Die Schule in der anderen Galaxie

elhana

Interview mit Vera Klauer, Gründerin der elhana-Lernpaten, die seit 10 Jahren Lernunterstützung Kindern bildungsbenachteiligter Familien anbieten. Rückblick und Ausblick auf das Vermitteln zwischen zwei Welten: Das Berliner Bildungssystem und Familien mit Migrationshintergrund.

Schlagt Eure Hefte nicht auf, heute machen wir eine Gedankenübung: Stellen Sie sich vor, Sie sind 6 Jahre alt. In der Schule spricht man eine Sprache, die Ihre Eltern nicht sprechen. Sie kommen nach Hause mit Unterlagen von der Schule, die Ihre Eltern nicht verstehen. Die Schule geht davon aus, dass die Eltern über den Werdegang des Kindes informiert sind. Was sie gerne tun würden, wenn sie die Sprache der Schule sprechen könnten. Ihnen als sechsjährige(r) ist die Unterstützung durch das Elternhaus für eine erfolgreiche Schulbiografie nicht so bewusst. Nicht aus Desinteresse. Sie interessieren sich halt für andere Dinge: Mit Freunden spielen, auf den Spielplatz gehen, Videos gucken – was 6jährige halt gut finden. Und pädagogische Theorien über altersgerechte Lernmethoden gehören nicht dazu.

«Das ist das Problem: Die Schule setzt viel voraus bei Eltern. Sie geht davon aus, dass sie das Nötige leisten, damit die Schulkarriere ihrer Kinder ein Erfolg wird. Nur viele Eltern der Düttmann-Siedlung können das nicht» erklärt Vera Klauer von den elhana-Lernpaten. Wegen des Sprachproblems einerseits, aber des unbekannten Schulsystems andererseits. Zwei Barrieren auf einmal, die für deutschsprachige Eltern nicht existieren. Was diese mühelos machen ist für nicht-deutschsprachige kaum leistbar. So werden viele Kinder mit einer Verantwortung belastet, die nicht ihrem Alter entspricht. «Deswegen ist unsere neue Stossrichtung, Mittler zwischen Schule und Familie zu werden.»

Raum und Zeit für Bildung
Seit fast 10 Jahren unterstützen die elhana-Lernpaten Kinder der Düttmann-Siedlung bei den Hausaufgaben.
Zwei Mal pro Woche besuchen 40 ehrenamtliche Lernpaten Familien der Siedlung, um deren Kindern Lernunterstützung zu geben. Die Familien schätzen das Engagement der Lernpaten sehr. Wenn sie vorbeikommen, dreht sich eine Stunde lang alles um die Bildung des Kindes. «Es ist sehr wichtig, dass innerhalb der Familien, die manchmal auf engem Raum leben, Platz für Bildung geschaffen wird.»

Prophezeiungen sind fehleranfällig
Und Erfolge gibt es schon. «Eine Schülerin hat im Frühjahr ihren MSA geschafft. Das freut mich besonders, denn in der 3. Klasse prophezeite ihr ein Lehrer unausweichlichen Analphabetismus. Jetzt liest und schreibt sie perfekt» meint Klauer, die selber Patin des Mädchens ist. Und dann gibt es noch Céline, die jetzt ein Grips-Stipendium für junge Potentiale von der Robert-Bosch-Stiftung erhalten hat, um Abitur und Studium zu schaffen.

Überwältigende Nachfrage nach Nachhilfe
Es ist zwar nicht klar, ob die elhana-Lernpaten 2006 oder 2007 entstanden sind. Aber ganz eindeutig war die überwältigende Resonanz des Angebots. Damals
wollte Vera Klauer sich gesellschaftlich engagieren. Was sie sehr gut konnte war Leuten beim Lernen helfen, im Zwiegespräch. Schnell kam ihr die Idee Nachhilfe-Unterricht anzubieten, zur Düttmann-Siedlung kam sie durch Zufall. Innerhalb der Siedlung, damals eine Angebotswüste, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Eltern kamen zu ihr und fragten, ob sie auch ihren Kindern Nachhilfe geben könnte. Vera Klauer suchte nach weiteren Lernpaten und nach Finanzierungen, was ihr gelang. Die Akzeptanz der Familien ist besonders groß, weil elhana dafür bürgt, dass der Kontakt zwischen Paten und Kindern gut läuft. Elhana ist etwas freimütig ausgedrückt ein anti-Unsympath-Gütesiegel. Schließlich kommen die Paten in die Intimität der Familien.

Bildung ist ein Ausdauersport
Nach Geld und Lernpaten sucht Vera
Klauer immer noch. Deswegen ist jede Unterstützung, wie die Spendenbox der Bio Company z.B., wichtig. «Paten müssen sich verbindlich engagieren, über längere Zeit zu helfen. Und für ein Projekt wie dieses muss man ständig Geld suchen.» Bis 2017 ist elhana aber noch über das Programm Soziale Stadt finanziert, über die Zeit danach beraten die Lernpaten gerade. « Wir überlegen unser Konzept zu erweitern. Neben Unterstützung in Familien wollen wir auch Unterstützung in den Schulen anbieten, für kleinere Gruppen » erläutert Klauer. Durch die Präsenz in Schulen und Familien könnten die Lernpaten ihre Rolle als Mittler noch besser wahrnehmen. Denn oft kommt ihr vor, zwischen der Schule und den Familien lägen Welten. Und dass beim Überqueren der Strasse die Kinder sich in die eine oder andere Welt beamen.

Drei Silben für Glückseligkeit
Vera Klauer wünscht sich weniger Barrieren zwischen der Welt der Schule und der Familien, am liebsten gar keine. Bis dahin ist es noch ein langer Weg, das weiß sie. Aber elhana trägt dazu bei, dass es eines Tages Realität wird, dass beide Welten in Einklang sind. Elhana bedeutet übrigens aus Arabisch Glückseligkeit, was auch eine Form von Einklang zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist. Aber die Taufpatin der Lernpaten hat eine viel pragmatischere Erklärung: Die Anfangssilben von Eltern, Hausaufgaben und Nachhilfe. Glückliche Zufälle passieren meistens, wenn man seinem Instinkt folgt.

www.elhana-lernpaten.de


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