Feuerdorn und Schlierstrauch

Seit fast zehn Jahren pflegt Bettina Heimweg die Grünflächen der Düttmann-Siedlung. Passend zur Jahreszeit – und dem anstehenden Heckenschnitt – sprachen wir mit ihr über ihre Arbeit, ihre Lieblingsecken, was Kreuzberg mit der Eiszeit verbindet und warum die Gärtnerin der Siedlung so gerne dort arbeitet.

Gäbe es Ausschreibungen für Pflanzen in Städten würde man lesen: Der/die Kandidat*in sollte extrem belastbar sein, auf schlechtem Boden gut wachsen und immer blendend aussehen. Jährliches Blühen wird vorausgesetzt. Als Objekt-Gärtnerin ist Bettina Heimweg eine Art Personalchefin: Sie muss für jede Anforderung die idealen Kandidaten kennen. Für die Düttmann-Siedlung hat sie die Heckenarten Feuerdorn und Spierstrauch gewählt: genügsam, ergiebig, widerstandsfähig und noch dazu hübsch. Sie begrünen in langen Zügen die Wege, Beete und Zäune der Dütti, damit ihre weiße Blüte und die rot-orangenen Früchte besser zur Geltung kommen. «Einheitliche Bepflanzung ist beruhigender fürs Auge. Und wo viele Kinder spielen, müssen die Pflanzen auch was aushalten können», erklärt die Gärtnerin der Siedlung ihr Konzept. Sie zeigt dabei auf die Hauptallee der Siedlung, wo unser Spaziergang beginnt.

Gartenarbeit ist Kopfsache
Als sie vor fast 10 Jahren ihre Arbeit aufnahm, fehlte ihrer Meinung nach genau das: ein Begrünungskonzept. Als gelernte Gärtnerin in München, und ausgebildete Landschaftsarchitektin in Berlin, fiel es der gebürtigen Augsburgerin leicht, ein Konzept zu erarbeiten. «Das Problem in Städten: der Boden ist mit Resten früherer Bauten versetzt und deswegen ernährungsarm. Noch dazu ist er in Berlin vorwiegend sandig und hält kaum das Regenwasser zurück. » Wir stehen jetzt an der größten Rasenfläche der Siedlung, die im Süden die Grenze zum benachbarten Rentenversicherungs-Gebäude bildet. Dort rahmen ein Dutzend stattlicher Säuleneichen eine Wiese auf drei Seiten ein, hinter ihnen sind die Gärten der Erdgeschoss-Wohnungen. «Entweder pflege ich die Privatgärten, oder wenn die Mieter sie selber bepflanzen wollen, helfe ich gerne.», erklärt Heimweg, «Da gibt es schöne Beispiele: Eine Mieterin hat ein Mirabellenbaum, eine andere meinen Lieblingsbaum, die Vogelbeere, und bei einer sprießt eine Blume fast bis zum Nachbar im ersten Stock. Das zeige ich Dir später.»

Sie führt mich auf den vor ein paar Jahren renovierten Spielplatz, mit Ostsee-Sand bedeckt, auf dem sich die blauen Kletternetze und dunkelbraunen Spielkonstruktionen klar abheben. Es ist einer ihrer Lieblingsplätze, auch auf Grund der zwei besagten Bäume, Mirabelle und Vogelbeere. Bettina Heimweg erzählt: «Der Platz ist auf einer Tiefgarage gebaut – eine zusätzliche Herausforderung bei Objektgärten, weil die Verbindung zu tieferen Erdschichten abgeschnitten ist. Eigentlich besteht meine Hauptarbeit darin, den Boden wieder fruchtbar zu machen. Das gelingt mal besser, mal weniger gut. Am besten ist es mir in meiner kleinen Baumschule gelungen.»


Die Baumschule der Siedlung
Ich folge ihr zu einem der vielen Innenhöfe der Siedlung. Dort befindet sich eine Tischtennisplatte und ein weiterer Spielplatz. «Früher war hier auch noch ein kleiner Fussballplatz, der ging aber den Nachbarn schrecklich auf die Nerven, weil er so nah an den Fenstern war.», erinnert sich die Gärtnerin. Er wurde also sanft umgewidmet. Da wo das Tor stand, pflanzte Heimweg eine Rose . «Vor der hatten die Kinder großen Respekt. Es kamen immer mehr Pflanzen dazu – heute nutze ich das Beet als Reservoir, als meine kleine Baumschule. Wenn ich eine neue Pflanze brauche, hole ich sie von hier.» Sie steigt über den kleinen Zaun auf das ca. 15 m² große Beet. Was ich Unwissender als Mischgestrüpp klassifiziert hatte, unterscheidet sie in sieben verschiedene Arten. Die lateinischen Namen erwähnt sie ganz nebenbei.

Eine Berberitze, Berberis Vulgaris, ein kleiner Strauch mit drahtigen Ästen und kleinen Blättern, steht neben einer Schlehe, Prunus Spinosa, die sich gegen zuviel Nähe gekonnt mit Stacheln wehrt und im Herbst matte, blaue Beeren trägt. In der Mitte thront mannshoch eine üppige Felsenbirne, Amelanchier, zu der sich eine ehrgeizige Wildrose, Rosa, schart. Qualkitia, Ligusta und Maronien tummeln sich auch noch herum. Inmitten der vielen Pflanzen ist Bettina Heimweg in ihrem Element. Die Art, wie sie mal einen Zweig, mal ein Blatt, kurz aber aufmerksam anguckt, zeigt eine Vertrautheit, wie man sie bei wohlwollenden Lehrern sieht. Solche, die ihre Klasse gut kennen und wertschätzen: Der ist so und so, der mag das und das, verträgt sich gut mit dem, weniger mit dem… Nur, dass es sich hier um Pflanzen und nicht um Schüler handelt. Der Boden hat sich in den paar Jahren, die die kleine Baumschule besteht, wundervoll regeneriert: die Pflanzen gedeihen gut. Vielleicht liegt das auch an dem besonderen Klima, worauf die leicht verzögerten Blüte- und Früchtezeiten im Hinterhofs hinweisen.


