BERICHT: Der Kiezredakteur nimmt Abschied

Ich habe einen deutschen Migrationshintergrund

Seit 2016 schreibe ich den Newsletter des QMs Düttmann-Siedlung. Hier erzähle ich, wie das mein Selbstbild verändert hat. Am Ende wedele ich mit dem Zaunpfahl, damit der Newsletter nicht aufhört.

Als ich anfing hatte ich so viel Ahnung von sozialer Arbeit wie von Molekularbiologie. Da geht es um Moleküle und Biologie, das reicht den meisten. Mir ganz sicher. Bei sozialer Arbeit ging es mir ähnlich. Da gibt es Leute, die brauchen soziale Hilfe, und andere, die arbeiten daran. Einen Einblick in die Düttmann-Siedlung hatte ich schon durch das Webprojekt „Webdoku Düttmann-Siedlung“, aber es war ein Helikopter Einsatz. Wir kamen zu dritt, blieben ein paar Wochen und gingen wieder. Beeindruckt hatte mich eine Gruppendiskussion, in dem wir im Team in ca. drei Stunden über die Siedlung gebrieft wurden, von rund 10 Personen.

Neben dem Wissen über die Siedlung hatte mir die Effizienz der Wissensvermittlung imponiert. Seit meinem Studium arbeite ich fallweise an Wirtschaftsstudien, die auf qualitativen Interviews basieren. In den Bereich bin ich durch zweifelhaften Umgang hineingeschlittert, studiert habe ich ganz was anderes. Ich habe relativ viel Erfahrung mit Interviews, die ich liebe, und Focus-Gruppen, die auch. Der Abend war ein besonders produktiver, ich dachte, ich hätte jetzt einen guten Einblick. Das Problem mit dem Wissen ist: Man weiß leider nie, was man nicht weiß. Drei Jahre später kann ich sagen, es war viel. Viel, das man erst durch eine kontinuierliche Begleitung begreifen kann. Das ist auch einer der Gründe, warum Siedlungen wie diese in Medien schlecht wegkommen. Ein Polizei-Einsatz lässt sich einfach erzählen. Kleinteilige, fragmentierte, über die Zeit gedehnte Themen nicht.

Soziale Arbeit hat die Komplexität von Hochfinanz. Die zahlreichen Träger, Stellen und Personen, die daran arbeiten, in der Dütti allein sind es rund 30, wieviel es in Berlin und ganz Deutschland will ich mir nicht ausmalen. Das stellt so komplexes Netzwerk dar, das sich nur allmählich fassen lässt und das nur in Teilen. Ein Journalist im Hamsterrad, der schnell verstehen will, kann da nicht durchsteigen. Wenn er es regelmäßig begleiten würde, wäre das möglich. Aber dafür fehlen den Medien die Ressourcen und auf Grund der Zusammensetzung der deutschen Redaktionen, vornehmlich Bio-Deutsch, die Antennen. Mit Finanznachrichten lässt sich hingegen gut Geld verdienen, also gibt es eine hervorragende Berichterstattung. Jeder Aktienkurs lässt sich auf hunderten von Webseiten Jahre zurückverfolgen. Bei sozialer Berichterstattung ist das nicht der Fall.

Die Medien anderer Länder sind ähnlich gelagert, bestes Beispiel sind die Unruhen in den Pariser Banlieues Mitte der 2000er Jahre. Autos brannten, Polizeireviere wurden gestürmt, Straßenschlachten legten Stadtteile lahm. Die Medien stellten fest, sie hatten keinen Zugang zu den Bewohner*innen, den „banlieusards“. Auf Grund der Dichte des Pariser Ballungsgebiets liegen die Redaktionen wenige Kilometer von den Orten und Menschen der Geschehnisse. Die Rettung kam aus Genf. Der Journalist Serge Michel von der frankophonen Zeitung Le Temps eröffnete ein kleines Büro im Vorort Bondy und setzte eine Webseite auf, den Bondy-Blog. Mehrere Monate verbrachte er dort, lernte Bewohner*innen kennen, hing in französischen Eckkneipen ab, die PMUs, ausgesprochen Pe-Äm-Üs, weil man dort auf Pferderennen wetten kann. Das Akronym ist das der Wettfirma. Pferdewetten gehören zur französischen Kneipe, wie die Ecke zur deutschen. In Frankreich sind die Kneipen selten an Ecken, dafür sind die Getränke billiger, wenn man sie an der Theke konsumiert. So kommt man ins Gespräch, auch mit Schweizer Journalisten.

