PORTRÄT: Der Schülerladen Biberzahn in der Jahnstr.

Mit Bibern wachsen

Was macht man als Kind, wenn das Tagwerk getan ist? Spielen, Basteln, Kochen und nicht zuletzt Fernsehsendungen. Denn nach der Schule fängt das Leben erst so richtig an… Besuch beim Schülerladen Biberzahn.

Ein großer Raum mit Mezzanin und Turnmatte, dahinter eine amerikanische Küche (mit Theke zum Esstisch), nochmal dahinter ein Spiel- und Bastelraum. Was mich aber in den mindestens 80 Quadratmetern des Schülerladens Biberzahn fasziniert sind zwei Sachen. Einmal die große schwarze Stange, mit der man vom Mezzanin runterrutschen kann, wie Feuerwehrleute in Filmen. Leider bin ich aus dem Alter raus, sonst hätte ich sie sofort ausprobiert. Und die Vogel-Uhr, die mitten im Gespräch mit Erzieher Dominik, ein freundlicher Mittdreißiger, um sieben vor 11 krächzt. Dominik erklärt mir, dass das schöne elektronische Teil seit ein paar Jahren etwas lädiert ist, und nicht mehr zur vollen Stunde einen der 12 verschiedenen Vogelschreie erklingen lässt, sondern einfach einen unidentifizierbaren Laut ausstößt. Aber kein unangenehmen, ein paar Minuten vor jeder Stunde.

Im Biberbau: eigentlich ein Spielplatz der in einen Laden eingebaut wurde.

Das soll kein Hinweis auf irgendeine Finanzlücke sein. Dem Schülerladen in der Jahnstraße 5 geht es auf diesem Gebiet eher gut. Er gehört einem Verbund von 10 Schülerläden in Kreuzberg an, in dem die Schüler der Reinhardswald Grundschule zusammengeschlossen sind. Ein selten anzutreffendes Modell in Berlin, sind doch nach der Einführung der Ganztagsschule 2005 die ca. 400 Schülerläden von der Bildfläche verschwunden. 

Dominik erklärt, die Schule an die sein Laden angedockt ist hätte nicht genug Räumlichkeiten, um neben dem Lernraum einen Aufenthaltsraum zu bieten. Also hätten die Schüler den ganzen Tag im selben Raum bleiben müssen, wenn der Leiter der Schule die Entscheidung des Senats treu umgesetzt hätte. Der Leiter der Grundschule entschied sich jedoch, mit den bestehenden Schülerläden weiter zusammenzuarbeiten, woraus der „Koop-verbund“ entstand. In dem man ausschließlich e.V.s findet, mit vielversprechenden Namen wie Brausepulver, Hasenbau oder Knalltüten.

Der Ablauf eines Kindernachmittags ist klar strukturiert. Die Kinder werden von der Schule in der Gneisenaustraße 72-74 mit dem Fahrrad abgeholt, dann geht es in den Schülerladen, wo erstmal gegessen wird. Dann kommen die Schulaufgaben, die hoffentlich schnell erledigt sind. Und dann fängt das Spielen an. Um 14.30 Uhr heißt es an die frische Luft, in den Park Hasenheide, dem Bolzplatz oder dem Zickenplatz. Die Entscheidung dürfte den Kindern schwer fallen: In der Hasenheide gibt es zwar echte Bäume, viel Platz und einen Streichelzoo. Am Zickenplatz aber gibt es einen echten Spielplatz, zwei Fußballkäfige und eine Seilbahn. Wäre ich als Kind im Biberzahn, würde ich stark für die Seilbahn plädieren. Das Rausgehen ist nicht auf dem Sommer begrenzt, wenn es aber zu kalt ist, gibt es jede Menge Bastelangebote, Spiele, und für die Leseratten im Biberbau, eine Leseecke. In der entdecke ich auch ein weiteres Relikt aus anderen Zeiten: Kassetten. Mit undigitalen Tonbandspulen, mit Hörspielen aus einer Zeit ohne Computerspiele.

Malerisch… macht einen fast nostalgisch nach Hausaufgaben.

Die autonome Struktur des Schülerladens, die drei Mitarbeiter*innen verwalten sich selber, erlaubt auf die Wünsche der Kinder sehr spezifisch einzugehen. So haben sich zwei gefunden, die seit zwei-drei Jahren eine kleine Fernsehsendung stemmen. Der eine ist eher technik-affin und regelt alles was mit Kamera und Schnitt zu tun hat. Der andere steht vor der Kamera und moderiert die Sendung, interviewt Kinder und Erzieher*innen und analysiert fleißig den Kinder-Alltag. Im zweiten Ladenlokal des Biberzahns wurde sogar eigens für die Sendung eine Green Screen aufgehängt. Also eine grüne Leinwand vor der gefilmt wird, und in die man Bilder hineinkopieren kann. Und das mit elf Jahren. Der Kollege kann schon moderieren.

Sieht aus wie das Zimmer eines Schülerladens, ist aber ein Fernsehstudio. Mit Green Screen bitteschön…

Wie Dominik zum Erzieher wurde? Er wollte was mit Menschen tun, als Kind eines Hoteliers in der Lüneburger Heide, in Bad Bevensen um genau zu sein, wurde ihm das sozusagen in die Wiege gelegt. Die Bespaßung einer Stammkundschaft reizte ihn aber verständlicherweise weniger. Nach der Ausbildung arbeitete er zuerst in Jugendclubs, irgendwann stieß er auf eine Anzeige des Biberzahns, die einen neuen Mitarbeiter*innen suchten. Der erziehergeführte Laden gefiel ihm sofort, er kann sich nicht vorstellen, wo anders zu arbeiten. Diese Zufriedenheit merkt man ihm auch an. Und was könnte idealer für Kinder sein, als der Umgang mit Personen, die Freude an ihrer Arbeit und Situation haben?


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