PORTRÄT: Das Viertel in Statisitken

Ein paar Zahlen

Diesmal geht es um harte Zahlen statt subjektiver Eindrücke. Da der Sommer in Berlin weniger Sonnentage hatte (-4% Sonnenscheinstunden verglichen zu den Vorjahren), qber dqfür mehr Regen (+175%), passt es ideal: Was gibt es Schöneres als Statistiken über das Fördergebiet der Düttmann-Siedlung und Umgebung zu lesen? Wenig, und deswegen kommt jetzt ein Porträt des Quartiers in messbaren Werten.

Dass im unregelmäßigen Viereck des Quartiers, begrenzt durch drei Straßen – Urban, Graefe, Jahn – und einer Heide mit Hasen – knapp 3000 Menschen leben, oder ziemlich genau 2997, liest man oft. Dass hier 51% der Bewohner eine Form staatlicher Leistung beziehen, von Rente bis Arbeitslosengeld, und etwa 70% Migrationshintergrund haben, auch. Aber dass 40% keinen deutschen Pass haben schon seltener. Dass es eins der kinderfreudigsten Gebiete im jüngsten Bezirk Berlins ist wiederum öfter: Der Kreuzberger zählt im Schnitt 37,8 Jahre, der Bewohner des Quartiers knapp 33 Das erklärt auch die wunderschöne Alterspyramide des Fördergebiets, die auch diesen Namen verdient, da sie auf einem kraftvollen Fundament von vielen Kindern und Teenagern ruht.

Die Alterspyramide der Düttmann-Siedlung, zum Vergleich die des Bezirks aus dem Jahr 2010.

Weniger harmonisch ist hingegen die Einkommenstruktur. Kreuzberg ist vielleicht der jüngste Bezirk, aber dafür der zweitärmste, sicherlich hängt das zusammen. Hier kommt im Durschnitt jeder Haushalt mit einem monatlichen Einkommen von 1800 Euro aus, vor vier Jahren waren das noch 1500 Euro. Man kann davon ausgehen, dass die Haushalte der Siedlung mit weit weniger auskommen müssen. Auch davon hatte man gelesen, es genau zu beziffern ist schwierig.


Die Graefestraße gehört zu den teuersten Berlins

Durchschnittliche Nettokaltmieten in Friedrichshain-Kreuzberg, Wohnmarktreport 2017, Berlin Hyp.

Gar nicht harmonisch ist: Der Graefe-Kiez ist der drittteuerste Berlins bei Angebotsmieten, lqut der Berechnungen der Immobilienberatung Berlin Hyp. Im Wohnmarktreport 2017 werden die Nettokaltmieten berlinweit verglichen. Die Graefestraße erreicht stolze 18,91 Euro pro Quadratmeter, für das teuerste Zehntel jedoch. Ansonsten sind 11 bis 12 Euro die Regel. Spannend am Bericht ist die errechnete Wohnkostenquote, also der Anteil des Einkommens, der für die Unterkunft gezahlt wird. Hier werden Werte für alle Postleitzahlgebiete ermittelt. Die Bewohner des Gebiets 10967 geben zwischen 32 und 35% des Einkommens für ihre Wohnung aus, 2015 lag sie noch bei 26 bis 28%.

Beides ist mehr als der Berlinweite Durchschnitt von 21%, den das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) und die Privatbank Berenberg Berlin in ihrer Studie errechnet haben. Aber weniger als der Wert des Portals Immonet.de: Laut deren Berechnungen werden ganze 45% der Einkommen der Berliner von den Mietkosten verschlungen. Wenn alle Bewohner eine Wohnung in der Graefestraße neu anmieten könnte das sogar stimmen. Dafür gibt es aber nicht genügende: Laut dem Wohnmarktreport wurden letztes Jahr im PLZ-Gebiet 10967 ganz genau 129 Wohnungen zur Miete angeboten. Das ist nicht sonderlich viel.