Unruhen in den Vororten von Paris in 2005. Die Berichterstattung verzerrte stark das Bild.

In wenigen Wochen wurde Serge Michel mit seinem Blog zu der Adresse, wenn französische Journalisten in Kontakt mit den berüchtigten Banlieues kommen wollten. Ohne den Schweizer waren sie dazu nicht in der Lage. Michel wollte nicht ewig dort wohnen, also machte er aus dem Bondy-Blog ein Medienprojekt, brachte Jugendlichen bei, Artikel zu schreiben. Aus dem Bondy-Blog wurde ein ausreichend finanziertes Netzwerk, mittlerweile eine gute Referenz zum Einstieg in eine Journalisten-Karriere, was die Redaktionen etwas durchmischt.

Aus den Einzelheiten über Frankreich vermuten Sie vielleicht, dass ich von dort stamme. Das stimmt. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, studierte an der Massenuni Sorbonne und fühlte mich auch lange als waschechter Franzose. Wer die Mühle des französischen Bildungssystems überlebt, mit seinen zweistündigen Mittagspausen und fehlenden Aulas, heruntergekommenen Gebäuden und damals noch Hock-Klos, sowie den immer exakt um eine Generation veralteten pädagogischen Methoden, entwickelt dieses Gefühl. Wenn man akzentfrei Französisch spricht, nicht Mohammed, oder Aisha heißt, und nicht allzu schlechte Noten hat, wird man eingemeindet in die République mit ihren universell gedachten Werten Liberté, etc. Denn Franzose ist, wer da geboren ist. Ist er das nicht, wie ich, kann er mit Abschluss seines Abis einer werden. Darauf verzichtete ich jedoch, sonst drohte mit der Militärdienst. So weit ging meine Liebe doch nicht.

Hier passierte es, im Lycée François Ier: Meine Französischwerdung

Jetzt komme ich endlich zum Punkt, in der Mitte eines Artikels ist eigentlich ein guter Zeitpunkt. Schwafeln ist übrigens eine Kompetenz, die man nebenbei im Bildungssystem Frankreichs mitkriegt. Da meine Mutter Deutsche ist, sprachen wir zu Hause Deutsch. Wir redeten eine andere Sprache in der Familie, als in der Mehrheitsgesellschaft. Deutsch ist wortwörtlich meine Muttersprache. Meine Mutter sagte mir auch immer, wir sind in diesem Land zu Gast: Ich muss hier erwähnen, dass mein Vater kein Franzose war, sondern Spanier. Ich widersprach ihr vehement und sagte, von wegen, das ist mein Land, ich bin hier aufgewachsen. Meine Mutter war auch nicht mit fünf Jahren gekommen und hat nicht die Mühle durchlaufen. In Ihrer Schule in Niedersachsen gab es Aulen, der Unterricht endete um 13 Uhr und nicht um 17 Uhr, die Schulklassen wurden nicht jedes Jahr durcheinander gewürfelt.

Mein Vater stammte aus einer Arbeiterfamilie aus Kastilien, in der niemand Abitur hatte. Er war der Erste seit Generationen. Seine Mutter hatte den Schneid, eine Klosterschule aufzusuchen und den Brüdern einen Deal vorzuschlagen: Mein Sohn ist intelligent, ich kann aber die Schule nicht bezahlen. Dafür kann ich Euch Lebensmittel besorgen: Mein Mann ist Lokomotivmechaniker, fährt durch Felder und Dörfer, hat Kontakt zu vielen Bauern. Der spanische Bürgerkrieg war gerade vorbei, die wirtschaftliche Not war groß, auch für Mönche. Die willigten ein, so kam mein Vater zum Abitur, zum Studium, irgendwann zum Doktortitel. Das hatte einen Einfluss auf seine berufliche Laufbahn – und somit auf meine Kindheit. Manchmal stelle ich mir vor, was wäre wenn meine Großmutter nicht die Klosterschule aufgesucht hätte? Hätte mein Vater denselben Bildungsweg gehabt? Woran es liegt. Gibt es in der Dütti auch Mütter, die Deals mit besseren Schulen machen?