Wärmer dank der Eiszeit
«In der Stadt ist es immer um ein paar Grad wärmer als auf dem Land, das ganze Jahr lang.», erklärt die Expertin. «In der Siedlung ist es noch ausgeprägter. Wenn ich im Winter von der Hasenheide komme, liegt dort oben noch Schnee, während es hier schon getaut hat.» Ein Mikro-Klima in der Düttmann-Siedlung? «Nicht ganz, aber Kreuzberg und viele Teile Berlins liegen im Urstrom-Tal, wie man die Flüsse nennt, die in der Eiszeit entstanden sind. Die Absenkung der Hasenheide, der Kreuzberg, waren mal die Grenze eines Flussbetts. Wir sind also hier etwas abgeschirmt.» Ok, ein Mikro-Klima in Kreuzberg also? Heimweg lacht: «Nicht nur in Kreuzberg, sondern entlang des ganzen Urstromtals, von Berlin nach Warschau.» Na gut, zumindest gab es soziologisch gesehen mal ein Mikro-Klima in Kreuzberg.

Im letzten Innenhof steht der größte Beweis der etwas milderen Temperaturen der Siedlung: Eine 20-Meter hohe Birke. Vor der Kulisse eines engen Altbau-Innenhofs, der wie eine Fassung wirkt, steht sie einsam, dafür majestätisch, und ragt bis über die Dächer. Ein aussichtsreicher Kandidat zur höchsten Birke Berlins Auch sie grünt mit ein bis zwei Wochen Verspätung. Ist das der höchste Baum der Siedlung? «So gefragt ja. Nur die Pappel neben dem Bolzplatz, Ecke Graefe-/Urbanstrasse, ist höher. Aber die steht genau genommen nicht mehr auf dem Gebiet der Siedlung.» Wie viele Bäume gibt es eigentlich? «90 % der Bäume sind Platanen, insgesamt 57 Stück. Eigentlich wurden sie viel zu dicht gepflanzt, zumindest in der Allee zur Graefestrasse. Dadurch kämpfen sie um Licht und Wasser.» Der Beweis: Sie wachsen voneinander weg, obwohl normalerweise Bäume deselben Art, wenn die Bedingungen gut sind, parallel wachsen und gemeinsam eine Baumkrone bilden. Während in den Wohnungen zu den Platanen hin Erwachsene Sport-Meisterschaften gucken, Jugendliche gnadenlose Casting-Shows, oder grimmige TV-Serien wie Game of Thrones, während Kinder virtuelle Kriege und Wettkämpfe auf Spielkonsolen ausfechten, vollzieht sich unbemerkt ein harter Verteilungskampf zwischen den Bäumen. Allerdings nicht in 90 Minuten, sondern im Rythmus der Jahrzehnte.

Ein Gott im Gerätekeller
Wir machen einen kurzen Abstecher in den Gerätekeller. Dort sind Harken, Spaten, Krallen, Rasenmäher, Heckenscheren und noch etliche weitere Gerätschaften akkurat gelagert. Von hier aus koordiniert Bettina Heimweg die Arbeit der bis zu fünf Mitarbeiter, auf die sie je nach Bedarf zurückgreift, wie jetzt beim Heckenschnitt. Sie zeigt mir die Raritäten, die sie im Laufe der Jahre gesammelt hat : Ein Wespennest, das aus vielen Schichten eines hauchdünnen, papierähnlichen Materials beschaffen ist, und ein Vogelnest, das sie in einer Hecke gefunden hat. Am schönsten ist jedoch ein tellergroßer Smiley aus grauem Zement. Dazu erzählt Bettins Heimweg : «Das ist der Hausgott der Siedlung, den hat mein Freund gemacht. Die Römer hatten für jeden Ort und jedes Haus einen Gott, Laren oder Penaten hießen die. Diesen Brauch haben wir für all unsere Arbeitsstätten übernommen.» Denn sie pflegt nicht nur die Düttmann-Siedlung – da der Bau in Berlin boomt, gibt es jede Menge Arbeit. Hat der Scheibengott einen Namen? «Noch nicht.» Ich schlage Smileus Duettmannsensis vor. Zum Abschluss unseres Spaziergangs zeigt sie mir in einem Mietgarten die erwähnte Pflanze, die den darüberliegenden Balkon streift. «Dieses Pfaffenhütchen hat sich in den letzten zwei Jahren, völlig unerwartet, richtig gut entwickelt. Das ist das spannende am Gärtnern: Man kann nicht alles vorhersehen. Es ist wirklich schön zu beobachten, wie sich die Siedlung im Laufe der Jahre entwickelt. Nicht nur die Pflanzen, ich sehe ja auch die Kinder heranwachsen. Deswegen arbeite ich hier sehr gerne.» Und das macht Bettina Heimweg seit über acht Jahren täglich. Nicht nur als Gärtnerin, auch als Beraterin: Jedem Mieter mit Garten gibt sie gerne Ratschläge. Und sie fungiert als Jurorin bei dem von der Hausverwaltung ausgerufenen Balkonwettbewerb – aber mehr dazu weiter unten.


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