FIRMEN IM VIERTEL: Die deutsche Rentenversicherung

Der große, stumme Nachbar

Hier werden überlicherweise kleine und niedliche Firmen portraitiert, die in den Kiez wirken. Bei einer der größten Organisationen Deutschlands, die deutsche Rentenversicherung Bund, trifft das nicht zu. Ihr Standort an der Hasenheide 25-29 zählt 1300 Mitarbeiter verteilt auf neun Stockwerken. Sie steht mitten im Fördergebiet und prägt dieses mehr durch ihre Größe als durch Anknüpfungspunkte.

So riesig und doch so unscheinbar. 200 Meter lang, 100 Meter tief, neun Stockwerke, 32.000 m2 Nutzfläche. Fast ein Zehntel der bundesweit 15.000 Mitarbeiter der DRV arbeiten hier – wenn man monatlich 19 Milliarden Euro an Renten zahlt, braucht man sicher so viele Mitarbeiter. Und es gibt einen denkmalgeschützten Ballsaal aus der Zeit, als die Hasenheide noch eine Ausgehmeile war. Trotz der Größe nimmt man diesen Koloss nicht wirklich wahr, man geht an ihm vorbei, oder unter ihm durch, wenn man den Schleichweg von der Hasenheide in die Siedlung nimmt.

Die Fassade der DRV zur Hasenheide: Der Architekt hat als Kind vielleicht nicht viele Adventskalender bekommen.

Kein Wunder, es bestehen ja auch keine direkten Berührungspunkte mit der Nachbarschaft. Ein doppelter Zaun trennt die Rentenversicherung von der Siedlung, die Tiefgarage (mit 200 Stellplätzen nebenbei erwähnt) ist mit Schranke und Wärterhäuschen geschützt, im Eingang des Gebäudes stellen zwei Wächter sicher, dass kein Ungebetener die Mitarbeiterschleuse passiert. Die deutschen Renten sind gut bewacht.

Aber heute schaffe ich es durch die Schleuse. Eine Wächterin macht mir sogar auf, was aber ein bisschen Vorbereitung brauchte. Eine Anfrage bei der Pressestelle des Hauptsitzes, die mich an die Gebäudemanager weiterleiteten, woraufhin ich einen Termin bei der Zweigstelle Hasenheide direkt ausmachen durfte. Mahnend erinnert mich der Sicherheitsmitarbeiter an die Auflagen: «Also, Fotografieren ja, aber weder Räumlichkeiten, noch Mitarbeiter. Vom Gebäude nach Außen, gerne.» Das trifft sich gut, genau das wollte ich.

Denn obwohl man das Gebäude nicht wirklich wahrnimmt, sieht man es doch fast immer von der Düttmann-Siedlung aus. Es ist gefühlt doppelt so hoch wie die Bauten der Siedlung. Ob die Mitarbeiter in den oberen Stockwerken gelegentlich auf die Siedlung gucken? Von dort muss man doch einen Architekten- oder Stadtplaner-Blick auf sie haben. Nehmen sie die Siedlung überhaupt wahr? Oder versinkt sie im riesigen Berlin? Dafür müsste ich mit den Mitarbeitern reden, was ich auch darf, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlassen haben. «Wissen Sie, ich wohne ganz woanders und für mich ist das hier ein reiner Arbeitsplatz. Ich komme pünktlich und gehe genauso pünktlich», sagt eine freundliche DRV-Mitarbeiterin auf der Hasenheide. Ihre Kollegin sieht es ähnlich.

Die Sicherheitsmitarbeiterin, die mich freundlich und geduldig durch das verzweigte Gebäude führt, teilt diese Meinung. Bei über einer Stunde Fahrtzeit zum Arbeitsplatz kann man das verstehen. Sie zeigt mir die besten Aussichtspunkte des Gebäudes, zum Herrmannplatz hin, zum Südstern, und natürlich zur Siedlung. Leider wurde Stufenweise gebaut, je höher das Stockwerk, desto kleiner der Grundriss, sodass unbegehbare Terrassen den Blick zur Siedlung etwas verbauen. Zur Hasenheide hin ist die Fassade absolut gerade. Bei jeder Bitte, ungefähr eine pro Stockwerk, ob ich nicht doch die Terrassen betreten könnte, um ein besseres Foto zu machen, erhalte ich ein freundliches Kopfschütteln.

