Die (zu) kurze Rampe

0513c371-4634-4b57-aee7-c5eced5ec462Die komplexe Beziehung der Jugendlichen der Düttmann-Siedlung zum Jugendclub drehpunkt spiegelt die vielen Herausforderungen bei der Integration in Deutschland. Er ist für die vielen hundert Jugendlichen sicherer Hafen und Hassobjekt zugleich, er weckt Hoffnungen, die er manchmal nicht halten kann. Porträt einer Institution die vom Graefe-Kiez nicht wegzudenken ist, aber deren aktuelle Schließung die Chance bietet, eine komplexe Frage neu zu denken: Integration in Deutschland.

Es ist kompliziert. Wenn man etwas eigentlich mag, aber vieles auszusetzen hat. In Beziehungen jeglicher Art. Kompliziert, facettenreich, dialektisch, ambivalent, zwiespältig, durchwachsen, paradox, nicht durch Zufall gibt es viele Wörter dafür. Oder vielschichtig. Diese Schule der Vielschichtigkeit durchlaufen alle Jugendlichen der Siedlung, die mit dem drehpunkt zu tun haben.

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Auf der einen Seite schätzen sie den Jugendclub der ihnen einen Freiraum bietet, den viele zu Hause nicht finden. Räumlich und manchmal auch gedanklich. Auf der anderen Seite üben sie viel Vandalismus gegen ihren Jugendclub aus. Stühle und Sofaabdeckungen müssen manchmal dran glauben, in letzter Zeit auch Fensterscheiben. Weil einige Jugendliche ihre Emotionen fast nur körperlich ausdrücken können und sie in einem Ambiente permanenter Verletzungen leben. «Manchmal ruft eine Situation die eigentlich traurig, oder frustrierend ist, Aggression bei Jugendlichen hervor» meint dazu der Leiter des drehpunkts, Cornelius Sutter. «Sie bewegen sich in einem sehr verästelten Gestrüpp von Gunst und Missgunst untereinander, das sich permanent wandelt.» Ein unsicheres Gefilde, das nicht alle verarbeiten können.

«Es gibt ein Paradoxon hier: Freundschaften sind nicht stabil. Auf der einen Seite mangelt es an Loyalität untereinander, gleichzeitig gibt es eine unglaubliche Reviertreue.» Wenn ein Kind vermisst wird, wenn die Jugendlichen ihren Kiez als bedroht empfinden, herrscht plötzlich absolute Geschlossenheit. Im Fall von Bedrohung erklingt der Schlachtruf «Wir sind Graefe!». Eine Geschlossenheit, die aber schnell wieder verschwindet. Wenn z.Bsp. einer aus dem Jugendclub ausgeschlossen wird, halten seine Freunde nicht zu ihm, sie gehen weiter hin und lassen ihren Freund draußen. «Das habe ich in keinem anderen Jugendclub erlebt» bemerkt Sutter.

capture-decran-2016-12-02-a-01-03-06«Jeder Jugendliche sucht seinen Platz. In der Familie, in der Schule, im Umfeld. Und hier noch dazu zwischen zwei Kulturen. Es fehlt ihnen oft an Orientierung, die manchmal durch eine zu große Strenge ersetzt wird. Das verhilft aber nicht zur Autonomie.» Fatma Çelik überlegt einen Moment. «Daran mangelt es eigentlich: an einer Erziehung zur Autonomie, der eigentliche Sinn jeder Erziehung.» Die Erzieherin arbeitet seit ca. 10 Jahren in der Düttmann-Siedlung. Erst im Kindertreff, dann im GraefeKids, seit 2015 im drehpunkt. Manche Kinder hat sie durch die drei Einrichtungen, die für verschiedene Alter gedacht sind, begleitet. Die Konstanten des Mangels konnte sie in jedem Alter beobachten.

Demokratiebildung sei dringend notwendig, um den oft sehr hierarchischen Strukturen des Elternhauses entgegenzuwirken, die unter Jugendlichen reproduziert werden, bemerkt Çelik. Aber damit der begrenzte Wirkungsgrad eines Jugendclubs wenigstens seine volle Entfaltung erreicht, wäre viel mehr notwendig. Mehr Räumlichkeiten, mehr Personal, mehr Mittel. Um insgesamt mehr und eine qualitativ wertvollere Aufmerksamkeit geben zu können. Auch hier beobachtet sie eine Konstante des Mangels.

Ein Reigen von Mängeln, der sich bedingt und ergänzt, fast kunstvoll könnte man meinen. Die daraus resultierenden, fast vorprogrammierten Schwierigkeiten sind aber sicherlich keine Absicht. Vielleicht ist es eine gewisse Betriebsblindheit, in vielen Ebenen der Verantwortung. Vielleicht stellt man sich im Alltag viele Fragen nicht mehr. Eine ist beispielhaft dafür: Sie ist so weit gefasst, und für viele so selbstverständlich, dass sie völlig untergeht. Die Frage, wer Ausländer ist und wer nicht. Es erstaunt Akteure im Gebiet des Quartiersmanagements Düttmann-Siedlung immer wieder aus Neue. Großeltern und Eltern des Gebiets bezeichnen ihre Kinder als Ausländer, also als nicht-Deutsche, obwohl sie in der 2. und manchmal in der 3. Generation hier geboren sind. Viele Kinder besuchen nur in den Ferien das Heimatland ihrer Eltern, oder Großeltern, definieren sich aber als dem zugehörig. Sie kommen aus Libanon, aus der Türkei, aus Kurdistan, aus Serbien, aus Bosnien, aus afrikanischen Ländern. Sie sind aber hier geboren, aufgewachsen, gehen hier zur Schule. Und sprechen besser Deutsch als die Sprache ihrer Eltern.

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«Identität ist der Ort, zu dem man sich zugehörig fühlt, wo man den Eindruck hat, in ein größeres Ganzes eingebettet zu sein» so Sutter. Wenn man sich in der dritten Generation immernoch nicht als Deutscher definiert, muss man sich vielleicht die Frage stellen, warum die Hürden bei der Erlangung der Staatsbürgerschaft immernoch so hoch sind bemerkt Sutter weiter. In einer sehr komplexen Angelegenheit ist das sicher nur eine Facette. Aber es wäre zumindest ein wesentlicher, auch weil symbolischer Schritt, in Richtung Klarheit. Es sind sicher noch viele weitere notwendig, um die Komplexität zu mindern, um die Rampe zur Integration zu verlängern. Die aktuell existierende ist ganz sicher gut gemeint, aber genauso sicher zu kurz, um einen ungestörten Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft zu erlauben. Sicherlich müssen die Betroffenen es wollen, aber es müssen auch Zeichen gesetzt werden, dass es gewollt wird. Vielleicht verkürzt sich die Rampe in der Düttmann-Siedlung mit dem geplanten Umbau und Erweiterung des drehpunkts in den kommenden Jahren.


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