Auch Eigentumspreise ziehen stark an

Wer eher Eigentum denkt statt Miete, kann die Entwicklung der Kaufpreise auf dieser Animation von RBB/24 verfolgen. Von 2015 auf 2016 erhöhten sich die Quadratmeterpreise rund um die Düttmann-Siedlung von 4100 Euro pro Quadratmeter auf 4800, schenkt man den Daten der Firma Empirica System Glauben. Sie und ihre Mutterfirma messen ziemlich alles, was mit Wohnen zu tun hat: Leerstand, Preisblasen, Mieterträge, Kosten von WG-Zimmern, sogar die Entwicklung der Heizkosten in mittleren Ballungsgebieten der Republik. Bürgerbeteiligungen machen sie auch, sollten sich die Heizkosten zu schnell erhöhen zum Beispiel.

Steht der Regler über 4800 € / m2 wird das Viertel grau: Gute Nachricht, Wohnungen sind derzeit darunter zu haben. 2014  waren es noch um die 2800 €. Aus dem Wohnungskauf-Atlas vom RBB 24.


Airbnb geht es glänzend – trotz Zweckentfremdungsverbot

Erklärt sich dieser Preisdruck bei Miet- und Eigentums-Wohnungen durch die vielen Ferienwohnungen, die bei Airbnb angeboten werden? Der Kiez um die Graefestraße liegt  mit seinem Angebot berlinweit an dritte Stelle (314), hinter dem fernen Helmholtzplatz-Kiez (345) und dem benachbarten Reuterkiez (476).

Anzahl der Airbnb-Wohnungen im Graefe-Kiez, von der Webseite www.airbnbvsberlin.de

Die Daten sind zwar nicht mehr taufrisch, sie stammen von der Seite Airbnb vs. Berlin die 2016 fast den begehrten Grimme-Online-Preis gewonnen hätte. Aber eine rasche Suche bei Airbnb zeigte aktuell über 300 Wohnungen mit zwei Schlafzimmern in Friedrichshain-Kreuzberg. Soviel zu der Wirkungskraft des Zweckentfremdungsgebot. Irgendwo müssen aber auch die jährlich 1,5 Mio Friedrichshain-Kreuzberg-Touristen ihre insgesamt 3,8 Mio Nächte verbringen, laut Statistik des Bezirksamts für das Jahr 2016. Der Umkehrschluss: Touristen schlafen 2,53 Nächte im Bezirk, was sicher mit der Beschaffenheit von Kreuzberger Nächten zu tun hat.


Über 1,8 Mrd. Euro Immobilientransaktionen im Bezirk

Die teuerste unbebaute Fläche Berlins lag in Kreuzberg: Auf der Cuvry-Brache baut der Internet-Händler Zalando seine Zentrale. Hier die Graffitis die 2016 schwarz übermalt wurden.

Friedrichshain-Kreuzberg war vergangenes Jahr ein reger Umschlagplatz für Gebäude und Grundstücke, insgesamt wechselten für 1,871 Mrd. Euro 2735 Wohnungen, 134 bebaute und 21 unbebaute Grundstücke den Besitzer. In Geldwert kosteten die Wohnungen 670 Mio., die bebauten Grundstücke 1,17 Mrd. und die unbebauten bescheidene 32,4 Mio. Euro. Berlinweit betrug die Summe der Immobiliengeschäfte 16 Mrd. Euro, der Bezirk kam mit einem 12%igen Anteil an dritter Stelle hinter Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte. Das alles läßt sich nachlesen und -rechnen im Immobilienmarktbericht 2016/17 des Landes Berlin.