Nach und nach, je mehr ich in die Integrationsmaterie Einblick erhielt, desto mehr bemerkte ich die Parallelen zwischen meinem Werdegang und die der Bewohner*innen der Dütti-Siedlung. Ich sprach zu Hause nicht Französisch, meine Eltern interessierten sich nicht wirklich für das Bildungssystem. Vorteil: Es ersparte mir viele meines Erachtens unnötige Hausaufgaben. In den Sommerferien fuhren wir nach Deutschland, ich wuchs also in mehreren Kulturen auf.

Es gab aber auch Unterschiede. Man fand es toll, dass ich zwei Sprachen sprach. Deutschland war noch dazu ein hoch angesehenes Land. Im Radio kündigte man jeden Morgen nach den Hauptnachrichten den Kurs des „dötschmark“ an. Der kannte damals nur eine Richtung, nach oben. In Frankreich stiegen nur die Arbeitslosenzahl, das Defizit und die Unzufriedenheitswerte der Politiker, die gerade an der Macht waren. Wer als Schüler*in sicherstellen wollte, in eine gute Klasse zu kommen, nahm Deutsch als erste Fremdsprache. Beziehungsweise verdonnerten ihn die Eltern dazu, die sich meistens kleinteilig für die schulische Laufbahn interessierten. Ich nahm auch Deutsch als Fremdsprache, die Perspektive ohne Aufwand gute Noten zu haben war zu verlockend. Die Kehrseite der Quelle an guten Zensuren: Der Deutsch-Unterricht langweilte mich. Ich nahm nur gelegentlich Teil, um den*die Lehrer*in zu korrigieren, wenn er*sie Fehler machte. Seinen Akzent zu verbessern schien hoffnungslos, das war auch nicht meine Rolle, deswegen zügelte ich meine Besserwisserei.

Durch diese Parallelen fühle ich mich den Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland verbunden, auch wenn ich bemängele, dass man es nicht hinkriegt, Zweisprachigkeit als Vorteil zu sehen. Besonders bei so einer komplexen Sprache wie Arabisch. Noch dazu ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, dass es für die Lernfähigkeit von Kindern vorteilhaft ist, mich ausgeschlossen. Nur muss es dafür als Chance begriffen werden.

Über das Konzept von Staatsbürgerschaft will ich hier nicht reden, aber doch loswerden, dass ein Bodenrecht mir sinnvoller als ein Blutrecht erscheint. Ich plädiere für eine Reform. Vermutlich hätte ich mich nicht als Franzose fühlen können, wenn man es hinter dem Rhein ähnlich wie davor halten würde. Mein Selbstbild wäre ein anderes gewesen. Ein ex-Präsident Frankreichs startete einen seiner zahlreichen erfolglosen Comeback-Versuche mit dem Vorschlag, das Blutrecht einzuführen. Der Vorschlag viel flach, sogar rechte Politiker bemerkten nebenbei, Franzose zu sein bedeutet, die Werte der Republik zu teilen. Zum Glück konnte der „Ex“, so sein Spitzname, sich in sein stattliches Anwesen zurückziehen, um seine Wunde zu lecken. Sein Name: Valéry Giscard-d‘Estaing, ein Prototyp des Franzosen aus gutem Hause. Übrigens ein Kumpel von Helmut Schmidt, sie verstanden sich so gut, dass sie den Euro auf den Weg brachten.

Verstanden sich prächtig: der deutsche Kanzler und der Präsident Frankreichs in den 70er Jahren.

