FIRMEN IM VIERTEL: Gewerbetreibende spenden für die KiezAktivKasse

Ein wildwuchernder Büchertempel

Die Buchhandlung Wilde in der Körtestraße ist die einzige Berlins, in der man noch über eine Theke bedient wird. Harald Kirchner führt die 1909 gegründete Buchhandlung.

Vielleicht ist in diesem alten Geschäft der Kunde König, aber das Buch, das ist hier Kaiser. Der Kunde hat kaum Platz, ihm bleiben ein paar Quadratmeter, um sich im Laden aufzuhalten. Der Rest gehört den Büchern, sie sind überall. Der Laden ist eine überbordende Höhle Ali Babas, nur sind die Schätze gedruckte und eingebundene Worte, ein wildwuchender Tempel, fast eine Filmkulisse. Von drei Räumen ist nur einer dem Verkauf gewidmet, die beiden anderen sind Lager und Büro. Der Verkaufsraum, mit rund 15 Quadratmetern, ist durch eine alte und geschwungene Holztheke stark verkleinert, auf der sich Bücher bis in Kopfhöhe türmen, in mehreren Reihen. Vor der Theke stehen Regale, voll mit Kinderbüchern, in Augenhöhe der kleinen Kunden. Vor lauter Bücher sieht man die Theke nicht mehr. Dahinter, an der Wand, sind hohe Regale, eigens für den Laden maßgeschneidert und natürlich randvoll mit Büchern. Sie sind überall, vom Boden bis an die Decke.

Den Mitarbeiter*innen bleiben enge Gänge zwischen den Büchertürmen und -wänden, um aus den Hinterzimmern eins der rund 30.000 lagernden Titel zu holen. Denn hier bestellt man eher Bücher, als das man sie sich selbst holt. Den Mitarbeitern erklärt man seinen Wunsch bei der Kasse, am Ende der Theke, gleich beim Eingang. Der einzige Ort, auf dem sich keine Bücher türmen, eine Art Kommunikationsscharte, durch die man die Mitarbeiter*innen ca. bis zum Bauch sieht. Wenn man seinen Wunsch geäußert hat, oder sie einen beraten haben, verschwinden sie einige Augenblicke hinter den Büchern, um mit dem gewünschten wieder aufzutauchen. Die ganze Zeit wird man von einem orangenen Drachen stumm beobachtet, der von der Decke hängt, fast in der Mitte des Raums. Und der von einer alten Wanduhr hinter ihm, im Wandregal eingefasst, wegzufliegen scheint, seit Jahren. Doch kommt er nie vom Fleck.

Wirkt voll, ist aber nur ein Zehntel aller hier vorhandenen Bücher: frei nach dem Eisberg-Prinzip.

Der Laden mit seiner Theke ist eigentlich ein Dinosaurier, aber mit gefällt´s“, sagt Harald Kirchner, Betreiber der Buchhandlung Ludwig Wilde, „und so kann man viel mehr Bücher unterbringen.“ Dass die Zeit hier etwas stehengeblieben ist wundert nicht, die Buchhandlung wurde 1909 gegründet. Aber sie ist nicht ganz stehengeblieben, wie der Online-Shop bezeugt. Kirchner selbst ist ständig in Bewegung und ein Multi-Tasking-Talent. Während er mit mir vor der Buchhandlung redet, begrüsst er jeden dritten Passanten, beantwortet die Fragen von Kunden, oder holt ihnen schnell ihr bestelltes Buch, kommt zurück und führt nahtlos das Gespräch fort. In den kurzen Wartezeiten kann ich die Notizen vervollständigen und schätzen, wie viele Kunden in den Laden kommen. „Zwischen 30 und 50 pro Tag, aber ich bin nicht so der Zahlenmensch“ sagt Kirchner.

Das wären knapp 1.000 Kunden pro Monat, davon 300 Stammkunden. Das Geschäft läuft gut, vor allen dank der Belieferung von Schulen, aber von Freizeit „muss man sich verabschieden, als unabhängiger Buchhändler“. Die Wochen haben sechs Tage, 60 Stunden Arbeit sind die Norm. Und als er erwähnt, dass kleine Buchhändler steuerlich voll belastet werden, während Riesen wie amazon mit EU-Firmenkonstrukten fast gar nicht, verzieht der fröhliche und lebhafte Buchhändler ein einziges Mal das Gesicht. Trotz Steuerlast engagiert er sich für das Viertel und spendet seit Jahren in die KiezAktivKasse Kreuzbergs.

Wenn man von Gefahr spricht… taucht gleich eine auf, wo man sie nicht erwartet. Rechts das Denken, links die Haifische.

