BERICHT: Neue Stelle für Jugendbeteiligung im drehpunkt

Vom Behördenwunsch zur Wirklichkeit

Seit Sommer 2018 hat der Jugendclub drehpunkt Verstärkung. Nicht durch eine weitere Sozialarbeiter*in, sondern durch eine Beauftragte für Jugendbeteiligung. Mit Anne-Kathrin Glück, aka AK Glück, sollen Jugendliche lernen, an der Gestaltung des drehpunkts mitzuwirken.

Die Jugendarbeit in der Düttmann-Siedlung war schon immer eine besondere Herausforderung, laut Kennern mehr als in anderen Gegenden Berlins. Dass sie jetzt in Containern stattfindet, macht sie nicht leichter. 60 Quadratmeter stehen für die 50 bis 80 Jugendlichen bereit, so viele besuchten regelmäßig den drehpunkt vor dessen Umbau. Ist dieser Ende 2020 abgeschlossen soll nicht nur der Club im neuen Glanz erstrahlen – dank Kletterwand, Tonstudio, Veranstaltungs- und Chill-Bereich. Auch der Geist soll ganz neu sein: Die Jugendlichen sollen mitbestimmen, was in ihrem Club passiert. Und damit das passiert, wurde eine Stelle für Jugendbeteiligung geschaffen. Seit Mitte 2018 ist Ann-Kathrin Glück offiziell Beauftragte für Jugendbeteiligung im Jungendclub drehpunkt, finanziert wird die Stelle aus QM-Mitteln.

Von Pankow über London zum Graefe-Kiez
Was brachte Glück zum drehpunkt? Glück – gewissermaßen. Denn studiert hat die Pankowerin etwas ganz anderes als Sozialarbeit: Journalismus und Geschichte. Und das nicht irgendwo, sondern in London. Für die damalige Studentin war in der horrend teuren Metropole nur das «roughe» Viertel Brixton leistbar. Eine Multikulti-Gegend, vergleichbar mit Neukölln, auch wenn dort die Bewohner aus Jamaika, Indien, Afrika und anderen Ex-Kolonien des bald Ex-EU-Mitglieds stammen. Dort gehörte sie zur weißen Minderheit und konnte Spannungen erleben, wie man sie hier nicht wirklich kennt. Straßengewalt, willkürliche Polizeikontrollen und sogar Aufstände. Aber so etwas erlebt man dort nicht mehr, da auch dort die Gentrifizierung zugeschlagen hat.

Über einen guten Bekannten, der im Team des drehpunkts arbeitet, hörte Glück von der gerade ausgeschriebenen Stelle. Das war im Sommer letzten Jahres. Sie stellte sich vor, gerade lief die Weltmeisterschaft und so beschloss sie, erstmal mit den Jugendlichen und dem drehpunkt-Team im speziell eingerichteten WM-Camp Zeit zu verbringen. Mit dem Lebensstil und der Stimmung der Jugendlichen konnte sie viel anfangen, sie hatte in ihren Pankower Jahren viel Zeit auf der Straße verbracht. Laut Eigenangabe hatte sie sogar etwas von einem Rowdie. Der einzige Unterschied zum Graefe-Kiez: Die Nachbarschaft war alles andere als Multikulti. Schon damals nicht, heute sei es noch schlimmer. Sie wurde warm mit dem Kiez, ihren jugendlichen Bewohnern und dem Team – und unterschrieb den dreijährigen Vertrag mit dem NHU.

