PORTRÄT: Die Kita der Siedlung

DAS KINDERLAND MITTENDRIN

Mitten in der Siedlung gibt es ein Haus nur für Kinder. Auf vier Stockwerken spielen, lernen,  basteln, schlafen 136 davon. Tief im Häuserblock, fern von Lärm und Abgasen, umgeben von einem eigenen Garten. Gibt es etwas besonderes an einer Kita in der 97% der Kinder mehrsprachig sind? Ein Gespräch mit den Leiterinnen Frau Dietrich und Treuchel.

Verwunschen. Die Kita liegt etwas verborgen, ein hoher Zaun schützt sie, dahinter gibt es noch mehr grün als in der Siedlung. Ein Eichhörnchen huscht über die Wiese, es ist merkwürdig still im 80er Jahre Bau. Wo sind denn die 136 Kinder? „Mittagsschlaf“ erklärt Frau Dietrich, die mich durch das Gebäude führt. Nach dem Essen schlafen viele Kinder oder spielen im Garten, deswegen sind die großzügig ausgelegten Stockwerke fast leer. Sie haben alle fünf modulierbare Räume, einen Waschbereich und ein Erzieherbüro. Sie wirken aber alle sehr unterschiedlich. „Kinder und Betreuer gestalten die Räume, sie bestimmen auch, welche Nutzung sie bekommen.“ Die Gruppenräume sind altersgemischt. Im dritten Stock hängt eine niedliche, aber sehr große Raupe, von der Decke. Sie hat Zahlen auf dem Bauch, auf dem Boden wird an einer komplexen Eisenbahntrasse gebaut, hier geht es also schon um Rechnen. Im Stockwerk drunter gib es große Spinnweben an der Wand, in den Netzen hängen Fotos der Kinder. Im Nebenraum gibt es ein großes Regal mit viel Bastelmaterial. In anderen Räumen sind hingegen viele Kuscheltiere.

Allen Stockwerken gemeinsam ist: Es hängt auffallend viel von der Decke. Als Kind hat man die richtige Größe, als Erwachsener muss man hin und wieder den baumelnden, handgemachten Blumen, Kaninchen und Fischen ausweichen. Ein weiteres Merkmal: Auf drei Seiten des Gebäudes sind Fenster, durch die man auffallend viel grün sieht. Es gibt viele kleine Winkel „damit die Kinder sich auch mal zurückziehen können“ erklärt Frau Dietrich. In jedem Stockwerk gibt es ein Waschzimmer mit Waschbecken und Handtuchhaken in der richtigen Höhe. Womit klar wird, dass das Gebäude von vornherein als Kita geplant wurde. Und es gibt sehr viele Fotos von den Kindern und gemeinsamen Aktionen an den Wänden.

 

Die ersten Kinder taumeln aus den Schlafgemächern. Ganz wach sind sie noch nicht, sie schlafwandeln noch ein bisschen. Ein kleiner Junge begrüßt mich freundlich, dann zeigt er auf sein Foto an der Wand: „Guck, das bin ich!“ Ich bestätige. Er stellt mir seine ganze Gruppe vor, die mit ihm an der Wand hängt.

     

Kinder glauben sie spielen…

Dabei lernen sie Selbstbewusstsein und Sozialverhalten. Das Gleichgewicht finden zwischen sich in der Gruppe behaupten und auf die anderen hören. Das lernt man hier, während man der festen Überzeugung ist, man spiele munter vor sich hin. Frau Dietrich erklärt mir die sechs Bereiche des Berliner Bildungsprogramms, da die Kita zum städtischen Verbund Kindergärten-City gehört, der ganze 58 Standorte zählt. Soziales und kulturelles Leben ist ein Bildungsbereich, Gesundheit und Bewegung, Hygiene und Körperpflege sind weitere. Kunst, Mathematik und Kommunikation runden das Angebot ab. Seit kurzem auch im Angebot, ein Unterpunkt im Bereich Gesundheit: ein Schwerpunkt für Bewegung und Motorik, „Bewegte Kitas“.

Der Grundriss der Stockwerke eignet sich ideal, um den Orientierungssinn zu trainieren…

 

Die Morgenkreise tragen wesentlich zum Erlernen des Sozialverhaltens bei. In der Runde wird besprochen, was man an dem Tag machen will, was am Vortag passiert ist, was einem gefallen hat und was nicht. Konflikte gehören auch dazu, teilweise werden sie sogar nachgestellt. Hier lernen Kinder die Kehrseite von aggressivem Verhalten, wie es auf den anderen wirkt und dass es sie auf Dauer ausschließt. Und wie man Probleme durch Reden lösen kann.