Aber für die vielen Mühen gibt es auch große Belohnungen: „Das passende Buch für einen Kunden zu finden, das ist eins der schönsten Gefühle, das ich kenne“. Wenn ein Kunde sich beraten lässt, besonders bei Geschenken, und er dann mit ein paar Fragen den Geschmack des Beschenkten erkundet, das macht „richtig Spass“. Seine Mitarbeiterin Frau Israel sei da noch viel besser, da sie viel mehr lese als er. Und bei der Beratung hat die kleine Buchhandlung einen klaren Vorteil gegenüber Buchketten: Sie kennen ihre Kunden seit Jahren. Ihren Geschmack, ihre Interessen, was sie mögen und was nicht.

Den Laden führt Kirchner seit 2001. Aber technisch betrachtet ist er nicht Inhaber, noch sind das seine Eltern. Mit der Übernahme der Buchhandlung 1973, direkt von der Schwiegertochter des Gründers Ludwig Wilde, erfüllten sich Kirchners Eltern einen Traum. Den beiden Büchernarren würde nie wieder der Lesestoff ausgehen, sie waren jetzt an der Quelle. Damals war die Buchhandlung noch in der Fichtestraße, Hausnummer 33, die Einrichtung von 1909 intakt. Als sie 1995 vom neuen Eigentümer des Hauses gekündigt wurden, war das „ein Trauma“. Da halfen weder Unterschriftensammlungen durch die Nachbar*innen, noch Artikel in Berliner Tageszeitungen. Der Eigentümer wollte ein Lokal, statt geistiger Nahrung, was zu essen und trinken. An der neuen Adresse haben sie sich zum Glück gut etabliert, aber als Gewerbetreibender ist man nie sicher vor einer neuen Kündigung.

So sah die Buchhandlung und der Herr Wilde aus, um 1910, in der Fichtestr. 33. Damals konnte man auch Bücher ausleihen, die städtische Büchereien nicht ihrer würdig fanden z.Bsp. 

Die Eltern wirken auch weiter im Hintergrund, besonders die Mutter. Sie liebt Kinderbücher, liest Unmengen davon und macht ihrem Sohn Empfehlungen: Das Sortiment besteht zur Hälfte aus Kinderbüchern. Bei „Frauenschmökern“ hat sie auch ein gutes Händchen. Und auch sonst ist es ein Familienbetrieb, Kirchners Frau arbeitet mit. Sein Sohn ist leider aus dem Alter raus, indem er ihm Kinderbücher vorlesen konnte. Dafür gehen die beiden jetzt ins Olympia-Stadion, sie sind eingefleischte Hertha-Fans – und von einem neuen Stadion hält Kirchner nichts, das Alte sei doch nicht zu überbieten.

Kinderbücher müssen natürlich auf Kinderhöhe sein, auch physisch.

Die Buchhandlung ist zwar zu klein für Lesungen, aber Kirchner ist einfallsreich. Einmal hat er einen Bekannten mit einer großen Wohnung, die unter Einhaltung der Corona-Regeln knapp ein Dutzend Personen fasst. Aber die besondere Neuerung ist die Fernsignierung. Einer seiner Lieblingsautoren, der Österreicher Robert Seethaler, lebt im Viertel. Wer ein von ihm signiertes Buch will, hinterlegt es, und alle paar Wochen kommt Seethaler vorbei und unterschreibt die Exemplare. Der Autor und Schauspieler, in vielen TV-Filmen zu sehen, erhielt als Schriftsteller zahlreiche Preise, für ein Drehbuch sogar den begehrten Grimme-Preis.

Harald Kirchner vor seiner Buchhandlung, dessen Führung er 2001 von seinen Eltern übernahm.

Das Buch von ihm das Kirchner am meisten schätzt ist „Das Feld“. In einem Friedhof beginnen die Toten eines Städtchens miteinander zu reden, dadurch kommen die komplexen Beziehungen zu Tage. Die anderen Lieblingsbücher Kirchners sind: Middlesex, von Jeffrey Eugenides, indem ein Mensch zwischen den Geschlechtern auf Identitätssuche geht; der katholische Bulle vom irischen Autor McKintey, das während des Irland-Kriegs in den 80ern spielt; vom dänischen Autor Carsten Jensen „Wir ertrunkenen“und vom isländischen Autor Christoph Magnusson „Ein Mann der Kunst“.

Wer die Zusammenfassung der letzten zwei will, oder besser noch, Empfehlungen die zu dem eigenen Geschmack passen, der braucht einfach nur Kunde der Buchhandlung Wilde zu werden.


Links:

Webseite und Shop der Buchhandlung Wilde

KiezAktivKasse

 

Wacht über jede Transaktion: der Drache der Buchhandlung Wilde. Bisher tat er nichts, was aber nichts über die Zukunft aussagt. Alle Fotos: Adrian Garcia-Landa


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