BERICHT: Die Siedlung hat gesprochen 

Die neu Gewählten

Nicht überall in Berlin gestalten sich Wahlen und deren Folgen schwierig. In der Düttmann-Siedlung wurden am 16.11.17 klar und deutlich neue Quartiersräte und Aktionsfonds-Juroren gewählt. Eine Mischung aus erfahrenen Bewohner*innen und Neuzugängen die dem Gebiet einen neuen Elan geben. Bericht eines ereignisreichen Abends.

Festlich sah er aus, der Dütti-Treff. Durch die Glasfront sah man jede Menge rot drapierte Stehtische, davor saß eine große Traube Menschen, ca. 80 bis 100 Bewohner hatten sich am 16. November 2017 um 18 Uhr versammelt. Zum Wählen natürlich, die sogenannten Bewohnergremien Quartiersrat und Aktionsfondsjury. Der Wahl war eine wochenlange Kampagne des QM-Teams vorausgegangen, um so viele Anwohner*innen wie möglich zum Mitzumachen anzuregen. Schön gestaltete, gelb-schwarze Plakate hingen in jedem Hauseingang, insgesamt rückten die Quartiersmanager*innen über acht Mal aus, um Bewohner*innen sanft und freundlich in die Mangel zu nehmen.

Verwaltung sendet an Bewohner*innen
Der Bezirk hatte auch einen Brief an alle Bewohner*innen geschickt mit demselben Ziel. Ob das kryptisch-tautologische Verwaltungsdeutsch auch einen Beitrag zur hohen Beteiligung an den Wahlen leistete sei dahingestellt. Da las man über den Quartiersrat, er sei die «Interessensvertretung der Kiezbewohnerschaft. (…) Bewohner*Innen sowie Institutionen (…) erarbeiten die Schwerpunkte der Quartiersentwicklung und entscheiden über den Einsatz der Gelder aus dem Projektfonds.» Was der Projektfonds ist wird nicht erklärt, aber man darf vermuten, dass es ein Fonds für Projekte ist.

Beim Aktionsfonds wurde es tatsächlich selbstreferenziell: «Die Aktionsfondsjury setzt sich aus Bewohnerinnen und Bewohnern zusammen und entscheidet über die Verwendung von Mitteln aus dem Aktionsfonds. Mit diesen können Aktionen aus der Bürgerschaft für den Kiez finanziell unterstützt werden.»

Auf Basis der vorliegenden Informationen durfte also irrtumsfrei geschlossen werden: Es gibt Projekte und es gibt Aktionen. Die unterscheiden sich dadurch, dass Erstere durch den Projektfonds finanziert werden, Letztere durch den Aktionsfonds. Braucht man wirklich mehr zu wissen?

Aber die verbriefte Amtssprache konnte der guten Stimmung im vollen Dütti-Treff keinen Abbruch tun. Dort waren nicht nur viele Bewohner*innen der Siedlung vertreten, sondern auch Ranghohe aus dem Bezirkamt in der Person der Bürgermeisterin Monika Herrmann und aus dem Senat für Stadtentwicklung, mit Referatsleiter der bezirklichen QM-Gebiete Ralf Hirsch.

Nach einer Erklärung der Zuständigkeit o.g. Gremien, des Wahlverfahrens, einer zulässigen Spontanerklärung eines zusätzlichen Kandidates wurden die zu Wählenden vorgestellt. In knappen Sätzen, ähnlich einer längst eingestellten Fernsehsendung, in der potentielle Paare in einem Karussell saßen, fasste das QM-Team ihre Ziele zusammen. Viele waren für eine aktive Nachbarschaft, einige für mehr Sport, andere für mehr Sitzgelegenheiten am Werner-Düttmann-Platz, weitere für mehr Bildungschancen und ein gewaltfreies Miteinander. Als einer sich für leistbaren Wohnraum in Kreuzberg einsetzen wollte, lachte die Bezirksbürgermeisterin kurz auf, wünschte ihm aber mit Fairness viel Glück. Fast zeitgleich kam eine Delegation aus der KinderKüche, das Projekt, oder die Aktion, bei der sich jeden Donnerstag-Abend Ehrenamtliche zum Kochen mit Kindern treffen. Ein Tross kleiner Bewohnerinnen übergab der Bürgermeisterin feierlich einen Schokoladen-Muffin, die sich sichtlich freute. Die Kinder hatten jedoch nicht übermäßig viel Zeit für Small-Talk und kehrten nach vollbrachter Tat in ihre Küche zurück. Es gab wichtigeres zu tun, als einer Wahl beizuwohnen, wie z.B. Schokoladen-Muffins zu essen.

Bürgermeisterin zu sein hat seine Vorzüge: Man bekommt Kuchen mit Schokolade geschenkt.

Anders als bei der Bundestagswahl, wo eine knausrige Bundesrepublik jedem Bürger nur kümmerliche zwei Stimmen gibt, kann man bei der Bewohner*innengremienwahl soviel Stimmen wie man will abgeben. Mit Stimmen ist der Senat sehr freigiebig. Auch wenn es maximal eine pro Kandidat*in ist, kann man dafür auch Gegenstimmen abgeben. Das bedeutet, wenn eine*r einem aber gar nicht in den Kram passt, darf man ein klares Nein neben seinem Antlitz ankreuzen.

Unter der rigorosen Bewachung der zwei QM-Praktikanten gaben die Bewohner*innen ihre Stimme ab. Während ein Team von drei eigens rekrutierten Wahlhelferinnen, nicht weniger rigoros die Stimmen auszählten, bewunderte das Wahlvolk einen Überraschungsgast. Die Leitung des Dütti-Treffs hatte einen Bauchtänzer eingeladen, der vor den Augen der Bürgerschaft und dessen Vorsitzenden für ein paar magische Minuten mit unnachahmlicher Eleganz und orientalischer Geschmeidigkeit die Grenzen der Rollenbilder verschwinden ließ. Das Publikum ließ ihn kaum gehen, erschöpft erhielt er einen tosenden Applaus, nach der Vorstellung kamen Bewohner*innen und beglückwünschten ihn. Darunter ein Mädchen, dass ihn herzlich umarmte.


Unter diesem Vorzeichen der Toleranz wurden die Ergebnisse verkündet: alle Kandidat*innen der zwei Gremien wurden gewählt. Eine Mischung aus erfahrenen Räten und Juroren, die sich auf den frischen Elan von neuen Mitstreiter*innen freuen dürfen. Die Besetzung ist überwiegend weiblich, jeweils 70%, was entweder bedeutet, dass Männer die angebotene Mitbestimmung nicht mitbekamen, sie nicht schätzten, zu langsam, oder zu bequem waren. Anders als im Rest der Republik kann man sich nicht beklagen, dass in Kreuzberg Frauen zahlenmäßig unterrepräsentiert sind. Auf die kommenden zwei Jahre warten wir mit Spannung.

Der Abend klang mit einer immer geringer werdenden Traube Menschen aus, die dafür immer schwerwiegendere Themen wälzten. Der Abend hätte noch ewig weitergehen können, hätte nicht ein Praktikant energisch durchgegriffen. Sich über Rang und Namen der noch Anwesenden hinwegsetzend, komplimentierte er sie aus dem Dütti-Treff hinaus. Er gewährte jedoch eine zehnminütige Schonfrist. Wenn einem ein Beweis noch gefehlt hätte: Der Geist von Kreuzberg ist wohlauf, hier gibt es immer noch keine Hierarchien.

 


Aktuelles | Highlights des Monats