Sicher wie ein Fahrrad in Kreuzberg…

Ob alle die hier wohnen, durchreisen und Geschäfte machen sich sicher fühlen? Laut Kriminalitätsatlas der Berliner Polizei liest, der alle zwei Jahre herauskommt, ist das der Fall. Die Tempelhofer Vorstadt – so nennen die Polizisten das Gebiet zwischen Kottbusser Damm und Yorckstrasse – ist entegen der Farbwahl des Grafiken des Berichtes im grünen Bereich. Es sei denn, man ist ein Fahrrad. Dann sollte man hier nicht lange bleiben bzw. das wird man auch nicht. 2014 und 2015 wurden insgesamt 2219 Diebstallfälle gemeldet, im ganzen Bezirk waren es 8500, in ganz Berlin 63.000.

Schon wieder Dunkelrot: diesmal sind es gestohlene Fahrräder. Kriminalitäts-Atlas 2016 der Berliner Polizei.

Die Tempelhofer Vorstadt ist also Spitzenreiter im Fahrraddiebstahl. Wie der Graefe-Kiez hier mitmischt ist im Atlas nicht erfasst, zu grobmaschig wird dort berichtet. Bei den sogenannten „Kiezbezogenen Straftaten“, man verstehe Automateneinbruch, Keller & Bodeneinbruch, KfZ-Sachbeschädigungen, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, ist Kreuzberg zwar an zweiter Stelle, die Tempelhofer Vorstadt aber nur im vertretbaren Mittelfeld.


Der Herrmannplatz hält einen traurigen Rekord

Eine Fotogestaltung des Herrmannplatzes von der Firma Panorama Street Line.

Beim Straßenverkehr gibt dafür einen Negativ-Rekord. In einem weiteren Bericht der Polizei, diesmal die Verkehrsicherheitslage 2016, ist der Herrmannplatz der zweitgefährlichste Platz Berlins, ganz knapp hinter dem Theodor-Heuss-Platz. Das liegt aber nur an der Berechnungsmethode. Der Platz bei der Technischen Universität kann zwar mit 28 Unfällen mit Personenschaden den Herrmannplatz mit einem Vorfall mehr übertrumpfen. Aber leider gab es dort 2016 einen Toten, sieben Schwerverletzte und 34 Leichtverletzte, gegen respektive fünf Schwer- und 29 Leichtverletzte beim Theodor-Heuss-Platz. Warum die Polizei den einen vor den anderen stellt lässt sich fragen, aber solche Reihungen sind ja sowieso makaber.

 

Dichter besiedelt als Paris

So dicht ist es in Berlin selten, deswegen hier eine beispielhafte Stadt.

Zum Abschluss ein weiterer Rekord für das Quartier: Innerhalb des dichtest besiedelten Bezirks der Hauptstadt, 13.891 Einwohnern pro Quadratkilometer, ist es vermutlich das am dichtesten besiedelte Gebiet. Glaubt man den Angaben der Seite des Quartiermanagements-Dachportals, so entsprechen die 2966 Einwohner auf 8,52 ha umgerechnet einer Dichte von 35.164 Einwohnern pro Quadratkilometer. Noch nicht ganz auf dem Niveau von Kairo, Manila und Dacca, die alle jenseits der 40.000 liegen, aber weit über Schanghai, Bombai und Paris, die zwischen 24.000 und 21.000 liegen. Aber der große Unterschied zu all diesen Städten: Dort gibt es keine Hasenheide und Landwehrkanal-Ufer, die nur ein paar Minuten entfernt sind. Ob Paris deswegen einpacken kann, sei dahingestellt: Zumindest regnet es dort weniger als hier. Laut dem Wetterdienst Météofrance war die Anzahl Sonnenscheinstunden in der Seine-Metropole im ersten Halbjahr 2017… aber eigentlich das hier ist ein Newsletter über Kreuzberg, nicht Paris. Der Beitrag endet hier.

 

Anmerkung: Alle Quellen sind als Link im Artikel hinterlegt. Zum Abschluss die Tabelle der Wetterstatistik, die in der Einleitung zitiert wurde. Die monsunartigen Platzregen stechen grün hervor.

Quelle: Wetterkontor GmbH


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