die Qualität der Aufstellung von der der Fragen ab. Virginia Satir wird in Europa als Pionierin von systemischer Familienaufstellung genannt. Greis hat schon eine dreijährige Ausbildung in diesem Bereich absolviert, in ihrem Sabbat-Jahr will sie ihr Wissen und ihre Praxis vertiefen. Ein mögliches Ziel: Ein leistbares Angebot zu schaffen, denn es ist schon eine
„Luxus-Branche“.

Zweiter Crash-Kurs: Anti-Rassismus. Hinter dem Begriff versteckt sich der Blick auf die Strukturen, die unser Denken und unsere Sichtweisen beeinflussen, natürlich mit Schwerpunkt Rassismus. Der Mechanismus ist ähnlich wie beim Unterbewussten, nur geht es hier um gesellschaftlich Unterbewusstes, bzw. nicht, oder kaum in Frage Gestelltes. Das in Filmen, in Büchern, sogar in Liedern transportiert wird. Der Bereich den Greis interessiert ist „Politcal Whiteness“: Die Nachwirkungen des Kolonialismus in unseren Denkmustern. Wer schon mal auf anderen Kontinenten war, hat es vielleicht mitbekommen, wie sehr eine hellere Hautfarbe dort von Bedeutung ist. In Asien wird z.Bsp. als ideal ein „Panasian Face“ gelobt, das bedeutet auf Deutsch: Ein Gesicht, dass so wenig asiatisch wie möglich wirkt. Oder sehr viel banaler: Warum hat sich das Tragen eines Sakkos und einer Krawatte weltweit als Kleidung für formelle Anlässe durchgesetzt, obwohl andere Kulturen ihre eigenen Kleidungen haben, ohne den weitverbreiteten, vom Hals baumelnden merkwürdigen Stoffzipfel , dessen Nutzen sich auf Anhieb nicht erschließt? Ich persönlich stelle diesen Nutzen in Frage, ich bin aber kein Anzugträger und daher nicht neutral.

Der Teufel steckt nicht nur im Detail, auch in den Strukturen
Mit der Reflexion von Herrschaftsstrukturen kam Greis während ihres Studiums der Erziehungswissenschaft an der TU in Berührung. In ihrer Diplomarbeit „Kontinuitäten kolonialer Liebe“ hat sie die historische Verbindung von missionarischer Kolonialgeschichte zu weiß-christlicher Nächstenliebe der Neuzeit aufgearbeitet. Das hat sie nachhaltig geprägt, in den vielen Jahren sozialer Arbeit empfand sie es als sehr wichtig, diesen Hintergrund zu haben. Sie verortet z.B. einen
„defizitären Blick“ auf die Zielgruppen. Man definiert sie oft über Mankos, die sie von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden. Weniger gebildet, weniger Geld, weniger erreichbar. Liegt die schwierigere Erreichbarkeit an den Leuten, oder an den mangelnden Räumen für eine Begegnung? Im Kern ist die Frage, wer ist schuld daran: Die Leute, oder die Strukturen? Der Blick in die Strukturen unterliegt jedoch einer Maxime: Reflektieren ohne zu urteilen. Die Frage nach Schuld stellt sich nicht, sondern es geht um das Verstehen von Mechanismen. Die der sozialen Arbeit und idealerweise die der Annahmen, nach denen soziale Arbeit durchgeführt wird.

Im August hatte Greis die Gelegenheit, ihre drei Interessen gleichzeitig auszuleben. Beim Projekt „Mütter stärken“, gefördert von der EU, dem Land Berlin und dem Bezirk, hielt sie für die Teilnehmerinnen, allesamt Frauen mit Migrationshintergrund, einen kurzen Aufstellungs-Workshop. Sie war erstaunt, wie sehr die Frauen sich auf das neue Terrain einließen. „Sie waren alle religiös, vielleicht sind sie deswegen spirituell offener“, meint Greis. Denn bei Aufstellungen arbeitet man auch mit Ahnen, mit Symbolik, beim Workshop kamen Karten mit Tieren ins Spiel. Ein Pfau, ein Huhn, ein Affe und weitere, die für Eigenschaften stehen: „Die Frauen haben sofort angedockt.“ Ein weiterer Vorteil von Aufstellungen: Man kann sich auch körperlich vermitteln, nicht nur sprachlich. Auch mit einer perfekt beherrschten Sprache sind einige Themen manchmal schwer in Worte zu fassen. In den vielen Jahren QM-Arbeit war es eines der selteneren Momente, in denen sie keine Unterschiede unter den Anwesenden wahrnahm. Sie stellte fest: Das Projekt konzentrierte sich nicht auf die Defizite der Frauen, sondern auf ihre Stärken. Das hing auch am „Vertrauensraum“, den Projektmitarbeiterin Serife Gülen in der Gruppe geschaffen hatte. Wie gesagt, es waren drei Fliegen mit einer Klappe: Aufstellungen bei einem sozialen Projekt, in einem Raum in dem Gleichheit herrschte, weil der Blick aufeinander urteilsfrei war.

Kapitel oder Lebenswerk?
Mit Abwicklung des QMs wird ein 15jähriges Kapitel in ihrem Leben beendet. Ob sie die Arbeit als Lebenswerk betrachtet? Der Begriff treffe nicht wirklich zu, meint sie, es seien so viele involviert, Entscheidungen strukturell auf sehr viele verteilt. Greis teilt die Periode in zwei Abschnitte: Von 2005 bis 2014 gab es sehr viel kreatives Potential, da sei sie mit Herzblut bei der Arbeit gewesen und hätte sich viel mehr damit identifiziert. Sie ging sogar soweit einen Brandbrief mit dem Quartiersrat an den Senator für Bildung zu initiieren, der ihrer Sicht nach die mühseligen Bemühungen nicht wahrnahm, die „
Bildungsmisere“ in den Quartieren anzugehen. Und deswegen sie nicht unterstützte. Der Titel des Briefs: „Wir machen unsere Arbeit, Herr Zöllner. Was machen Sie?“ Das Schreiben mit den gesammelten Unterschriften von vielen Eltern der Siedlung bewirkte leider nicht viel.

