FIRMEN IM VIERTEL: Das Bierhaus Urban

Geöffnet seit 1985, ohne Unterbrechung

Ein Lokal, das man nicht schließen kann. Wozu auch? Das Bierhaus Urban ist immer offen, hat also nie Sperrstunde, braucht also kein Schloss. Nach seiner Mitarbeit an der Düttmann-Siedlung übernahm 1985 der Elektriker Salah Mjahed das Lokal. Sein Sohn führt das Geschäft weiter, schnell wird klar: Der Geist der deutschen Eckkneipe wird am besten von Einwanderern bewahrt. Ein Ausflug in einen Raum mit einer anderen Zeit...

In einer Straße in der trendige Lokale aus dem Boden sprießen wirkt das Bierhaus Urban erfrischend natürlich. Aber auch ein bisschen unscheinbar. Es braucht auch nicht aufzufallen, es hat genug Stammgäste. Auffallen, das ist für Anfänger. Hier sitzen alte Bekannte tagnächtlich, wer das Bierhaus betritt fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Alternative Lokale haben Plakate an den Wänden, hier gibt es sie sogar an der Decke, es wirkt aber gekonnt, stilsicher, ein Innenarchitekt hat die Einrichtung entworfen. Hier sind nicht nur Stammgäste, sondern auch viele neue. «Wir sind eine echte deutsche Eckkneipe, die ist nämlich für alle offen, für junge, für alte, nicht nur für eine gewisse Kundengruppe» meint Tarek Mjahed, der das Lokal seit ein paar Jahren führt. Sicherlich kommen die neuen Gäste aber auch wegen der zwei wöchentlichen Konzerte die er eingeführt hat. Dienstag Jazz, Donnerstag Blues, ab 21 Uhr, der Eintritt ist frei.

Sowie ein Bier kommt ein Sombrero selten allein…

Tarek erzählt von den Anfängen des Lokals. Er kennt sie von den Erzählungen seines Vaters. Er wohnte damals als Kind direkt gegenüber, in der Düttmann-Siedlung. «Es gab damals viele Arbeiterspiele: Armdrücken und Zollstockbrechen.» Was das ist? «Wenn man einen Zollstock mit bloßen Händen brechen kann. Mein Vater konnte das, er ist aber auch ein richtiger Kerl, mit Handgelenken wie Oberarme.» Andere Spiele werden auch noch erwähnt, seitdem scheint sich das Bierhaus aber sehr beruhigt zu haben. Was von damals noch bleibt ist der Kicker, original aus den 80ern und in den man noch D-Mark einwerfen muss, um zu spielen. «Ist aber gratis» meint Tarek.

Bekämpfen sich seit den 80er Jahren: Die blauen und roten Männchen vom Bierhaus.

Mitte der 90er Jahre zog die Familie aus der Siedlung, sie hatte sich merklich verändert, nicht zum Guten. Tarek wollte nicht umziehen, er kannte jeden dort damals. Das Lokal aber wurde weiter betrieben und ist immer noch fest in Familienhand: Der Vater macht noch den Einkauf, die Mutter die Buchhaltung, der eine Sohn führt die Geschäfte. Der andere aber hat dafür keine Zeit, der ist Arzt und auch kein Nachtmensch.

Hier bildet man sich wenn man an die Decke starrt…

Wie der Vater zum Lokal kam, wenn er doch Elektriker war? «Mein Vater hat einen guten Draht zu Leuten». Klingt logisch. «Er kannte nach seinem Einsatz auf der Baustelle der Siedlung das halbe Viertel. Er hörte, dass das Bierhaus einen neuen Betreiber suchte. Unter uns, er ist für den Beruf geboren. »Dem Sohn wurde das Gastronomie-Gen vererbt, er arbeitete lange und gerne als Barkeeper in Clubs, Hotels, Szene-Kneipen, Steak-Houses… aber irgendwann fehlte ihm die Offenheit der Familienkneipe, die für jeden offen ist.

Für zwei Mark drei Spiele… eine Währungsreform muss her!

Wer sind denn die Stammgäste? «Ach, da gibt es so viele. Einer davon ist zum Beispiel Richard Gordons, ein Künstler der in New York, Hong Kong, Wien ausstellt, der aber nicht so aussieht. Der ist mindestens zweimal pro Tag hier… und dann gibt es noch Gunter, der ist entweder hier oder in der Ankerklause. »Aber eigentlich ist ja eine Kneipe zum Leute kennenlernen, nicht um den Wirten über die Gäste auszufragen. Schon stellt mir Tarek einen Gast vor. Richard, ein Amateur-Fotograf, der jeden Samstag kostenlos Portraits für Gäste macht. Auch er kommt sehr gerne hier her und schimpft ein bisschen auf die Betreiber der anderen Lokale im Viertel, die den Charakter der Viertels ändern. Er wohnt seit Anfang der 90er hier, Lokale wie das Bierhaus Urban gab es früher viel mehr. Zeiten ändern sich, das ist bekannt. Mit einer Ausnahme, Ecke Graefe- und Urbanstrasse, vielleicht auch, weil man da die Zeit ganz anders misst.

Melancholisch ins Glas gucken? Nicht in Kreuzberg…


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