Das Haus mit dem Netto

Das Gebäude an der Urbanstraße 122-123 war nicht immer nur das mit einem Supermarkt im Hinterhof. Lange davor, in den 20er Jahren, war es die Zentrale der Berliner Straßenreinigung. Mit Fuhrpark im Innenhof und Dienstwohnung für den Herrn Direktor. Mehr über die Geschichte eines der markantesten Häuser der Straße…

Als Gustav Erdmann 1921 zum Direktor der Berliner Straßenreinigung ernannt wird steht ihm eine gewaltige Aufgabe bevor. Groß-Berlin war frisch gegründet, all die Schönebergs, Charlottenburgs, Spandaus und Konsorten wurden zu einer großen Einheit. Hatte vorher jede Gemeinde vor ihrer Tür gekehrt, mussten jetzt alle unterschiedlichen Straßendienste zusammengeführt werden, in einem einzigen Dienst. Ihn hatte man für diese Mammut-Aufgabe auserkoren, quasi in den Rang eines Feldmarschalls des Kehrens erhoben.

Aber auf ihn lauerten nochein paar andere Herausforderungen. In den zwanziger Jahren verbreiteten sich Autos rasant, und auch die Reinigung brauchte weniger Arme und mehr Maschinen. Man erprobte das eine oder das andere Fahrzeug, die übrigens damals so aussahen:

Das Modell von Siemens, hier unten abgebildet, diente der Bewässerung von Straßenoberflächen, um das nachträgliche Fegen zu erleichtern.

Auf jeden Fall machte sich Gustav Erdmann viele Gedanken über die Frage, glaubt man seinem Aufsatz aus 1929: „(…) wirtschaftliche Rücksichten zwingen die Straßenreinigungsbetriebe, die Handarbeit immer mehr einzuschränken und an deren Stelle die Maschinenarbeit einzuführen. Mit einer Anzahl neuer Maschinen und Fahrzeuge sind Versuche gemacht worden. Bei einigen, wie den selbstaufnehmenden Kehrmaschinen, den Baggersaugwagen und Sandstreumaschinen, sind die Versuche im großen und ganzen als beendet anzusehen; die Maschinen arbeiten bereits im praktischen Betriebe.

Das kommt einem bekannt vor. Schon damals ging es darum, Menschen durch Maschinen zu ersetzen… Die nächste Herausforderung war die Zusammenführung der Berliner Müllabfuhr mit der Berliner Straßenreinigung nach einem Skandal, die zum Absetzen des Müllabfuhrchefs zwang. Auch diese Zusammenführung gelang Erdmann wieder einmal hervorragend.

Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, legte man dem überzeugten Sozialdemokraten sehr nahe doch wo anders zu kehren. Seine Dienstwohnung in der Urbanstr. musste er logischerweise auch verlassen. Nach dem Krieg setzte man ihn wieder ein, und schon lauerten die nächsten Schwierigkeiten. Mit den Alliierten und dem Berliner Magistrat kam es oft zu Kabbeleien über die Stadtreinigung. Und ab 1948 galt es eine rein West-Berliner Stadtreinigung aufzubauen, die heutige BSR, mit Sitz in Tempelhof. Das Gebäude an der Urbanstraße 122-123 wurde von der Stadtreinigung geräumt und es wurde zu einem normalen Wohnaus. Lediglich ein paar Details, wie der hier unten abgebildete Fliesen-Bär, deuten auf den städtichen Ursprung des Hauses hin.

Dieser Bär, wohnhaft in der Urbanstraße 122-123, zeugt vom städtischen Ursprung des Hauses.


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