FIRMEN IM VIERTEL:  Online-Kurs Imperium in der Graefe-Strasse

Buchhaltung für Anfänger

Der Wahlkreuzberger Hans-Peter Rühl wurde aus einer internationalen Karriere ins heimische West-deutschland zurückgeholt. Das Familienunternehmen kriselte, er sollte es richten. In all den Jahren bemerkte der ausgebildete Controller das eklatante Gefälle zwischen Geschäftsführern und ihren Buchhaltern und Steuerberatern. Damit sie dieselbe Sprache sprechen, bietet er seit über 10 Jahren Kurse an, die Rechnungswesen ganz neu erklären. Daraus ist ein komplettes Universum an Podcasts, Online- und realen Kursen entstanden, das von der Graefestr. aus gelenkt wird.

Es gibt härtere Schicksalschläge als den, der Hans-Peter Rühl aus der von ihm geplanten Bahn warf. Der gebürtige Saarländer war gerade dabei sich nach einem Wirtschaftsstudium den Traum einer internationalen Karriere zu erfüllen. Er hatte schon ein paar Jahren in Süd-Afrika gearbeitet, als er ein Angebot aus Abu Dhabi erhielt. In den 90er Jahren waren die Arabischen Emirate noch nicht so etabliert wie heute – das Abenteuer lockte.

Aber es kam anders. Ein Anruf aus der Heimat und er musste sich entscheiden: zurück ins Saarland, oder auf nach Abu Dhabi. Nach etwas Überlegung übernahm er die Geschäftsführung des Familienbetriebs, der immerhin 200 Beschäftigte zählte. Während der Sanierungsphase machte er ein paar Entdeckungen die seinen Lebensweg bis heute prägen. Zuerst bemerkte er bei Geschäftsführer-kollegen, dass diese manchmal mit ihren Buchhaltungsabteilungen und Steuerberatern fremdelten. Die wenigsten konnten Buchhaltungsbilanzen wirklich lesen. In anderen Worten, er sah ein Kommunikationsproblem zwischen Buchhaltungsabteilungen und der Unternehmensführung: man sprach nicht die gleiche Sprache.

Gleichzeitig hatte er in seiner Firma  eine personelle Herausforderung zu meistern: In der Sicherheitsbranche hat man die unterschiedlichsten Hintergründe. So gab es bei ihm z.Bsp. Metzger und Theologen. Damit Mitarbeiter auch ohne betriebswirtschaftlichen Hintergrund Aufstiegschancen hatten, entwickelte er ein System, um die Basis des kaufmännischen Know-Hows so einfach wie möglich zu vermitteln. Denn wer wirtschaftliche Verantwortung übernehmen will, muss natürlich das wirtschaftliche Rüstzeug dafür haben. Und das geht heute wie vor 500 Jahren (dazu kommen wir noch später) mit dem Verständnis des Rechnungswesens.

Der Weg nach Berlin – und in die Siedlung
Nach dem Veräußerung des Familienunternehmens war er wieder frei. Die Gelder aus dem Verkauf investierte er in den Aufbau seiner jetzigen Selbstständigkeit als Seminaranbieter, Trainer und Berater. Davor machte er aber noch eine Station als Bürochef einer saarländischen Politikerin, die ihn ins schöne Berlin führte, genauer gesagt in die Graefestrasse. 2002 nahm er eine Auszeit, um sich auf das Projekt zu konzentrieren, das er in der Firma begonnen hatte: Die Entwicklung einer Didaktik zum einfachen Erklären des Rechnungswesen. Oder „Rechnungswesen für Entscheider“, wie Hans-Peter Rühl es nennt. Daraus entstand bis heute ein Kurs-Universum bestehend aus Büchern, Apps,  YouTubes, einer Podcast-Reihe, Webinaren und Seminaren.

Viele Wege führen ins Fördergebiet
Sein Weg bis zur Teilnahme an einem Projekt in der Düttmann-Siedlung war ein langer. Zuerst bemerkte er sie gar nicht, er hatte auch nie einen Grund sie zu durchqueren. Am ehesten fielen ihm die vielen Böller auf, die Sylvester aus der Siedlung in Richtung Umfeld flogen. In dem Jahr, als eine Wohnung im Haus gegenüber in Flammen aufging, konnte er sie nicht mehr ignorieren. Zu selben Zeit hatte seine damalige Freundin, eine Sozialarbeiterin, beruflich mit der Siedlung zu tun. Für den Schritt in die Siedlung war letztendlich ein Flyer des Projektes Kiezgrößen verantwortlich, der ihm vom QM- und Cooopolis-Team in die Hand gedrückt wurde. Das Ziel: Die Vernetzung zwischen lokalen Wirtschaftstreibenden und sozialen Akteuren, mehr Informationen dazu hier.

Rühl beim Vernetzungsabend zwischen Wirtschaft und sozialen Akteuren im Dütti-Treff.

