BERICHT: Ein Verwaltungs-Verwirrspiel

Der Zaun des Anstosses

Eine behördliche Verwirrung, ein Verwaltungsirrlauf, ein Missverständnis. Was Mitte Mai auf dem Bolzplatz der Siedlung passierte, direkt vor den Containern des Jugendclubs drehpunkt, zeigt ein Unverständnis zwischen Behörden und Bewohner*innen des Graefe-Kiezes auf. Durch eine Verkettung von Ereignissen wurde der Zugang zum Jugendclub mit einem Zaun gesperrt. Die Jugendlichen fühlten sich ausgeschlossen, rissen den Zaun nieder, was einen Wiederaufbau unter Polizeiaufsicht verursachte. Nur eine Reihe von Gesprächen löste die Verwirrung auf. Eine Geschichte von Zäunen vor Jugendclubs und in Köpfen.

Seit dem Umbau des Gebäudes des Jugendclubs wurde dieser in Containern verlagert, zusammen mit der Baustelle und -geräten schmolz der Fussballplatz und die vorgelagerte Freifläche um die Hälfte. Die Jugendlichen der Siedlung müssen seitdem mit rund 150 Quadratmetern auskommen. Das ist wenig, zumal das Gebiet prozentual die höchste Zahl an Minderjährigen im Bezirk aufweist und ein Spielgelände auf dem benachbarten Zickenplatz, den die jungen Bewohner*innen der Siedlung gerne nutzten, vor kurzem umgewidmet wurde. Der ohnedies schon bescheidene Freiraum für Jugendliche ist also zur Zeit sehr, sehr eng bemessen.

Da kam der Sturz eines Astes von einem der wenigen Bäume auf der Freifläche zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Das Grünflächenamt handelte nach Vorschrift, entfernte den Ast, fällte den Baum. Weil es selbstgebaute Freiluftmöbel entdeckte, die sie als Sicherheitsrisiko einstuften, stellte das Amt zusätzlich einen Zaun auf. Die potentiell gefährlichen Möbel mussten in Quarantaine gesetzt werden. Dass der Jugendclub dadurch nicht mehr zugänglich war, schienen die Beamt*innen in Kauf zu nehmen.

Beim Leiter des Jugendclubs kam das nicht gut an. Noch weniger bei den Jugendlichen. Da es zuvor einen gut geplanten Einbruch im Jugendclub gab, interpretierten die jungen Bewohner*innen den Absperrzaun als Strafmaßnahme. Direkt gegen sie gerichtet: Die Schließung des Jugendclubs. Sie reagierten blitzschnell und radikal – nach Dütti-Fasson. Sie rissen den Zaun nieder. Nachbar*innen sahen die Aktion, riefen die Polizei, unter dem wachsamen Auge von zehn Polizeibeamt*innen wurde der Zaun wieder aufgestellt. Wie bei einem Domino-Spiel, bei dem ein kleiner Stein den nächsten umwirft, führte diese Kette zu mehr Unmut – und in Summe zu mehr Unverständnis. Denn das Grünflächenamt hatte nicht die Absicht, den Jugendlichen um ihren Club zu bringen. Wohl aber fehlte es an Fingerspitzengefühl oder an Kenntnis der lokalen Begebenheiten.

Diese Unkenntnis ist auch nicht verwunderlich. Denn laut dem Leiter des Jugendclubs, Cornelius Sutter, hatte sich das Grünflächenamt in den letzten 1,5 Jahren vor Ort nicht blicken lassen. Als er den Jugendlichen erkärte, dass das Amt eigentlich für die Fläche zuständig sei, auch für die Leerung der Mülleimer, reagierten sie noch trotziger. Sie bedeckten ihre durch den Zaun noch mal um ein Drittel vekleinerte Freifläche mit Unrat. Sie müssen den Müll wegtragen, ja? Dann werden wir dafür sorgen, dass sie auch genügend Arbeit haben – so vermutlich die Gedankengänge der Jugendlichen.

