Porträt: Die Nachhilfe-Offensive vom Drehpunkt

Ein Stockwerk voller Bildung

Gehen Schüler*innen gerne zur Nachhilfe? Eigentlich nicht, aber wenn sie in der Urbanstrasse 44 ist schon eher. Seit Anfang des Jahres bietet die Jugendeinrichtung drehpunkt mit einem erprobten sowie engagierten Team Nachhilfe für die Schüler der Albrecht-von-Graefe-Schule auf einem ganzen Stockwerk an. Schüler schätzen das Angebot, die Lehrer bemerken es, bald soll es auf weitere Schulen erweitert werden.

«Hier kann man sich besser konzentrieren als in der Schule.» «Und man kann nebenher essen.» «Und hier macht es Spaß.» So beschreiben Sundus, Zubia und Maryam das neue Nachhilfeangebot. Schulischer Erfolg ist ihnen wichtig. Sie sind zwar um die 12, haben aber schon klare Berufswünsche: Polizistin, Ärztin und Modedesignerin. Später mal. Jetzt ist es halb sechs, genug gelernt für heute, sie möchten gehen. Zu ein paar Fotos lassen sie sich trotzdem überreden.

Zara sieht es ähnlich. Im 3. Stock der Urbanstrasse 44, den ehemaligen Räumlichkeiten der Quartiersmanagements, kann sie gezielt an ihren Schwächen in Englisch arbeiten. Denn vieles andere fällt ihr leicht, wie Chemie und Biologie zum Beispiel, Fächer, die die 18-jährige begeistern. In der Sitzung mit der Nachhilfekraft Anne Wagner, die eine Mischung aus Textverständnis, Vokabeltraining, Tipps zu Lerntechniken, Motivation und persönliches Gespräch ist, erwähnt sie wie leicht sie sich das Periodensystem merken konnte – im Nu. Englische Vokabeln bereiten da mehr Schwierigkeiten, die nötigen chemischen Prozesse in ihrem Gehirn, um auch dort zu bleiben, zu aktivieren. Sie erwähnt auch warum sie derzeit nicht an ihrer Wunsch-Schule mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt ist, sondern an einer OSZ für Handel. Eine Mischung aus Pech und mangelnder Unterstützung. Sie hatte zwar alle Tests für die Wunschschule locker bestanden, leider war sie spät dran, es gab keine Plätze mehr. Anne Wagner ermutigt sie, es noch einmal zu probieren, Zara zögert. In dem englischen Text geht es um die Generation Y. Die, die keine Lust auf nichts hat, die sogar ihre Partner lieber im Internet sucht als im wirklichen Leben. Auf einem Smartphone Profile wegwischen ist nicht so anstrengend wie Kaffee trinken oder Party machen. Aber die Verbindungen die so entstehen seien stabiler steht im Text. Zara hört interessiert den Erläuterungen Wagners zu, meint nebenbei sie merke sich schlecht Vokabeln, bei einem Spontantest erinnert sie sich aber immerhin an challenging, recession, dubious und das seltene buoyant – zu Deutsch lebhaft.

Zwei Meter weiter, am Fenster, sitzt Fatma mit Sebastian Russ. Sie will sich für ein Praktikum bewerben und braucht einen tadellosen Lebenslauf. Sebastian erklärt ihr die Grundzüge, schaut ihr über die Schulter wenn sie Hilfe braucht, beantwortet Fragen. «Warum soll ich da meine Hobbies hinschreiben?» fragt Fatma. Sebastian holt zu einer Antwort aus. Zara ist schneller: « Na ja, die wollen halt wissen wer Du bist. Ob Du in deiner Freizeit Chips vorm Fernseher isst, oder interessante Sachen machst ». Fatma kichert, das leuchtet ihr ein: « Also nicht schreiben, dass ich gerne mein Freunde treffe und mit ihnen abhänge?»

Eins der wichtigsten Lehrmittel: Der Zeigefinger.

