PORTRÄT: Das wöchentliche Vatertreffen im Dütti-Treff

Der Club der guten Väter

«Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr» meinte Wilhelm Busch. Und um sich in dieser Kunst zu verbessern, oder zumindest es zu versuchen, treffen sich einmal pro Woche im Dütti-Treff Väter der Siedlung und des Viertels mit Migrationshintergrund. Bericht eines Abends.

Es war halb zehn am Abend als ich in den Hauptraum des Dütti-Treffs eintraf, der Tisch war mit vielen Speisen gedeckt. Draußen war es noch nicht ganz dunkel. Ob man denn schon essen dürfte? fragte ich relativ geschickt. Ich wusste, dass es gerade Ramadan war. «Natürlich, es ist 21 Uhr 34» antwortete Mounaim Katir  «bitte setz Dich». Katir organisiert den Vatertreff seit vier Jahren und hatte mir freundlicherweise erlaubt, einmal dabei zu sein.

Die Runde bestand aus arabischsprachigen Männern. Sie hatten sich auf einen Dialekt geeinigt, um sich trotz ihrer sehr unterschiedlichen Herkünfte zu verstehen. Es gab Väter aus Marokko, aus Ägypten, aus dem Nahen Osten und aus dem Sudan. Wie praktisch dachte ich mir, dass man eine Sprache hat, in der man sich verstehen kann. Das haben wir in Europa leider nicht.

Ramadan-Crashkurs

Man unterhielt sich erst über die vielen Speisen und Getränke, einige davon werden nur für den Ramadan gemacht. Zum Beispiel Karkadeh aus dem Sudan, ein Hibiscus-Tee, oder ein Zimt-Tee, aus demselben Land. Ein paar naive Fragen musste ich loswerden, mit freundlicher Geduld wurden sie beantwortet. Ob es nicht schwierig sei, den ganzen Tag bei solchen Temperaturen weder zu essen noch zu trinken? Nun, daran sei man ja schon von Kindesalter an gewöhnt. Rauchen darf man auch nicht? Nein, kein Nahrungs- oder Genussmittel darf tagsüber die Kehle passieren. Dem Sinn einer Fastenzeit konnten auch die nicht religiösen etwas abgewinnen, aber ein paar Nachteile brächte es schon. Man muss die Zeit nach Sonnenuntergang sehr intensiv nutzen. Ein großer Teil des sozialen Lebens verschiebt sich in die Nachtstunden, in Cafés kann man Leute nicht mehr treffen, da man nicht konsumieren kann. Also schläft man viel später, wacht aber zur selben Zeit wie immer auf, manche sogar noch vor Sonnenaufgang, um für den Tag noch essen zu können. Manche Tage werden dadurch sehr lang, manche nehmen sogar während der Fastenzeit zu. Wenn der Ramadan im Winter oder im Herbst ist, also in der Hälfte des 33jährigen Mondzyklus, ist es leichter.

Aber sie hätten es noch vergleichsweise gut, in Berlin, auf dem Breitengrad 52. Einer der Väter hat einen Verwandten in Oslo, auf dem Breitengrad 60, die können erst um halb elf essen. Wir guckten alle erschrocken auf die Uhr die im Dütti-Treff hängt, wohlgenährt, wir hatten schon den Kaffee erreicht. Es war zwanzig vor elf, die Uhrzeit zu der die Juni-Sonne in Skandinavien untergeht.

Nach einer Schweigesekunde für die Muslime Skandinaviens fing die Konversation wieder an. Sie erreichte jetzt den Herrmannplatz und die Sonnenallee. Diese Gegend sei besonders gepriesen von Flüchtlingen, da die vielen arabischen Läden und Lokale an die Heimat erinnern. Man nennt es doch Gaza-Streifen, meinte ich. Nicht mehr lang, erwiderte Lassoul lächelnd, und zitierte alteingesessene Geschäftsleute aus Libanon und Palästina. Diese sehen mit etwas Missgunst, dass jetzt viele Syrer Geschäfte eröffnen. Wenn das so weitergehen sollte, hieße es bald Damaskus-Allee. Wie viele Geschäfte können tatsächlich das sein? Wir tauschen Statistiken aus: 15.000 Flüchtlinge hätten in Berlin Aufenthaltserlaubnis erhalten, davon hätten ein Sechstel sich selbständig gemacht. Das sind ca. 2500. Die können doch nicht alle ein Geschäft an der Sonnenallee aufgemacht haben? Was die wohl sonst machen? Wir vertagen diese Erörterungen, denn unsere Faktenlage ist zu dünn.

Vertrauen ist schwierig

Noch eine naive Frage: Ob es nicht hilfreich sei, eine gemeinsame Sprache zu haben, um über Spannungen zu sprechen? «Im Prinzip schon,» meint Mounair, «aber wir Araber tun uns schwer, über Probleme zu reden». Er und sein Kollege Lasoul zeigen es mit mehreren Beispielen.

Lasoul arbeitet in einem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Weißensee. Dort gibt es Jugendliche aus vielen Ländern, auch europäischen, oder asiatischen, nicht nur aus dem nahen oder mittleren Osten. Während die aus muslimisch geprägten Ländern Jungs im Schnitt sechs Monate brauchen, um ihren Betreuern zu vertrauen, so bräuchten Teenager aus anderen Gegenden meist ein bis zwei Monate. «Wir lernen eher, Schwierigkeiten für uns zu behalten, und weniger zu vertrauen. Zu schnelles Vertrauen kann in manchen Teilen der arabischen Welt auch gefährlich sein.» Dass es mehr für Jungs als für Mädchen stimmt, schildert er mit einer weiteren Erfahrung. Als er vor einigen Jahren in der Charité angeleitete Gesprächsgruppen vom Arabischen ins Deutsche dolmetschte, für Frauen- und Männerrunden, bemerkte er, dass die Frauen viel schneller Vertrauen fassten, untereinander, aber auch zu den Ärzten.