Dennoch ist die Sicht auf die Siedlung schön. Man sieht sie war nicht wie bei einem Modell, dafür ist die Rentenversicherung nicht hoch genug. Aber man erkennt den Düttmann-Platz, die Häuserschlucht zur Urbanstrasse, erahnt den Weg zur Graefe-Straße, den Spiel- und Bolzplatz lässt sich vermuten.

Berlin hat sich an dem Tag wieder einmal in einen eleganten Hochnebel gehüllt, trotzdem beeindruckt der rundum-Blick. Vom Fernsehturm sieht man nur «den Stängel, aber nicht die Frucht» wie die Sicherheitsdame sagt. Rechts davon gibt es plötzlich ein Wald von Baukränen, dazwischen lugt schwer erkennbar ein Mercedes-Stern: Neben der ehemaligen O2-Arena entstehen gerade ein neues Einkaufszentrum, die East Side Gallery, und die Wohntürme Max und Moritz.

Baukräne im Nebel: Ein neues Viertel entsteht an der East Side Gallery.

Blickt man in Richtung Tempelhofer Feld wirkt die Hasenheide wie ein dichter Wald, die leichte Anhöhe wie ein echter Hügel, dahinter lugt der Radarturm des ehemaligen Flughafens hervor. Links vom Glockenturm des Südsterns sieht man einen zweiten, das muss die Kirche der polnischen Gemeinde sein, die St. Johannes-Basilika in der Lilienthalstraße, direkt neben der Botschaft des Vatikans.

Es geht hinunter in die tieferen Stockwerke. Warum denn relativ viele Büros leer stehen? Die Versicherung bereitet sich auf einen Umzug vor, die vielen Standorte, über 10 Gebäude in der Hauptstadt, sollen zusammengeführt werden. Ab 2019 könnte dann die deutsche Rentenversicherung nicht mehr Nachbarin der Siedlung sein. Könnte, das ist jetzt nicht geprüft. Wenn man schon beim Konjunktiv ist, könnte man in dem Fall das Gebäude zu einem Wohngebäude umfunktionieren? Und so wie bei der ursprünglichen Planung der Siedlung, die Siedlung mit einem Wohngebäude an die Hasenheide andocken? Wenn dieser letzte Block in den 80er Jahren doch noch gebaut worden wäre, wäre die Geschichte der Siedlung anders verlaufen? Mein bruchstückhaftes Wissen der Immobilienwirtschaft setzt der Träumerei ein Ende, vermutlich sind Bürogebäude lukrativer als Wohngebäude.

Als Bürogebäude ist es wirklich geeignet. Die Gänge sind breit, die Räume hell, die Klos sind nie weiter als 50 Meter entfernt, es gibt gefühlt an jedem Korridorknick eine Teeküche. In den Stockwerken ist die Stimmung konzentriert und ruhig, bei den vielen Millarden die auf dem Spiel sind, ist das auch beruhigend.

 

Wir kommen jetzt zu dem Herzstück aus meiner Sicht, der ehemalige Ballsaal des Residenz-Casinos, das Berghain der 60er Jahre. Anfang der 90er Jahre wurde hier «Und der Himmel stand still » mit Anthony Hopkins und Isabella Rosselini gedreht von keinem geringerem als John Schlesinger. Seitdem ist der Glamour etwas verblasst. Heute erkennt man an der intakten Architektur der 50er Jahre klar den Veranstaltungsraum. Es heißt immernoch Kasino, mit K, nur ist dort heute die Kantine der DRV. Eine Essenstheke nimmt einen Großteil der Fläche ein, überall stehen Tische, sogar auf der Bühne. Dort speist gerade eine Gruppe Mitarbeiter, wie eingerahmt.

Auf der Empore, dort wo früher wahrscheinlich die besseren Plätze waren, steht unter stilvollen Neonröhren-Lustern ein genaues Modell des Gebäudes. Die Siedlung ist mit schematischen Elementen angedeutet. Sollte die Rentenversicherung wirklich einmal ausziehen, findet der schöne Raum vielleicht eine Nutzung, die mehr seiner Bestimmung entspricht.

 


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