BERICHT: Eine Bewohnerin der Siedlung stärkt die Lebenslust
“Blumen richten einen auf”

 

700 Liter Erde und rund 1000 Blumen verteilte die Bewohnerin Anneliese Lorenz in der Siedlung, um in Zeiten von Corona Lebenslust zu stärken. Blumen bedeuten ihr sehr viel: “Sie richten sich auf, also richten sie einen auf”. Wie die betriebsame 68jährige, zusammen mit Britta Stelzer, ihre Blumen-Aktion umsetzte und was sie sonst noch leidenschaftlich gerne macht, erzählt sie hier.

Eine Geschichte über Blumen beginnt natürlich mit einem randvollen Topf: dem des Aktionsfonds. Es ist eins der wichtigsten Instrumente im Geräteschuppen des Quartiersmanagements, der Bewohner zu Aktionen im Kiez animieren soll. Alle paar Wochen sind bis zu 1.500 Euro verfügbar, die aber diesmal brachlagen, wegen eines gewissen Virus… das in letzter Zeit nicht unbemerkt blieb. Und das Prioritäten weltweit radikal neu sortierte – auch die der Bewohner der Düttmann-Siedlung. Anneliese Lorenz, langjährige Bewohnerin und Fan-Frau für Nachbarschaft, ließ die Gelegenheit nicht verstreichen. Es ist Pflanz-Zeit, dachte sie sich Anfang April. Warum nicht Balkon-Blumen verteilen in der Siedlung, um inmitten der Corona-Angst ein Zeichen für Vitalität zu setzen?

Ein Antrag und sechs Fahrten zum Blumengrossmarkt Beusselstraße später war es soweit: Vom 26. April bis zum 7. Mai verteilte sie jeden Abend 100 Blumen und Körbe an interessierte Nachbarn. Aber nicht ohne Gegenleistung: Sie wollte dafür ein Text, ein Foto oder ein Bild. Und so wurde 10 Tage lang der Zaun zur Kita Hasenheide zu einem Körbchenverteilungszentrum. Ausgestattet mit einem Korb ging man zum Zaun von A. Lorenz’ Garten, um sich Blumen und Erde zu holen. Die Grünfläche vor den zwei Zäunen wurde in der Zeit zur kreativen Spielwiese, auf der Kinder Texte und Bilder malten, damit auch sie ein Körbchen bekommen konnten. In der Düttmann-Siedlung sind Zäune ein verbindendes Element.

Was man auf den ersten Blick nicht sehen konnte: Die Aktion war auch eine internationale Kooperation. Denn eine Moskauer Bekannte von A. Lorenz, die Informatikerin Marina Golowkina, nahm per Telefon Anteil und verwandelte für die Gelegenheit ein paar eigene Fotos in eine Collage, mit einer klaren Botschaft: «Kaufen Sie Blumen und gehen Sie nach Hause!» Auf dem Bild zu sehen ist Britta Stelzer, eine Berliner Freundin von A. Lorenz, ohne deren Hilfe die Blumen-Operation nicht möglich gewesen wäre.

Wie kommt es, dass im virusgebeutelten Russland, eine Moskauerin bei einer Blumenaktion in Kreuzberg hilft? Zur Erklärung, warum dieses Adjektiv verwendet wird: Während wir hierzulande mit 183.189 Corona-Fällen und 8.530 Verstorbenen leben müssen, gibt es in Russland doppelt so viel Fälle, 396.575, aber erstaunlich wenige Tote: 4.555. Das entspricht einer Sterblichkeitsrate von 1,15 %, in Deutschland beträgt diese 6,16 %. In den bei der Corona-Bekämpfung als beispielhaft geltenden Ländern Dänemark, Österreich und Süd-Korea belaufen sich die Todesraten jeweils auf 4,8 %, 4,0 % und 2,4 %. Im stark betroffenen Frankreich liegt sie sogar bei 15,35 %, in Italien und England bei rund 14 %. In Russland sind die Ausgangssperren zusätzlich bis heute sehr streng – die Bevölkerung leidet darunter. Aber Marina Golowkina hatte gerade deshalb Zeit, wieder einmal die Bildbearbeitungs-Software “Fotoshop” zu nutzen.

