BERICHT: Zwei neue Mitarbeiter für den Jugendclub drehpunkt

Die großen Fragen

Weil der Jugendclub drehpunkt bald seine neuen, viel größeren Räumlichkeiten bezieht, stellt das Jugendamt dem Träger NHU mehr Mittel zur Verfügung, um zwei neue Mitarbeiter*innen einzustellen. Der Erzieher Tarik Sert kennt die Gegend gut, er ist in Kreuzberg aufgewachsen, Fatima Aberkane (Fa) kommt aus Heidelberg und arbeitete lange als Familienberaterin in Kreuzberg und Neukölln. Beide schildern ihre Sicht auf das Viertel und Erwartungen an ihre neue Arbeit.

Die erste große Frage, die sich nicht nur die “zwei Neuen” vom drehpunkt stellen, sondern das ganze Team und sicherlich alle Jugendlichen der Siedlung: Wann macht der neue drehpunkt endlich auf? Zweimal schon wurde die Bauabnahme verschoben, Mängel sind beanstandet worden, der neue Termin ist jetzt Ende August.

Dass die Neugierde groß sein muss kann man sich vorstellen. Der sanierte Bau des Bezirkes an der Urbanstraße 44 sieht von Außen vielversprechend aus, mehrere Millionen floßen aus dem Förderprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz in die Erneuerung. Die Einrichtung wird über das Quartiersmanagement finanziert. So darf man vermuten, dass er Innen sehr viel bieten wird. Dazu kommt, dass der Jugendclub die letzten zwei Jahre in Containern arbeiten musste, die mit ihren 60 Quadratmetern Fläche ganz sicher nicht den paar hundert Jugendlichen, die auch aus der Werner-Düttmann-Siedlung kommen, gerecht werden konnten. Und weil die Container schon seit einigen Wochen abgebaut sind, arbeitet jetzt der Jugendclub bis zur Eröffnung der neuen Jugendfreizeiteinrichtung “ambulant” und organisiert Ausflüge.

Fa bei einem Ausflug mit den Jugendlichen. Illustr.: Meriem Kharbat.


Einer der Ausflüge fand auf einem Floß statt, mit dem die Jugendlichen einen Tag auf dem Müggelsee verbrachten. Ein Tag für die Mädchen, ein Tag für die Jungs. Fatima Aberkane, die Fa genannt werden will, betreute das Mädchenfloß. Rund sieben Teenagerinnen im Alter von 15 bis 18 waren dabei. “Besonders beim Schwimmen fühlen sich die Mädchen wohler, wenn keine Jungs dabei sind”, erklärt Fa. Neben der Betreuung ist ihre Rolle, ein offenes Ohr zu haben für die vielen Fragen, die sich Jugendliche stellen. An dem Tag kam es zu längeren Gesprächen über die Beziehungen der Mädchen zu ihren Eltern, über mögliche Ausbildungen, über die Frage, ob man vielleicht ausziehen sollte, um sich die besten Bedingungen für eine Ausbildung zu schaffen? Eine andere Frage war: Wohin beim nächsten Ausflug? In einen Billiard-Club, antworteten die Mädchen.

Gespräche sind der Kern von Jugendarbeit
Solche Gespräche gehören zu der Kernkompetenz von Jugendclub-Mitarbeiter*innen. Hier gilt es die richtige Balance zu finden, meint Fa. Es ist nicht vergleichbar mit einem Gespräch mit einer guten Freundin, ihre spontane Meinung muss sie manchmal für sich behalten. Denn es gilt, ein Vertrauensverhältnis mit den Jugendlichen aufzubauen und nicht die eigenen Ansichten zu vertreten.

Fa beim Ping-Pong-Spiel: Vertrauen entsteht nebenher, in dem man mit den Jugendlichen etwas gemeinsam macht. Foto: Fa Aberkane


Vertrauen aufbauen, dass kann Fa gut, das hat sie die letzten Jahre als Familienbetreuerin oft gemacht. Ihre vorherige Arbeit ist aber nicht vergleichbar mit der eines offenen Jugendclubs, denn früher wurde sie beuaftragt, sich um Jugendliche mindestens ein Jahr lang zu kümmern, bei denen das Jugendamt einen akuten Bedarf festgestellt hatte. Wie Probleme bei der Regelmäßigkeit der Schulbesuche, wegen chronischen Krankheiten in der Familie, oder einer mangelnden Tagesstruktur. Der Kontakt zu den Jugendlichen entstand also nicht freiwillig, sondern von Amtes wegen. Weil sie dabei auch in der Familie präsent war, galt es auch, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen. Auch um daraus “Verbündete” zu machen, aber auch, weil sie selber oft Hilfe brauchten, wenn Stellen Anforderungen stellten, die sie nicht immer verstanden.

Neue Arbeit, neue Methoden
Ganz anders ist es bei eine Jugendeinrichtung. Dort beruhen die Beziehungen auf Freiwilligkeit. In die Familie hineinwirken geht, behördlich bedingt, nur über Umwege, die mal mehr oder weniger lang sein können. Und hier verortet Fa einen blinden Fleck im Netz des Jugendbetreuungssystems, das sie aus verschiedenen Perspektiven kennt, zwischen den Jugendclubs und den aufgetragenen Betreuungen des Jugendamtes. Diese entstehen nur, wenn eine gewisse “Akutheitsschwelle” überschritten wird. Ein*e Jugendliche, der/die solch eine Schwelle nicht überschreitet, und der/die keinen Jugendclub besucht, ist somit für das System nicht sichtbar. Ihre Hoffnung bei dem neuen Job und dem neuen drehpunkt, der als Ziel hat, mehr Jugendliche zu erreichen, auch aus dem nördlicheren Teil des Kiezes, ist eben solche Fälle früher zu entdecken. Damit man mehr präventiv arbeiten kann.