Danach kam eine Zeit, in der sie feststellen musste, wie schwierig die Veränderung von Strukturen ist. Das war ein Lernprozess, bei dem sie viel von der Maschinerie eines millionenschweren Bundesprogramms des Ausmaßes von „Sozialer Stadt“ verstand, in dem Hierarchien, an von praxisfernen Orten getroffene Entscheidungen, nicht selten auch die Qualität persönlicher Beziehungen, die Arbeit vor Ort beeinflussen. 2014 war auch das Jahr in dem eine neue siebenjährige EU-Förderperiode begann. Damals hatte man für die EU-Geldtöpfe, die das Programm maßgeblich speisen neue Ziele gesetzt. Die Gelder sollten mehr in Infrastruktur, weniger in soziale Projekte fließen. Angebote in der Düttmann-Siedlung mussten beendet werden, deren Bedarf nicht in Frage stand und die Bewohner*innen schmerzlich vermissten. Aber im Rahmen des Stadtentwicklungsprogrammes hatte man anders entschieden, in der großen Maschine wurde ein Hahn zugedreht. Was sich nicht nur auf die möglichen Angebote auswirkte, sondern auch Einfluss auf die Motivation nahm.

Ein dunkler Fleck
In der Menge der vielen schönen Erinnerungen an Projekte, Feste und Menschen, die Greis im Laufe der Jahre sammelte, gibt es jedoch einen großen Fleck. An diesen Vorfall erinnert sie sich mit Bestürzung. Ein Mann mit pädosexuellen Neigungen hatte es über Jahre geschafft, sich in dem Netzwerk um die Düttmann-Siedlung in der pädagogischen Arbeit mit benachteiligten Kindern zu profilieren. Er war so geschickt und manipulativ, dass niemand etwas vermutete, viele gingen ihm auf den Leim. Seine Opfer suchte er sich gezielt aus, manipulierte auch die sehr gerissen, so dass sich niemals etwas beweisen ließ, trotz eindeutiger Anzeichen. Man fand kinderpornografisches Material auf seinem Rechner, aber weil er es beim Gerichtstermin gleich zugab, verzichtete der Richter auf die Anhörung von Zeugen. Er kam mit einer Strafe von 90 Tagessätzen davon, heute hätte es ihn viel härter getroffen. Greis gab an, dass auch sie sich von dem Mann blenden ließ, er war ein „Meister der Manipulation“.

Der Vorfall nagte lange an ihr, weil „Kommunikation die Hauptsäule der QM-Arbeit ist“. Begegnen, netzwerken, Plattformen schaffen, zwischen den Hierarchiestufen vermitteln, um Interessen durchzusetzen. Nicht nur direkt kommunizieren, sondern Kommunikation auch für Dritte ermöglichen und fördern, die ihrer Stimme wenig Gehör verschaffen können. Die unzertrennlich mit ihr verbundene Kehrseite der Kommunikation ist Manipulation, oder wie es der französische Diplomat Talleyrand formulierte: „Die Sprache wurde dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verschleiern“. Für diesen Fehler ist jedes System anfällig. Festzustellen, dass die eigene Menschenkenntnis versagen kann, ist natürlich ein schwerer Schlag. Besonders wenn einem, wie Greis, so viel an der Schaffung von Räumen der Entfaltung und des offenen Austausches liegt. Es war ihr ein Anliegen, diesen Vorfall nicht zu verschleiern, obwohl es leicht alles andere überschatten kann. Aber in einer ehrlichen Bilanz müssen auch die Negativposten erwähnt, Tabu-Themen angesprochen werden. Die verschiedenen von diesem Vorfall berührten Träger haben vorkehrende Maßnahmen getroffen, unter anderem eine Hotline, bei der sich anonym Verdachte melden lassen.

Vielleicht weiterhin im Gebiet aktiv
Eine Bilanz beinhaltet auch die positiven Aspekte, die glücklicherweise überwiegen. Die sind so zahlreich, dass sie hier nicht alle erwähnt werden können. Zusammenfassend: Es gibt die Gewissheit, trotz aller Kritik, die man an den Strukturen formulieren kann, dass die Düttmann-Siedlung von einem „Brennpunkt“, oder einem Gebiet mit vielen Herausforderungen, von 15 Jahren QM profitiert hat. Die Arbeit ist nicht getan, das ist klar. Aber die wird in einer anderen Form hoffentlich weitergeführt. Greis hat zudem noch das Glück, dass ihre jahrelange Erfahrung der sozialen Arbeit, innerhalb eines komplexen Programms, jetzt ein wertvoller Schatz geworden ist, aus dem sie bei ihrer Weiterentwicklung schöpfen kann. Da Angelika Greis noch beim NHU bleiben wird, stehen die Chancen nicht allzu schlecht, dass sie weiterhin eine Rolle in der Stadtteilarbeit spielen wird. Vielleicht gelingt ihr es auch eines Tages, dass Senator*Innen, gemeinsam mit Bewohner*innen, um die noch vorhandenen Blockaden zu identifizieren, an einer Aufstellung teilnehmen. Mit oder ohne Krawatte.

 


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