Anneliese Lorenz Verbindung zu Russland erklärt sich durch ihre Mitarbeit im Förderkreis Nadjeschda e. V., den sie 2002 mitbegründete und dem sie auch vorsteht, mit zwei weiteren Personen. Sein Zweck: Kulturaustausch und humanitäre Hilfe. Zum einen vertreibt Nadjeschda e.V. russische Holzspielzeuge in Deutschland, zum anderen bringt der Verein Medikamente ins große Land, die es dort nicht gibt. Sowie Naturheilmittel für kleine Kinder und alte Leute, für den Kalkaufbau und gegen Bluthochdruck. Beraten wird der Verein von einer Krankenschwester, die sich seit 30 Jahren mit Naturheilkunde beschäftigt und in weiterer Folge, von einem Ärzte-Kreis. Die Nachfrage nach diesen Heilmitteln ist groß, in Deutschland haben sie Tradition, deswegen ist es nicht verwunderlich, dass viele der Produkte von namhaften Firmen wie DHU, Wala oder Weleda stammen. Da ausländische Vereine in Russland hoch besteuert werden, hat Nadjeschda weder eine Abteilung noch Mitglieder dort.

Nach Berlin kam Anneliese Lorenz erst mit neun Jahren, obwohl ihre Eltern Berliner waren. Sie lernten sich nach dem Krieg in Berlin kennen, es war «Liebe auf den ersten Blick», sagt Lorenz. Um zu heiraten, verließ ihre Mutter illegalerweise den russischen Sektor, die Großmutter hingegen blieb. Nach einem Abstecher ins Ruhrgebiet kam die Familie, mittlerweile um zwei Kinder größer, zurück nach Berlin. Ihren freien Geist hat A. Lorenz sicherlich von ihrem Vater geerbt, der in jungen Jahren Ludendorffer war – und somit von der Hitler-Jugend ausgeschlossen. Er tat sich nach dem dunklen Kapitel des NS-Regimes schwer, Autoritäten anzuerkennen. Hitler war in seinen Augen eine Niete, deswegen konnte er keinen Vorgesetzten mehr akzeptieren, gibt Anneliese Lorenz die Einstellung ihres Vaters wieder. Er war von der Zeit stark betroffen. Vom ersten bis zum letzten Tag des Krieges war er Soldat: Mit 18 Jahren wurde er 1939 vom Gymnasium zur Armee berufen und kam 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück ins zerbombte Berlin. Im Volkssturm und in Stalingrad waren sein Vater und sein Bruder gefallen. In Anneliese Lorenz Biografie spielte Russland also eine große Rolle, und tut es immer noch.

So ist es auch ein glücklicher Zufall, oder vielleicht keiner, dass ihre russische Bekannte an ihrer Kreuzberger Blumen-Aktion mitmachte, wenn auch aus der Ferne. Aber wie heißt es so schön? Gedanken sind frei, auch frei von Grenzen. Und wer mit Anneliese Lorenz spricht, bekommt den Eindruck, dass sie für ihr Leben gern in geselliger Freiheit leben möchte.

Anneliese Lorenz bittet an dieser Stelle kurz ums Wort:

“Ihr wart Alle Grosse Klasse! Hiermit danke ich allen, die teilgenommen und geholfen haben! Es kamen Helfer und Helferinnen, wie soll man sie nur alle nennen? Vom Anfang bis zum Schluss, oder nach ihren Wirkens-
Feldern?

Liste der Helfer*innen – Ein Versuch:

Von der Kita: Das Team und Ute Treichler,

Vom Quartiersmanagement: Angelika Greis und Pinar Boga, und diese alle so unermüdlich wie vielseitig!

Vom Dütti-Treff Emine Yilmaz: mit Tisch und Bänken und Wachstuch-Decken.

Von den Stadtteilmüttern: Seine Eminenz Michael. Ferner: ein veganer Freund, Wolfram Löschke, mit Velo-Transport von Erde und Pflanzen, desgleichen ein Nachbar spontan mit einem Leih-Auto, nämlich Herr Lohmeyer (Pressesprecher Die Linken).

Von den Teilnehmern: Frau Özalp und ihre Schwester, die bei jeder Aktion trotz Ramadan klaglos Schwerarbeit geleistet haben, am ersten Tag Frau Hausmann mit ihrem grünen Daumen, alle Erwachsenen und Kinder wurden Helfer und Helferinnen durch ihre Freundlichkeit und Erfindungsgabe, und dann kamen immer wieder noch einige fleißige Blumengießer oder Springhelfer, deren Namen wir leider nicht wissen.

 

Und hier noch ein paar Bilder der Kinder:


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