BERICHT: Abschlussfeier des QMs Düttmann-Siedlung

Der Vorhang fällt 

Wie beim Ende eines Theaterstücks alle Schauspieler*innen sich ein letztes Mal dem Publikum zeigen, feierte man das Ende des Quartiersmanagements mit einem Fest, das alle Akteur*innen des Gebiets würdigte. Das renovierte Nachbarschaftshaus bot die passende Bühne für Erinnerungen, Ehrungen und Dankeschöns. Rückblick auf einen Rückblick.

Es waren alle da, oder zumindest so viele, wie der Virus erlaubte, die jemals für das kleinste Quartiersmanagement Berlins wichtig waren, sind und sein werden. Die Leute vom Bezirk, die die Entwicklung des Gebiets in strategischen Entscheidungen aus der Vogelperspektive begleiten, die Akteur*innen, die über die Jahre im Gebiet gearbeitet haben und einige Bewohner*innen, die sich besonders stark engagierten. Bei einem Rückblick von 15 Jahren Arbeit stellt sich natürlich die Frage, woran man erinnern will, welche Auswahl man trifft. Da Kataloge und Listen selten eine spannende Lektüre bieten, wählten die Zeremonienmeisterinnen Angelika Greis und Pinar Boga zu dramaturgisch klugen Mitteln.

Das Team ‘Dütti 1’ starrt gebannt auf die Antworten: Welche ist die Richtige? Das war die Frage.

Das erste Erzählmittel war ein Quiz, angelehnt an die Sendung „Wer wird Millionär“. Zwei Teams traten gegeneinander an, „Die Düttis“ und „Dütti Deluxe“, und mussten Fragen zur Siedlung beantworten. Wieviel Geld war in der Zeit geflossen? Passend zum Namen des Format-Vorbilds, vier, sechs, oder acht Millionen Euro? Welche drei Vereine haben sich in den 15 Jahren in der Düttmann-Siedlung gegründet? Welche drei Initiativen hatten in ihrem Namen „Graefe Süd“? Die beiden Teams ließen in diesem Freundschafts-Match kurzweilig die Fakten und Geschichten aus dem Gemeinschaftsprojekt Düttmann-Siedlung Revue passieren.

Zur linken „Die Düttis“, also der Eigentümervertreter Guido Baranowski, die Nachbarschaftstreff-Leiterin Emine Yilmaz und der Bewohner Dani Mansoor. Zur Rechten „Dütti Deluxe“, bestehend aus dem Verantwortlichen des Programms Soziale Stadt Ralf Hirsch, die Bewohnerin Anneliese Lorenz und Valentina Sajin, ebenfalls Bewohnerin, die aber in ihrer Qualität als Mitgründerin des Mädchenprojekts Graefe-Girls mitspielte. Der Gewinner war das Publikum, das spielerisch an die wichtigsten Ereignisse der Gebietsentwicklung erinnert wurde. Die Teams sackten keine Millionen Euro ein, aber vielleicht Millionen Buchstaben, da jeder der Spieler*innen das Buch „Dütti Storys“ mitnehmen durfte, eine Sammlung Artikel über die Siedlung von Angelika Greis und des QM-Newsletters.

Beim Dütti-Quiz gewann man die Dütti-Storys, ein Rückblick auf 15 Jahre QM. Der glückliche Gewinner hier: Guido Baranowski, Eigentümervertreter, vom Team ‘Die Düttis’.  

Es folgte der zweite dramaturgische Kunstgriff. Nicht der heiße Stuhl, auch nicht der grüne Salon, sondern der rote Thron. Die Bewohner*innen und Akteur*innen, die sich besonders verdient gemacht hatten, durften Platz auf einen feudalen Ohrensessel nehmen, mit rotem Samt bezogen und golden umrahmt. Mit einer Urkunde in der Hand und einem Stadtrat zur Seite wurden sie fotografisch verewigt. Natürlich führte ein roter Teppich zum Sessel und in dem gefühlt 400 Quadratmeter großen Hauptsaal des Nachbarschaftshauses, mit einer reduzierten Beleuchtung, machte das schon Eindruck. Jede*r wurde mit ein paar Sätzen, über den jeweiligen Beitrag zur Nachbarschaft und zur gelungenen Zusammenarbeit vor Publikum geehrt, das in sicherer Entfernung voneinander entfernt saß. Für das Virus war das kein guter Abend, wohl aber für alle anderen.

Ein klares Hygiene-Konzept: Viel Platz für Gäste, wenig für Viren. 

Davor und dazwischen kamen die Reden. Die des Geschäftsführers des NHUs, Markus Runge, der den Abend eröffnete und der versicherte, man werde sich weiterhin für das Gebiet engagieren, mit oder ohne QM, im Sinne ihres Verständnisses der Gemeinwesensarbeit. Schließlich war das NHU, gemeinsam mit vielen anderen, entscheidend für die Einrichtung des QMs Anfang der 2000er Jahre. Dann die des Bezirksstadtrats für Soziales, Knut Mildner-Spindler, der an das Viele, das erreicht wurde, erinnerte. Den Reden-Reigen schloss der Gebietsverantwortliche des Programms Soziale Stadt ab, Ralf Hirsch. Er strich die vielen Besonderheiten des QMs Düttmann-Siedlung hervor, vornehmlich die, dass das QM-Team unter Leitung von Angelika Greis nicht schlicht einen Job machte, sondern seine Arbeit und seine Siedlung liebte.

Er eröffnete den Abend: NHU-Geschäftsführer Markus Runge meinte, das Ende des QMs eröffnet eine neue Phase der Gemeinswesenarbeit.

Doch bevor der bei Veranstaltungen ersehnte Moment der Büffet-Eröffnung kam, stürmten eine handvoll Leute den Redner-Pult und überraschten mit einer ungeplanten Guerilla-Ansprache. Das Team von VIA in Berlin, Urgestein und tragende Säule der Nachbarschaftsarbeit in der Siedlung, bestehend aus Emine Yilmaz und Geschäftsführer Holger Förster, bewaffnet mit imposanten Blumensträußen, würdigte Angelika Greis und Pinar Boga. Wohlverdient, denn es ist schwer, als Moderatorin eines Abends sich selbst zu loben. Das ist derzeit eher eine Spezialität von US-Präsidenten. Angelika Greis rief kollegial alle nach vorne, die mal Teil des QM-Teams waren, Songül Dogan, Nele Westerholt, Philipp Koller, und Julia Löser, die unerwartet einen Strauß erhielten und so entstand ein so chaotisches wie schönes Schlussbild für den Erinnerungsteil des Abends. Jetzt begann das Feiern, unterstützt vom orientalischen Essen des Kreuzberger Himmel, ein von syrischen Geflüchteten gegründetes Restaurant in der Yorckstraße – und von kostenlosen Getränken. Bis Mitternacht blieben viele Gäste und wäre das NHU-Personal nicht gewesen, das höflich an die Zeit erinnerte, hätte die Nacht eine Kreuzberger Länge erreicht.

Der Vorhang des Abends war endgültig gefallen. Für das Quartiersmanagement fällt der Vorhang endgültig am 31.12.2020. Der Regisseur und in gewisser Weise der soziale Impresario des Kiezes, wenn man schon den Vergleich zur Theaterwelt bemühen will, verlässt dann endgültig das Haus, dem Ensemble vertrauend, die Geschichte in seinem Sinne weiterzuschreiben.


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