Die Welt der Jugendlichen
Das erste Fazit ihrer neuen Arbeitsumgebung lässt sich in ein paar Stichworten zusammenfassen. Bildungsarmut, Kommunikationsschwäche und räumliche Enge. Wenn Graefe-Jugendliche einer der Lieblingstätigkeiten von Jugendlichen nachgehen wollen, miteinander Zeit verbringen, oder auf gut Deutsch Chillen und Abhängen, fehlt ihnen der Raum dafür, die Wohnungen sind meist zu klein. Also bleibt ihnen als Rückzugsort nur die Straße, oder der Jugendclub. Sie verortete auch Schwierigkeiten, sich in Gruppen mitzuteilen, sich gegenüber Autoritätspersonen oder Einrichtungen konstruktiv zu artikulieren und sich selbst zu organisieren. Genau dafür ist ihre Stelle seitens des Jugendamtes geschaffen. Durch sie sollen die Jugendlichen lernen, was sie scheinbar nicht in der Schule lernen: Sich in ein Projekt einzubringen und es mitzugestalten. Das Thema Bildungsarmut würde den Rahmen des Artikels sprengen und wird somit hier nur erwähnt. Es geht Hand in Hand mit Perspektivlosigkeit. Wie schon in einem vorigen Artikel dieses Newsletters erwähnt, antworten Jugendliche oft auf die Frage, was sie denn später machen wollen: Nix, Graefe. Das ist die kürzere Form von in den Tag hineinleben. Einige davon seien so kurz davor, Drogen zu verkaufen, meint die neue Beauftragte.

Glück sieht aber durch den Kontext hindurch vor allen Dingen ganz normale Jugendliche, die sie größtenteils sehr nett findet. Durch ihre vielen Gespräche hat sie deren Lebenswelt besser kennengelernt. Sie berichtet von Erlebnissen, die mich sprachlos lassen. Verkürzt gesagt erleben viele Jugendliche Ablehnung, sie stellen sich die grundsätzliche Frage, wer will mich eigentlich? Zu Hause fehlt ihnen der Freiraum, den sie in diesem Alter nun mal brauchen, in der U-Bahn und der Stadt begegnet ihnen oft Skepsis, so dass sie sich lieber in ihrer vertrauten Umgebung aufhalten. Leider ist es in der Schule ähnlich. Da gibt es Lehrer, die ihren Schülern sagen, Du schaffst es nicht, und wenn sie tatsächlich bei einem Test durchfallen, kommt derselbe Lehrer und legt noch eins drauf: Siehst Du, was hatte ich Dir gesagt? Wie ein Pädagoge so etwas von sich geben kann, ist mir ein Rätsel. Ich stelle mir die Frage, wer in so einem Fall vom Jugendlichen oder dem Pädagogen das eigentliche Problem darstellt.

Jugendbeteiligung, vom Konzept zur Umsetzung
Mittlerweile hat sich um Glück eine Gruppe von Jugendlichen gebildet, mit denen sie sich die Umsetzung ihres Auftrages gut vorstellen kann. Sie bedauert zwar, dass sich darunter nur ein Mädchen befindet, aber Männerdominanz ist ein Merkmal des Kiezes. Um das abstrakte Konzept Jugendbeteiligung zu verwirklichen, der auf Papieren der zuständigen Behörden sich so gut macht, muss Glück klein anfangen. Denn mit dem Begriff können die jungen Bewohner des Kiezes wenig anfangen. Um deren Abstraktionsvermögen zu schärfen, beginnt sie mit kleineren Aufgaben: Wie sollen wir denn den Grillabend machen? Wer will welche Aufgabe übernehmen? Mit solchen konkreten Aufgabenstellungen tun sie sich leicht, bis zum Ziel, dass sie sich darüber Gedanken machen, wie der Jugendclub in 10 Jahren aussehen soll, ist noch ein weiter Weg. Aber Glück hat ja auch drei Jahre vor sich. Und sie ist guter Dinge, dass ihr das gelingen wird.

Neben ihrer neuen Arbeit engagiert sich Ann-Kathrin Glück beim NGO Polis180, den sie mit Bekannten mitgegründet hat. Die 400 Mitglieder sehen sich als Thinktank von unten, der sich mit Fragen zu Außen- und EU-Politik beschäftigt. Sie kümmert sich um Öffentlichkeitsarbeit, koordiniert redaktionell den Blog und kümmert sich um Social Media – und da sie erst 33, dann 25 Wochenstunden im drehpunkt arbeitet, hat sie auch Zeit dafür. Der Zugang zu diesen zwei sehr verschiedenen Welten gefällt ihr. Vielleicht wird es ihr ja gelingen, Brücken zwischen den beiden zu schlagen.

 


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