An diesem Abend nahm ich auch als Beobachter teil. Ich fragte mich damals, wen Rechnungswesen außer Buchhalter oder Nerds interessieren könnte. Für mich war allein schon die Wortkombination doppelte Buchhaltung ein verläßliches Synonym für geballte Langeweile. Aber ich fand den Schritt, an einem Abend dieser Art teilzunehmen anerkennungswürdig und die Tatsache interessant, dass ein kleines Kurs-Imperium von der Graefestrasse aus geleitet wurde. Nach einem Treffen mit Hans-Peter Rühl und dem Lesen der ersten zwei Kapitel seines Buches – ein paar Wochen später – habe ich die automatische Abscheu vor Buchhaltung abgelegt. Seine Art zu erklären ist tatsächlich überzeugend. Nicht, dass ich jetzt einen neuen Weg als Buchhalter einschlagen werde, so wahr mir Gott helfe. Ich habe jedoch verstanden, dass doppelte Buchhaltung eine Art Sprache ist, oder ein Notierungscode, mit der wirtschaftliche Handlungen dargestellt werden. So wie Noten und Partituren zum Festhalten von Musik genutzt werden, egal ob es sich um eine Barock-Oper oder eine Pop-Nummer handelt, kann die doppelte Buchhaltung jede wirtschaftliche Unternehmung abbilden, egal ob ein Einzelunternehmer aus Brandenburg Honig verkauft, oder ein Energiekonzern weltweit Kraftwerke anbietet. Und noch dazu so, dass es für Dritte verständlich ist. Vorausgesetzt, sie verstehen doppelte Buchhaltung.

Wussten Sie das? Buchhaltung ist eine Kulturleistung!
Spannend ist die Geschichte dieses Notierungsystems. Von italienischen Kaufleuten im späten Mittelalter entwickelt wird es bis heute unverändert genutzt – und das weltweit. Eine europäische Kulturleistung, die auf Grund des Desinteresses für Buchhaltung kaum wahrgenommen wird. 1494 beschrieb der Mathematiker und Mönch Luca Pacioli die Buchhaltungspraktiken seiner Zeit, die von Venedig bis Genoa Anwendung fanden. Der Teil über doppelte Buchhaltung war nur ein Kapitel des Buches mit dem sinngemäßen Titel «Alles über Arithmetik, Geometrie und Proportionen», das den damaligen Stand der Mathematik festhielt. Der Buchdruck war gerade mal 25 Jahre alt, Pacioli muss also ein gewisses Renommée gehabt haben, um veröffentlicht zu werden. In der Tat verkehrte der franziskanische Mönch mit geistigen Größen der Zeit, in Mailand gab er einem jungen vielversprechenden Maler Mathematik-Nachhilfe, niemand geringerer als Leonardo da Vinci. Eine Zusammenarbeit entstand, Leonardo überredete ihn, seine Ansichten über den goldenen Schnitt und Perspektive in der Malerei 1509 in Buchform herauszubringen. Der Ehrlichkeit halber muss man das letzte Buch von Pacioli erwähnen: Eine Sammlung mathematischer Rätsel und Zaubertricks, wie Karten verschwinden lassen und ähnliches. Ob es einen direkten oder indirekten Zusammenhang mit doppelter Buchhaltung muss noch festgestellt werden, man hört hin und wieder von Fällen, in welchen an realen Tatsachen vorbei Buch gehalten wird. Auf jeden Fall verhalf Paciolis Buch der doppelten Buchführung zu ihrem Durchbruch.

Die doppelte Buchführung hat er nicht erfunden, aber verbreitet: der Mönch und Mathematiker Luca Pacioli in einem Gemälde von 1495.

Von der Renaissance zurück in die Graefestrasse: Hans-Peter Rühl vertritt die Auffassung, dass ein Verständnis der Prinzipien der doppelten Buchhaltung für alle, die nah oder fern wirtschaftlich tätig sind, vom Freiberufler bis zum Projektmanager eines Vereins, noch mehr für Menschen in der Wirtschaft, sinnvoll ist. Und dass das Rechnungswesen derzeit mit viel unnötigem Ballast vermittelt wird, die zum Verständnis der wesentlichen Idee nicht beitragen.

Immerhin erhielt er eine schriftliche Referenz der Universität Stuttgart, die ihren Studierenden die App empfiehlt, und die NORDAKADEMIE, Hochschule der Wirtschaft in Hamburg, stattet ihren Masterstudiengang damit aus. Sein neuestes Projekt ist ein interaktives Lehrbuch, das er erst dieses Jahr im iBooks Store veröffentlichte.

Auf iTunes erhält seine App und sein Buch durchwegs positive Kommentare. Wer sich selbst davon überzeugen möchte, kann seinen Podcast gratis anhören, die YouTube-Serie zur Kostenrechnung anschauen, an einem Seminar teilnehmen, oder sein Buch käuflich erwerben.

Was das Projekt lokale Wirtschaftstreibende engagieren sich im Kiez betrifft, so bietet er an, Schüler vor einer kaufmännischen Berufswahl zu beraten, Azubis und Schülern kostenlose Nachhilfe online oder vor Ort zu geben und auch ein Kontingent seiner Produkte gratis zur Verfügung zu stellen. Wenn er mal einen Vortrag über die Geschichte der doppelten Buchführung im späten Mittelalter hält, bin ich garantiert ein Teilnehmer.

Die Website von Hans-Peter Rühl

 

 


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