«Arabische Männer öffnen sich eher selten» meint auch Mounaim. Das ist einer der Gründe warum der gelernte Sozialarbeiter, er hat in Wismar studiert, den Vatertreff ins Leben gerufen hat. Über Probleme spricht man nicht, nicht mit Nachbarn, und selten mit Freunden. Hier könnte man das, zumindest besteht die Möglichkeit dazu. Es verlangt aber immer viel Fingerspitzengefühl. Der Altersunterschied zum Beispiel spielt eine große Rolle. Mounaim ist jünger als die meisten, deswegen darf er nicht belehrend wirken, wenn er einen Ratschlag gibt, oder eine Empfehlung. Und die Gespräche können nicht dirigiert werden, da die Väter sich wohlfühlen sollen. So gleitet manchmal das Gespräch von Rassismus, oder von der Mehrheitsgesellschaft, zu Autos, eins der Lieblingsthemen. Mounaim probiert dann sanft und diskret wieder zum ursprünglichen Thema zu lenken.

Mehr Präsenz in der Erziehung der Kinder

Der zweite Grund, der wichtigste, der aber auch mit dem ersten zusammenhängt, ist ehrgeizig in seiner Tragweite. «Viele arabische Väter sind nicht sehr präsent in der Erziehung der Kinder. Sie überlassen das den Frauen, der Familie, der Schule. Es herrscht eine gewisse Passivität. Das wollen wir ändern. Wir wollen den Vätern zeigen, dass Kinder auch ihre Väter brauchen.» Dazu halten sie auch Vater-Kind-Tage einmal im Monat, bei welchen die Väter noch überwiegend mit ihren Söhnen kommen.

Aber manch arabischer Vater kann es schwer haben. Sollte er zum Beispiel Hartz-IV Empfänger sein, bringt das eine gewisse Orientierungslosigkeit mit sich. Die Rolle der Frau ist dann klar definiert, sie kümmert sich um die Familie, die des Mannes ist es nicht. Er kann sich schwer behaupten. Bei einigen sei es ganz schlimm, das einzige, was sie beeinflussen könnten, sei die Fernbedienung. Wenn ihre Frauen sich scheiden ließen nehmen sie manchmal die Transfertleistungen mit – der Mann steht dann mit sehr wenig da.

Eine andere, vielleicht marginale Erklärung für die Passivität hat Lassoul: Er kennt viele Leute die in geschlossenen Flüchtlingslagern im Libanon in den 80ern und 90ern aufgewachsen sind. In diesem Ausnahmezustand der fast Jahrzehnte dauerte – es waren damals dichte Zeltstädte – wurden viele Kinder fast schon alleine erzogen, oder von der Großfamilie. Das würden sie hier in Deutschland reproduzieren.

Gegen die Passivität zu mehr Initiative zu bewegen gehört auch zu den Zielen des Vatertreffs. Manchmal denkt Mounaim, vielleicht sind sich einige nicht bewusst über das Glück in der Düttmann-Siedlung zu wohnen. Es ist ein abgeschirmtes Gebiet, es gibt viele Spielplätze, es wurde viel renoviert, es gibt zahlreiche Angebote. «Aber das Quartiersmanagement wird nicht mehr lange hier sein, dann wird es vieles hier nicht mehr geben

Es bewege sich zwar etwas, aber sehr langsam. «Auch mit der Hilfe von Farag, der im Dütti-Treff arbeitet, schaffen wir eine Atmosphäre des Vertrauens. Die Väter sehen, dass man hier locker über alles reden kann. Nach und nach öffnen sie sich.» Sie lernten sich selbst besser zu verstehen und auch Selbstkritik üben. Mounaim und Lassoul erzählen von einem Teilnehmer der neulich ganz unerwartet von der Beziehung zu seinem Vater redete und wie sehr sie ihm zu schaffen gemacht hatte. Auch wenn der Vater entführt wurde und seine Abwesenheit nicht gewollt war, einen Einfluss hatte diese Tatsache natürlich. Das Beispiel zeigt, dass viele aus viel bewegteren Gegenden kommen, als wir es hierzulande gewohnt sind. In solchen Momenten wissen beide, dass ihre Anstrengungen fruchten. Es ist sehr langsam, aber es bewegt sich etwas.

Mounaim erzählt von Marokko. Dort lebten auch viele Christen und Juden. Und es komme auch vor, wenn auch selten, dass eine muslimische Frau einen Europäer heirate. Das könne er sich bei vielen Muslimen hier nicht vorstellen, leider. Es gibt zwar eine gemeinsame Sprache im arabischen Raum, aber trotzdem bleiben viele verschiedene Denkweisen.

Es ist inzwischen Mitternacht. Zum Abschluss will ich noch ein Gruppenfoto machen, aber ein paar der Väter sind nicht so begeistert. Also mache ich eine erste Aufnahme mit den willigen Vätern, siehe oben. Auf der Suche nach dem besseren Foto müssen die Väter verschiedene Orte im Dütti-Treff ausprobieren, was sie geduldig mitmachen. Mit jedem neuen Ort lässt sich ein Vater überreden, doch mitzumachen. Beim letzten Foto ist die Väterrunde dieses Abends komplett.

Vätertreff im Dütti-Treff: Jeden Freitag um 18 Uhr, außer während des Ramadans. Dann beginnt es nach Einbruch der Dunkelheit.

Wer übrigens den Weg zum Dütti-Treff nicht kennt:
Breitengrad 52°29’22.5″N, Längengrad 13°25’04.5″E


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