FRÜHER IM VIERTEL: Wer war eigentlich der Herr Jahn?

Der germanische Gymnast

Auch ohne Abitur kann man es zu was bringen. Friedrich Ludwig Jahn wurde im 19. Jhdt als Turnvater der Nation berühmt. Er brachte den Deutschen die Vorzüge des Sports näher und führte zu einer Flut von Turnvereinen, an der Hasenheide gründete er den ersten Turnplatz des Landes. Porträt eines Propheten eines geeinten Deutschlands, der notorisch Deutschtümelei mit Leibesübungen verband, Namensgeber einer Straße, die heute durch ein Gebiet mit dem höchsten Migrantenanteil Berlins führt.

Eine große Ausdauer hatte er, Friedrich Ludwig. Jahrelang hing er an Universitäten herum, ohne jemals ein Studium abzuschließen. Besser noch, ohne überhaupt ein Abitur zu haben. Nicht nur körperlich, auch behördlich war er geschmeidig. Von Schulen wie von Unis wurde er wegen schlechter Führung verwiesen, im Jahre 1800 wurde ihm sogar im Alter von 22 Jahren der Zugang zu allen deutschen Universitäten verboten. Bitter für jemand der von deutscher Geschichte und Literatur begeistert war, der sich nichts sehnlicher als eine Stelle an einer Universität wünschte. Als Hauslehrer konnte er sich durchschlagen, spätere Versuche, an Berliner Universitäten zu unterrichten, wurden ihm von Schwergewichten der geistigen Elite seiner Zeit verwehrt. Friedrich Schleiermacher bescheinigte ihm zu wenig Kenntnisse in Philosophie und Latein, Wilhelm von Humboldt meinte ermutigend, er solle es doch ein Jahr später noch einmal probieren. Das war 1810, Friedrich Ludwig war 32, vom Erfolg den er später erreichen würde fehlte jede Spur.

Als Kompensation veröffentlichte er im selben Jahr das Buch «Deutsches Volksthum», seine programmatische Schrift. Seine Weltanschauung in wenigen Worten: Deutschland sollte nicht auf über 30 Staaten zersplittert sein, die sich von einem damals agressiven Frankreich malträtieren ließen, sondern in einer Nation geeint. Holland, Schweiz und Dänemark wären gleich mit dabei, eine Hauptstadt ließe sich idealerweise in Thüringen aus dem Boden stampfen, natürlich mit dem Namen Teutonia. Anstatt mit Fremdsprachen zu kokettieren sollte der Deutsche nur noch Deutsch sprechen, dass Französisch damals so en vogue war, war ein Zeichen der innere Schwäche, man kapitulierte gleich beim ersten Satz. Auch die damalige Literatur brachte Friedrich Ludwig auf: Unterhaltungsbücher sei von «Hungerleidern zusammengeschmiert», «plump» und «roh» deren Sprache, «flügellahm» deren Fantasie. Auf wenigen Seiten von insgesamt 300 beschrieb er Leibesübungen, die einen viel deutscher machen würden.

1810 erwies sich doch noch als gutes Jahr für Jahn: Im November gründete er den geheimen Deutschen Bund zur Einheit und Befreiung Deutschlands, auf der Hasenheide. Gefeiert wurde die Gründung im nahegelegenen «Dusteren Keller», fürs Deutschsein – und vielleicht auch fürs Lachen – ging man damals unter die Erdoberfläche. 1811 gründete er, auch auf der Hasenheide, sie hatte es ihm angetan, einen Turnverein. Als Hauslehrer hatte er Johann Christoph Friedrich Guts Muths kennengelernt, der den ohnedies sportlich interessierten Jahn vom Turnen und dessen zahlreichen Vorzügen überzeugte. Die heutige Binsenweisheit – Sport ist gut, wer keinen treibt solle sich schuldig fühlen – war ja damals absolut ungewohnt. Aber Jahn sah seinen Turnverein als verdeckte Keimzelle des Widerstandes gegen Frankreich, das in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts Deutschland besetzte. Die Turnübungen dienten nicht nur der Fitness, sondern auch der Wehrhaftigkeit des Volkes, die später großangelegten kollektiven Übungen waren eine Machtdemonstration durch Geschlossenheit.

Eine Zeit lang fanden Verantwortliche in Preußen Gefallen an Jahns Aktivitäten. Er schloss sich dem Freikorps Adolf von Lützow an, trug dazu bei, Napoleon 1813 in der Völkerschlacht zu Leipzig zu besiegen, wurde als Held gefeiert, erhielt einen Ehrensold, schaffte es zum Berater des Preußischen Kanzlers Hardenberg. Er gründete 1815 die Urburschenschaft in Jena, veröffentlichte 1816 sein 2. Buch «Die deutsche Turnkunst», reiste durch die deutschen Landen, hielt Vorträge, warb für seine Turnvereine und Leibesübungen, vergaß dabei die Geräte seiner Erfindung wie Recken und Barren nicht, die bis heute in der klassischen Gymnastik bestehen. Er fand sogar seinen Weg in ein Bild der deutschesten aller Maler: Caspar David Friedrich. Eine der Gestalten aus dem Gemälde Zwei Männer in Betrachtung des Mondes aus 1819 ist laut Kunsthistorikern Jahn höchstpersönlich.