Tarik Sert kommt aus Kreuzberg und “erkennt sich in vielen Jugendlichen wieder”. Illustr.: Meriem Kherbat

 

Blinde Flecken verortet Tarik Sert auch. Er nennt sie aber fehlende Brücken und sieht sich als Brückenbauer. Er kennt als ausgebildeter Erzieher auf der einen Seite die vielen Angebote, die Berlin für Jugendliche bietet, sei es in der Freizeitgestaltung, oder der Ausbildung jeglicher Art. Und auf der anderen Seite die vielen Jugendlichen, die gerne diese Angebote wahrnähmen, wenn sie diese nur kennen würden. In der Mitte fließt ein meist mit etwas Nebel bedeckter Fluss, der die Sicht auf die andere Seite erschwert.

Beide Seiten verbinden
Das liegt zum einen an den Gewohnheiten, die auf beiden Seiten vorherrschen. Sicher gibt es z.Bsp. auf der berlin.de-Seite eine Liste aller offenen Ausbildungsplätze, aber ob viele Jugendliche, die gerade einen suchen, diese Plattform auch besuchen? Internet verbinden viele eher mit Videospielen und den Austausch mit Freunden. Bei der Vermittlung und der Erhöhung des Informationsstands “kann man mehr machen”, meint Tarik. Und das will er auch und bezieht sich dabei auf den § 11 des Sozialgesetzes, achtes Buch, der sinngemäß vorsieht, Kinder und Jugendliche effektiv ins Arbeitsleben, sowie ins soziale und kulturelle Geschehen einzubinden. Dafür sind “die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen”. Der Gesetzgeber hat also eine Bringschuld von der einen Seite vorgesehen, der Tarik sich mit Überzeugung verpflichtet fühlt.

Dabei sieht Tarik aber Herausforderungen. Viele der Jugendlichen sehen sich als Teil einer Randgruppe. Ob dann die Angebote auch wirklich für sie gedacht sind? Und auch wenn ihre Familien in der dritten oder vierten Generation hier ansässig sind, sehen sie sich eher dem Heimatland zugehörig, als Deutschland. Sie definieren sich dann als Türken, oder Araber, gleichzeitig wissen sie, das man sie im Heimatland selten als solche sieht.

“Ich bin Deutscher, mit orientalischen Wurzeln”
Bei Tarik ist es anders. Er ist in Kreuzberg aufgewachsen, in der Gneisenaustraße und sieht sich als Deutscher mit “orientalischen” Wurzeln. Hier ist sein Lebensmittelpunkt, hier ist er aufgewachsen, machte seine Ausbildung und verdient sein Geld.
Die Perspektivlosigkeit, die es bei den Jugendlichen geben kann, die kennt er von sich und in vielen “erkennt er sich wieder”. Er hat viele Jobs gemacht, bevor er Erzieher wurde. Hat in Spätis gearbeitet, ist Taxi gefahren, um seine Ausbildung zu finanzieren. Dass er etwas mit Kindern machen und helfen wollte, wusste er schon als Kind. Damals wollte er Kinderarzt werden. Er hatte aber immer Vorbilder, wie seinen Vater z.Bsp., der Dozent an einer Wirtschaftsschule ist. Und Menschen in seinem Umfeld, die ihm bei der Wahl des beruflichen Weges wertvolle Unterstützung bieten konnten. Und was bei ihm letztendlich ein Umschalten verursacht hat, war die Geburt seines ersten Kindes. Jetzt galt es Verantwortung zu übernehmen und für seinen Sohn da zu sein, die Zeit der Unentschlossenheit war vorbei.

Gut in der Analyse, Unterztützung für Lösungen
Diese Unentschlossenheit ist für Jugendliche normal. Sie sind in der Phase, in der sie sich kennenlernen und ihre Identität bilden, dafür brauchen sie auch Vorbilder. Wenn diese sich auf Rapper begrenzen, die vom vielen und leichten Geld singen, reicht es nicht, denn das sind absolute Ausnahmen. Viele der Jugendlichen wissen das auch, Tarik empfindet sie als eigentlich sehr reflektiert. In der Analyse seien sie sehr realistisch und präzise, nur bei den Lösungen brauchten sie Unterstützung. Was jeder Jugendliche braucht – und das will Tarik ihnen bieten.

Fa und Tarik ist eines gemein. Sie kennen das Team des Jugendclubs gut und schätzen es sehr. Fa, weil sie eine der Mitarbeiterinnen seit langem kennt, Tarik, weil er in einem sechsmonatigen Praktikum es kennen gelernt hat. Und beide warten auf die Eröffnung des neuen drehpunkts, man darf vermuten mit einer Mischung aus Sehnsucht und Ungeduld, damit sie endlich mit ihrer neuen Arbeit beginnen können.

 


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