À propos Reden. Als Redakteur eines Newsletters einer Siedlung dessen Bewohner 70 % Migrationshintergrund haben und der selber zweisprachig aufgewachsen ist, kann ich mir eine Frage nicht verkneifen. Wie es denn ist mit den vielen Sprachen? „Die Hauptsprache ist Deutsch, aber natürlich können die Kinder untereinander in einer anderen Sprache sprechen.“ Seit kurzem gibt es einen Mitarbeiter der neben Qualitätsmanagement auch sismik-Sprachtests durchführt, die zur Evaluation der allgemeinen Sprachfähigkeit dienen. So werden auch die Fähigkeiten in der anderen Sprache miteinbezogen und nicht nur Wortschatz und Grammatik im Deutschen geprüft. Vielleicht ist das ein Weg, Mehrsprachigkeit als Chance für die Entwicklung der Kinder zu sehen.

Was die Kinder sehen, wenn sie aus dem Fenster gucken: die hängenden Gärten der Deutschen Rentenversicherung.

Die deutsche Frage

Die Vielsprachigkeit ist immer wieder Thema bei Eltern, die in regelmäßigen Gesprächen in die Entwicklung der Kita eingebunden werden. Seit einiger Zeit wächst der Anteil der Kinder aus dem benachbarten Graefe-Kiez, aktuell sind es ca. 20%. Eine Gruppe von Eltern machte den Vorschlag, eine Etage der Kita rein deutschsprachig zu halten. Dabei war die Sprache eine Art Feigenblatt. Das Team meinte das sei leider nicht möglich, es entspräche nicht Berlin und noch weniger Kreuzberg, das mehr für Mischung als für Trennung steht. Vielleicht hängt deswegen neben dem bebilderten Speiseplan im Erdgeschoss jetzt ein kleines Poster mit einer Übersicht deutschen Gemüses (siehe Foto). Ein Trost für all die, die gerne Nationalitäten mit Lebewesen verbinden? Eher eine pädagogische Maßnahme: Das tägliche Menü hängt als Fotos der Speisen rechts vom Gemüse-Atlas.

Weißkohl, Rüben, Sellerieknollen: ok, das ist deutsch. Aber Pak Choi, Chicoree und Zuchini?

Wir sind wieder im Büro der Leitung im Erdgeschoss angelangt. Mittlerweile spielen wieder viele Kinder im Garten, der vor kurzem von Grund auf aus Mitteln der Sozialen Stadt saniert wurde. „Davor war es ein eher trauriges Brachland, jetzt gibt eine bunte Vielfalt an Spielgeräten und Beeten.“ Die Kinder wurden auch in die Gestaltung des Gartens eingebunden. Wie genau? Das macht mich neugierig. „Sie wollten ganz klar eine Wasserquelle und Gebüsch. Bei der Wasserquelle haben wir Ihnen mehrere Möglichkeiten gezeigt, von einem Wasserhahn bis zur aktuellen Pumpe.“ Die Pumpe hat eindeutig gewonnen, wenn man den Kindern zuguckt dürfte es mehr Spass machen zu pumpen, als einen Hahn aufzudrehen. „Das Gebüsch sollte Ecken schaffen, in denen sie für sich sein können.“ Ob sie das nutzen? Und wie: Direkt vor dem Büro der Leitung gibt es ein Rückzuggebüsch. Im Sommer bekommt sie oft mit, wie Kinder sich austauschen und absprechen. Eine Zeit lang war dieser Ort noch dazu die Quelle großer Verwunderung. Aus den Kellerluken die es dort gibt, hörte man in regelmäßigen Abständen ein schwer zu beschreibendes Jauchzen, oder Heulen. Am aller ehesten war das ein Gespenst. Es war aber nur ein einfallsreicher Handwerker, der Arbeiten im Keller durchführte und auch an seinem Gespensterjauchzen feilte. Die Leitung ließ ihn weitergeistern, achtete aber darauf, dass er ein nettes Gespenst vorspielte. Also doch verwunschen, aber mit einer Erklärung dafür.

Wir haben es alle seit langem vermutet: Die Welt ist ein großer, runder Zoo.

 

Willkommensgrüße auf 49 Sprachen: Wer fühlt sich nicht angesprochen?

Um die Kinder zu schützen wurden keine Fotos von ihnen gemacht. Dafür sieht man, was sie sehen.

Die Kita Urbanstrasse 48K feiert übrigens Ende August ihr exakt 30-jähriges Bestehen.


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