«Diese Art gegenseitiger Hilfe ist Teil unseres Konzepts hier. Das ist super, wenn das passiert» meint Russ zu mir. Er ist der operative Leiter des Nachhilfe-Projekts des drehpunkts und hat ganz besondere Ansichten über Bildung. «Die Schule habe ich selber nicht gemocht. Ich habe sie abgebrochen, eine Ausbildung gemacht, dann das Abi nachgeholt. » Diese nicht-Standard Lebensläufe sind häufig in der Nachhilfe, das sei auch notwendig, um sich in Schüler hinein zu fühlen, die nicht so gut mitkommen. «Den Anschluss verlieren kann viele Gründe haben, die nichts mit den Fähigkeiten zu tun haben müssen». Mangelnder Platz und Ruhe zu Hause, um zu lernen, kann ein Grund sein. Ein Unverständnis, was Lehrer von einem wollen ein weiterer. Oder externe Gründe, wie überforderte Lehrer. Allein mehr als 20 turbulente Teenager in den Griff bekommen zu müssen, das sei eigentlich ein Systemfehler. Genauso fehle ihm an Schulen eine Art Qualitätsmanagement, ein gemeinsames Reflektieren über den Tag, die Klasse, die Methoden. Wie sie es bei der Nachhilfe machen, täglich, ca. 20 bis 30 Minuten.

Pädagogik ist zum Teil Überzeugungsarbeit: Schüler überzeugen, dass sie mehr können als sie glauben.

Bastian Krause, ein weiterer Nachhelfer, hat sich zu der Feedback-Runde gesellt. Die drei besprechen die Schüler*innen, die ich kurz kennengelernt habe. Sie erklären, die Basis sei die Beziehung zu den Jugendlichen und wie sehr sich diese auf deren Verhalten auswirkt. Einige Schüler sind in den ersten Wochen aufgekratzt, haben nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, stören den Unterricht. Aber das legt sich in dem man begründete Disziplin und Erklärungsarbeit kombiniert, die früher oder später zur Einsicht führen. Alle drei Nachhilfekräfte sind sich einig: Wirklich schlechte Schüler gibt es so gut wie nicht. Es gibt im Gegenteil sehr viele Talente. Was hingegen häufig sei, ist mangelnde Motivation. Sebastian zitiert den Neurobiologen Gerald Hüther, der Angela Merkel die Leviten über das deutsche Bildungssystem las. Das Bildungssystem stelle nicht systematisch die zwei Grundvoraussetzungen fürs Lernen her: Freude und Begeisterung. Wie Frau Merkel reagierte, ob mit Freude, oder Begeisterung, oder nichts davon, ist nicht überliefert.

Die Jugendeinrichtung drehpunkt bietet momentan ein ganz neues Konzept für Nachhilfe-Unterricht. Die wachsende Nutzung durch Schüler spricht dafür.

Diese beiden starken Motivationsfaktoren versucht die neue Nachhilfe des drehpunkts so gut es geht im Rahmen des vorgegebenen Lehrplans zu ermöglichen. Sebastian und sein Team sind nicht an ihrem ersten Versuch. Die meisten haben bei einem ähnlichen Nachhilfeangebot im Wedding mitgemacht, Sprint, das die Schüler begeistert. Als Cornelius Sutter und Sebastian Russ davon hörten beschlossen sie ein ähnliches Angebot im Graefe-Kiez aufzubauen. Im Bildungsnetzwerk Graefekiez wurde die Idee vorgestellt, die Albrecht-von-Graefe-Schule konnte als Partner gewonnen werden. Angesichts des Erfolgs, bisher kommen 30 bis 40 Schüler*innen pro Woche, Tendenz steigend, sollen die weiteren Schulen der Umgebung eingebunden werden. Parallel soll das Team von Nachhilfekräften auf 12 aufgestockt werden, um so viel Einzelbetreuung wie möglich zu erlauben.

Für die angehenden Lehrer Anna Wagner und Bastian Krause sind solche Nachhilfe-Erfahrungen Gold wert, oder auf Neudeutsch, eine win-win-Situation. Sie lernen aus erster Hand die Schwierigkeiten der Schüler*innen kennen, die Schwächen des Systems, können den Stoff nachholen und trainieren das Unterrichten. Für die Nachhilfeschüler*innen ist es auf jeden Fall ein Gewinn. Wie es Zara formuliert: «Seitdem ich hierher komme habe ich mich voll geändert, ich bin viel ruhiger geworden. Ich glaube, ich werde Erwachsen!» Nun, es gibt auch zappelige und unruhige Erwachsene, einige haben gesellschaftlich bedeutende Stellungen, manchmal werden sie sogar Präsidenten von großen Ländern. Vielleicht sollten auch sie die neue Nachhilfe des drehpunkts besuchen.

 

Sebastian Russ leitet mit Cornelius Sutter das neue Nachhilfe-Angebot. Inspiriert wurde es vom Nachhilfe-Angebot Sprint im Wedding.


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