Eine Frage der Möglichkeiten

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Man redet nicht gerne drüber, aber Schweigen ist leider keine Lösung. Und leider ist Gewalt unter Jugendlichen ein wiederkehrendes Thema im Graefe-Kiez. Ein Gespräch über das, was man lieber nicht im Kiez hätte und wie man dagegen angeht mit Cornelius Sutter, Leiter der Jugendeinrichtung drehpunkt und Christian Martens, Koordinator der Anti-Gewalt-Kampagne «Zeig Mut».

Vom Fenster des Jugendclubs drehpunkt hat man eine hervorragende Sicht auf den Bolzplatz an der Graefestraße. Durch die meterhohen blauen Gitter sieht man die vielen Kinder und Jugendlichen spielen, an die 50, die Meisten spielen Fußball, alles wirkt harmonisch. Dann kommt ein Foul. Plötzlich kocht alles hoch. Eine Kettenreaktion, das friedliche Spielen ist schlagartig vorbei, jetzt wird gerangelt und gestritten, manchmal auch geschlagen. Eine typische Szene die zwar nicht Alltag ist, aber leider regelmäßig vorkommt, meint Cornelius Sutter. Er leitet seit anderthalb Jahren den Jugendclub Ecke Graefestraße/Urbanstraße.

 

«Streit ist leider für viele Kinder ok, Gewalt ist keine Ausnahme. Und nicht nur körperliche, auch verbale.» Das betrifft zwar ein Zehntel der Kinder, aber die überschatten die anderen. Viele Kinder lernen in ihrer Erziehung, und besonders Sozialisierung, keine Schwäche zu zeigen, stark zu sein. Empfindungen werden versteckt, Verletzungen nicht bearbeitet, neue Wunden lassen alte aufplatzen. Und Gewalt ist geschlechtsneutral, wobei Jungs physischer sind. Sutter betont: «Das ist aber keine ethnische Frage, sondern eine von Einkommen.» Das bestätigen auch Betreuer umliegender Schulen, es ist eine Frage von Möglichkeiten. Möglichkeiten der Eltern ihren Kindern außer Schule und Familie Räume zu bieten. Aber auch die ganz einfache, mehr Zeit für seine Kinder zu haben.

 

«Viele von Ihnen tun sich schwer Gefühle zu zeigen. Neulich ist ein Mitarbeiter nach 10 Jahren drehpunkt gegangen, die wenigsten konnten sagen, dass sie sich traurig fühlen, dass sie ihn vermissen werden. Obwohl man es ihnen ansah.» Denn Gefühle zu zeigen bedeutet, seine Verletzlichkeit preiszugeben. Ob diese Kultur des Misstrauens und der latenten Feindseligkeit sich überwinden lässt? In seiner vorigen Position, als Leiter eines Jugendclubs in Bayern, gelang es Sutter diesen «Raubtierkäfig» wie er sagt, zu drehen. Der süddeutsche Ausdruck für Umkehren. Jetzt verwalten die vormals Problemjugendlichen fast selbständig den Club, mit viel Verantwortungsgefühl. Sind in einem katholischen Bundesland Wunder leichter möglich? Die Gründe waren irdischer: «Wir hatten mehr Möglichkeiten ihnen zu zeigen, wie man anders kommuniziert, sich ausdrückt, wie man Empathie entwickelt.» Wieder eine Frage von Möglichkeiten.

 

Eine Kampagne um das Bewusstsein zu heben

Der erste Schritt zur Problemlösung ist dieses zu erkennen – und zu formulieren. Bei einem Problem, das man lieber nicht hätte und das mannigfaltige Konsequenzen hat, wird diese Binsenweisheit plötzlich zu einer heiklen Angelegenheit. Deswegen ist der Entschluss eine Kampagne gegen Gewalt zu organisieren, in einem Spannungsfeld von gewünschten und realen Begebenheiten, ein bemerkenswerter erster Schritt. Gefasst wurde er von der Trägerrunde der Düttmann-Siedlung, die alle Vereine des Quartiers regelmäßig an einen Tisch bringt. Der Koordinator der Kampagne, Christian Martens, meint dazu: «Es gilt, der Kultur der Gewalt etwas entgegenzusetzen. Meine Rolle ist ein Netzwerk gegen Gewalt von den betroffenen Einrichtungen aufzubauen und zu moderieren. Und eine Kampagne mit ihnen zu erarbeiten, die das Problem ins Bewusstsein rückt.» Das Ergebnis ist das Motto «Zeig Mut! Ich stehe ein für…» das in wenigen Wochen im Kiez durch verschiedene Kommunikationsmittel verbreitet wird. Unter dem Motto wird z. B. ein Spaziergang durch den Graefekiez stattfinden, zu dem alle Nachbar*innen eingeladen sind: Treffpunkt: Samstag, den 26.11., um 11.00 Uhr auf dem Werner-Düttmann-Platz. Am 30.11. gibt es die Ergebniskonferenz. Nicht nur eine Bilanz, sondern vielmehr eine erste Etappe in einem längeren Vorhaben.

 

Denn Gewohnheiten zu verändern ist keine leichte Sache, das wissen wir alle, besonders schlechte. Erleichternd käme in diesem Fall hinzu, dass man neben dem erklären, warum Gewalt ein Holzweg ist, in erster Linie neue Arten sich auszudrücken vermitteln würde. Also den Kindern und Jugendlichen mehr Möglichkeiten geben zu kommunizieren. Was wiederum von den Möglichkeiten abhängt, mit denen die betroffenen Organisationen arbeiten können.


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