Zur Erinnerung: C.D. Friedrich, Zwei Männer in Betrachtung des Mondes. Um 1819/20, links ist eindeutig F.L. Jahn zu erkennen.

Jahn setzte sich aber auch für mehr Bürgerrechte ein, deren Beschneidung er stark kritisierte. An der Organisation der preußischen Armee fand er auch viel auszusetzen. Das wurde den Preußen bald zu bunt. Jahn und seine vielen Gefolgsleute – er hatte ein Talent, Jünger um sich zu scharen – wollten ein geeintes Deutschland, nicht in erster Linie ein starkes Preußen. So wie sie Napoleon zu schaffen gemacht hatten, könnten sie eventuell für den mächtigsten der deutschen Staaten gefährlich werden. Die Turnervereine wurden verboten, Jahn verhaftet, sechs Jahre musste er Gymnastik hinter Gittern betreiben.

Jahn hatte das Talent mit den Persönlichkeiten seiner Zeit in Verbindung zu treten. Wenn auch nicht immer zu seinem Vorteil, wie schon gelesen. In der Person von E.T.A. Hoffmann jedoch fand Jahn einen Fürsprecher. Der Schriftsteller, der Hauptberuflich Richter war, studierte seinen Fall intensiv, befand die Vorwürfe für konstruiert und empfahl schließlich Jahn zu begnadigen. 1825 sprach man ihn von allen Vorwürfen frei. Ab dann ging es nur noch stetig nach oben: 1840 erhielt Jahn das eiserne Kreuz, wurde vom Kaiser in Person amnistiert, 1842 wurde Turnen Schulfach in Preußen. 1848 wurde er in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt und noch schöner: Im selben Jahr wurde sein 70. Geburtstag auf der Hasenheide groß gefeiert. Heerscharen von gleichgetakteten Gymnasten inklusive, die alle seinem Turnmotto mit einer Wortfolge in F fröhnten: frisch, frei, fröhlich, fromm.

Jahn um 1850, ehrfurchteinflößender wird es nicht.

Das hohe Alter hatte ihn konziliant gemacht: Jahn sprach sich in der Nationalver-sammlung für ein preußisches Erbkaisertum aus. Das kostete ihm viele Sympathien, dadurch ging er aber als Apostel der Leibesübung in die deutsche Geschichte ein. 1852 starb er im Alter von 74 Jahren und wurde in einer überdimensionierten Turnhalle begraben, mit dem bescheidenen Namen Walhalla, das man damals in Freyburg (Unstrut) verortete. Jahn hatte den Status eine Turnübervaters erreicht, sah wie man viele, viele Statuen noch zu seinen Lebzeiten errichtete, schaffte es danach auf Briefmarken der verschiedenen Regimes und Staatsformen, die Deutschland heimsuchten oder frei gewählt wurden. Und das alles, man erinnere sich, ohne Abitur.

So lässt sich das Ausmaß seines Einflusses besser verstehen: Turnfest in Leipzig, 1913.

Abschließend muss erwähnt werden, dass Jahn aus heutiger Sicht fremdenfeindlich war. Nationalismus ist für jemand der Deutschland einen will in gewisser Weise logisch. Fremde auszugrenzen gehört aber nicht zwingend dazu. Der jüdische Turnfunktionär Theobald Scholem schrieb 1902 in der Jüdischen Turnzeitung: „Auf uns Juden ist er nie gut zu sprechen gewesen, alles was nicht ganz deutsch war, bis auf einige antike Beispiele, die er gern heranzog, war ihm in der Seele zuwider.“ Gleichwohl erkannte Scholem Jahns Bedeutung für das deutsche Turnen an, dieser Leistung Respekt zu zollen sollten auch jüdische Turner tun. Zur Entlastung Jahns lässt sich sagen, dass er nie radikal fremdenfeindlich war. Ob man verträglich fremdenfeindlich sein kann, ist hier die Frage.

Wie er es wohl sehen würde, dass seine Straße durch ein Gebiet Berlins führt mit einem der höchsten Migrantenanteile? Vielleicht hätte er mit den richtigen Leibesübungen die nötige geistige Flexibilität erreicht um anzuerkennen, dass Deutsch sein heute viel facettenreicher ist als damals.

Ein Senior turnt 1995 in der Hasenheide, auf Jahns Turnplatz, der bis heute noch besteht.


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