Abgesehen davon habe ich in dreieinhalb Jahren Kiezredaktion soziale Arbeit und das teilweise kritikwürdige System der Zuwendungen besser kennengelernt. Das übernimmt zwar die Logik der Marktwirtschaft, amputiert es aber vom wesentlichen Motor: Profit. Ein kastrierter Kapitalismus, um soziale Missstände zu lindern, die der Wohlfahrtsstaat outgesourced hat. Na gut, das ist vereinfacht, aber ganz falsch ist es nicht. Auch in dieses zweifelhafte Milieu bin ich hineingeschlittert, es wird Zeit, mehr auf meinen Umgang zu achten. Ich habe zahlreiche Anträge geschrieben, wovon einige bewilligt wurden. Bis dato ist meine Trophäe 190.000 Euro für das Projekt „Mütter stärken“, was nach viel klingt, aber eigentlich zu wenig ist.

Jetzt verstehe ich, was soziale Arbeit bedeutet, welcher menschliche Qualitäten und Eigenschaften es bedarf, um diese nachhaltig zu betreiben. Eine davon ist Idealismus, eine andere Zähigkeit. Ich bin beeindruckt von den vielen tollen Menschen, die ich kennenlernen durfte und bedaure, dass die Arbeit nicht mehr gewürdigt und besonders nicht mehr honoriert wird. Wenn ich über den gesellschaftlichen Mehrwert nachdenke, den ein Journalist erbringt, der über Wirtschaftsnachrichten berichtet, oder über Unruhen in Sozialbauten doziert, oder Meinungsartikel zu Gesellschaftsentwicklungen verfasst, im Vergleich zu Menschen, die in Jugendclubs, Nachbarschaftstreffs, Stadtteilzentren, QMs und anderen Einrichtungen arbeiten, werde ich traurig. Der Unterschied in der Honorierung ist nicht gerechtfertigt, vielleicht erfindet mal ein*e schlaue*r Wirtschaftswissenschaftler*in einen klugen Index, der den gesellschaftlichen Mehrwert von Arbeit beziffert. Dann reicht es nur noch das jetzige Wirtschaftssystem umzukrempeln. Entsprechende EU-Fördertöpfe würden das sicher umgehend geschehen lassen, damit Löhne nur noch danach bemessen werden. Am besten geschieht das Ganze mit einer App und agilem Management.

All das um zu sagen: Ich habe von knapp vier Jahren Kiezredaktion sehr profitiert. Bekanntschaften, Wissen, Einblick, Erkenntnisse und nicht zuletzt Übung beim Schreiben. Ich hoffe meine Artikel waren nicht allzu lang, wie sie es meistens sind. Was sie mir leider nicht bringen konnten ist ein besseres Zeitgefühl und ich bedanke mich an dieser Stelle für die große Geduld, die das QM-Team meinem konstant fluktuierendem Timing entgegengebracht haben. Ich bin sicher, es wird sich in absehbarer Zeit verbessern und hoffe auf etwas Entgegenkommen von ihr. Warum sollte sich immer nur einer bewegen. Im Übrigen würde ich mich freuen, wenn ein Mäzen, oder zwei, oder ein wie auch immer gearteter Zuwendungsgeber eine Fortführung des Düttmann-Newsletters finanzieren würde. Ich würde sehr gerne weiterhin ungefähr monatlich einen Newsletter schreiben.

 

Es lebe die Republik, es lebe die Dütti, ja zu einer Reform des Staatsbürgerrechts !

Auf wiedersehen,
Adrian Garcia-Landa

 

PS – Habe ich erwähnt, dass ich den Newsletter gerne fortführen möchte? Vermutlich nicht. Dann nur zur Sicherheit nochmal. Das Büdget ist vierstellig, denkbar ist vieles, es könnten z.Bsp. 20 bis 25 Organisationen, oder Firmen, einen monatlichen Beitrag leisten. Ein Klacks. Nicht einmal der Rede wert. Gegenleistung wären vorteilhafte Portraits der Spender, neben vielen spannenden Artikeln. Ja, man ist flexibel, man war auch mal Werbetexter. Ich weiß das klingt zu schön, um wahr zu sein. Ist es aber. Deswegen schnell Nägel mit Köpfen machen und eine Mail an adrian.garcia.landa@gmail.com schicken!


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