Beim zweiten Aufstsellen des Zaunes konnte Sutter einen kleinen Spalt aushandeln, um seinen Club wenigstens zugänglich zu halten. Aber der Schaden war schon entstanden, die Besucher*innenzahlen rasselten in den Keller. In der ersten Woche nach dem Zaunvorfall kamen gerade mal drei Jugendliche, in den folgenden Wochen waren es fünf, dann sechs. Verglichen mit den ca. 30 Teenager*innen, die sonst den Club besuchten, eine richtige Flaute. Aber auch auf Kooperationspartner*innen wirkte der Zaun verheerend. Sie glaubten auch an eine Schließung der Einrichtung, Cornelius Sutter sah die Arbeit seines Teams gefährdet. Während der noch bis 2021 andauernden Umbauten sollten mehr mobile Angebote im Kiez den Raumverlust kompensieren, dafür braucht es aber wenigstens eine funktionierende Basis. Der Zaun machte aber diesem Plan einen Strich durch die Rechnung.

Es musste eine Lösung her. Die Geschäftsführung des drehpunkt-Trägers, das Nachbarschaftshaus Urbanstraße, trafen sich mit dem Jugend- und Grünflächenamt. Ziel war, die Zäune im Kopf abzubauen. In einer lange von einer Mauer geprägten Stadt und bei Behörden, die von Amtes wegen in Strengen Kategorien denken, kein leichtes Unterfangen. Denn jeder beim Treffen beteuerte, sie hätten so handeln müssen, mit Pflicht und Allgemeinwohl im Blick.

Der Träger erklärte die Bedeutung der Freifläche für die Jugendlichen, die Oase, die dort entstanden war, als letztes Jahr mit viel Liebe ein Public-Viewing-Ort der Fussball-Weltmeisterschaft eingerichtet wurde. Um den Platz auch familienfreundlich zu gestalten, wurde ein Dach auf einem kleinen Pavilion gesetzt, plus Sitzmöbel, die Jugendliche aus alten Paletten selbst bauten. Eine alkoholfreie Cocktail-Bar gehörte auch dazu. Sie hatten sich den Platz angeeignet, und auch wenn er klein war, so war er doch ihrer. Jetzt stand bald die Champions-League an, die ebenfalls öffentlich gezeigt werden sollte, flankiert durch die Möglichkeit zu Grillen. Dafür musste der Platz wieder nutzbar sein.

Das Grünflächenamt erklärte seine Sicht der Dinge. Sie seien haftbar für Unfälle auf den Grünflächen des Bezirks, es liefen derzeit drei Prozesse gegen sie. Mit gerade mal 50 Mitarbeiter*innen für ganz Friedrichshain-Kreuzberg könnten sie nur mit Ach und Krach ihre Verantwortung wahrnehmen, auf gut Deutsch: Sie seien hart unterbesetzt. Bei 375 Spiel- und Grünflächen mit insgesamt 1,8 Mio. Quadratmeter kann man das auch verstehen. Pro Mitarbeiter*in entfallen rein mathematisch also exakt 37.000 Quadratmeter.

Rechnet man eine halbe Minute, um einen ganzen Quadratmeter zu bearbeiten, so kommt man auf 308 Stunden damit ein/e* Mitarbeiter*in eine Fläche abarbeitet. Bei ca. 165 Arbeitsstunden pro Monat im Fall einer 40-Stunden Woche, bräuchte ein/e* Mitarbeiter*in rund zwei Monate für einen Arbeitszyklus. Und in zwei Monaten passiert in einer Millionenstadt sehr viel. Unter diesen Umständen ist es verständlich, dass das Grünflächenamt Prioritäten setzt. Und so erklärt sich vielleicht die stiefmütterliche Behandlung der Freifläche vor den Containern des drehpunkts, der wegen des Zaunes still stand.

Schließlich fand man eine Lösung. Die aus Sicht des Amtes bedenklichen selbstgebauten Möbel vor dem Club sollten entfernt werden, das Grünflächenamt verpflichtete sich im Gegenzug drei sicherheitstechnisch einwandfreie Bänke aufzustellen, binnen drei Wochen. Der Zaun wurde abgebaut. Ob das Unverständnis der Jugendlichen über das Unverständnis der Behörden für ihre Bedürfnisse auch abgebaut wurde, sei dahingestellt. Zumindest besuchen sie jetzt wieder den drehpunkt.

 


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