BERICHT: Das Projekt Stadtteilmütter jetzt im Dütti-Treff

Eine Mutter kann viel bewirken

Wie kann man viel mit wenig erreichen? Das Projekt Stadtteilmütter macht es vor. Die niedrigschwellige Beratungen von Migrantinnen für Migrantinnen sind seit kurzem auch im Dütti-Treff, jetzt hat eine Studie die Wirkung umfassend untersucht. Ein Artikel über das Vermehren sozialen Kapitals und dem Entstehen positiver Kreisläufe…

«Es macht Spass, Leute zu beraten, ihnen zu helfen und Mut zu machen» sagt Annah Molt. Die aus Ghana stammende Frau sitzt mit mir im Dütti-Treff, wir reden über das Projekt, bei dem sie seit ein paar Monaten mitmacht. «Viele von unseren Klienten haben Angst vor Behördenwegen, oder Schulabenden, wir begleiten sie, eine Person der gleichen Kultur mit dabei zu haben, macht ihnen Mut» hakt ihre türkischsstämmige Kollegin Ummahan Kocyigit ein. «Manchmal helfen wir auch bei Streit oder Gewalt in der Familie» ergänzt Sumaya Najjar, ursprünglich aus dem Libanon.

Alle drei sind Stadtteilmütter, eine Initiative für Unterstützung auf Augenhöhe, die 2005 in Neukölln startete – und seitdem in Deutschland und anderen Ländern Schule machte und sogar international Preise erhielt. Die Idee: Niedrigschwellige Beratungsleistungen von Migrantinnen für Migrantinnen. Die Stärke des Projekts: die lebensweltliche Nähe zwischen Beraterinnen und beretenen Klientinnen. So beschreibt eine bald erscheinende Studie vom Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung die Stadtteilmütter. Aber mehr dazu später.

Mütter als Mittlerinnen
Die drei Mütter erzählen von ihrer Arbeit. Zwei davon sind dem Dütti-Treff zugeteilt, eine arbeitet seit kurzem im QM-Gebiet am Wassertorplatz, die andere war davor im Familienzentrum an der Gneisenaustraße. Aber auch andere Einsatzstellen sind möglich, wie Schulen, Kitas, oder Flüchtlingsheime. Die empfangenden Organisationen haben durch die Stadtteilmutter einen besseren Zugang zu ihren Zielgruppen, welche dadurch die Organisation als nahbarer wahrnehmen. Und das ohne Mehrkosten für die Einsatzstellen, da die Stadteilmütter vom Jobcenter finanziert sind. Das Feedback der Klientinnen: Sie sind sehr dankbar, das man sie aus einer Form von Schockstarre vor deutschen Ämtern löst und man deren Gebaren für sie dekodiert. Win-win, wie man heutzutage sagt.

Ein Reigen von Gewinnen
Aber es gibt noch einen Win, womit wir bei Win-Win-Win wären. Den Stadtteilmüttern selbst bietet die Arbeit auch einen bedeutenden Mehrwert. Erstmal haben sie eine Beschäftigung, was oft ihre Position in ihrer eigenen Familie stärkt. Sie erhalten auch etwas Geld, wenn auch aktuell nur 1,50 Euro pro Stunde, was ein kleines anti-Win, oder Lose, darstellt, aber bei 30 Stunden die Woche kommt doch etwas zusammen. Aber besonders durchlaufen sie zu Anfang eine sechsmonatige Qualifikation und nehmen parallel zu ihrer Arbeit an Weiterbildungsmaßnahmen teil. Mittelfristifg haben sie dadurch besseren Zugang zum Arbeitsmarkt. So hat sich Annah Molt zum Ziel gesetzt, das Sprachniveau B2 zu erreichen. Ohne die Stadtteilmütter hätte sie es vermutlich nicht gemacht, schätzt sie.

Kontakte sind die neue Währung
Auch wenn man bei den Summen für die teilnehmenden Mütter des Projekts nicht von Kapitalfluss reden kann, mehrt es doch eine andere Form von Kapital: das Soziale. Besonders das der Klientinnen, die aus ihrem «teils isolierten privaten Rahmen zu holen und ihnen Alltagskontakte außerhalb des unmittelbaren Familienumfeldes zugänglich zu machen». So liest man es in dem Artikel Stadtteilmütter als Netzwerkerinnen mit Wirkung über der schon erwähnten Studie. Sie untersucht – zum ersten mal strukturiert – die Wirkung vom Aufbau von Sozialkapital über das Projekt hinaus, so die Vermutung. Das Kontaktnetzwerk von eher isolierten Klientinnen und das von Stadtteilmüttern wird auch visuell dargestellt, der Artikel ist hier zum Download bereitgestellt.

 

Visualisiertes soziales Netzwerk: ein Beispiel mit wenigen Kontakten. Quelle: Camino / vhw

 

Durchgeführt hat die Studie die am Zickenplatz ansässige Camino Werkstatt, einen Steinwurf von der Siedlung entfernt, im ersten Halbjahr 2018. Untersucht wurden drei Gruppen von Stadtteilmüttern, eine in Neukölln und zwei in Dortmund, die seit vielen Jahren bestehen. Deren Arbeitsweisen sind leicht unterschiedlich: Während man in Neukölln mehr auf den direkten Besuch der Familien setzt, sind die Dortmunder Gruppen enger mit Sozialarbeitern verzahnt. Die Ergebnisse sind gleich: Die Transformation sozialer Netzwerke. Anders gesagt: Die Stadtteilmütter lernen das wuchernde Dickicht von Angeboten, Trägern und Stellen kennen, die Klientinnen habe in erster Linie Kontakt zu einer Vertrauensperson, die sie durch das besagte Gefilde zielsicher lotsen kann, aber auch in anderen Fragen zur Seite steht, wie beispielsweise bei familiären Konflikten und in absoluten Ausnahmefällen, sogar Trennungen. Klientinnen wie Stadtteilmütter berichten durch das Projekt viele neue Bekanntschaften und sogar Freundschaften gewonnen zu haben. Ein zusätzlicher Win.

 

Hier das Netzwerk einer Stadteilmutter mit vielen Kontakten. Quelle: Camino / vhw


Kurz-Fazit zum Projekt:
Win-Win-Win-Lose-Win. Vier zu Null, die Wins gewinnen souverän. Ein leuchtendes Beispiel, wie man viel bewirken kann mit verhältnismäßig wenig Aufwand und positive Kreisläufe entstehen lässt. Mit der ältesten Form der Kommunkation und bisher noch die wirkungsvollste: das persönliche Gespräch. Wer mit einer moderneren Form der Kommunikation mehr über die Stadtteilmütter erfahren will, wartet auf die für Ende April geplante Publikation der Studie.

 

 Weiterführende Links:

Webseite der Stadtteilmütter Neukölln

Artikel über die Studie zu den Stadteilmüttern im Magazin Stadtentwicklung

Artikel über die Studie zu den Stadteilmüttern im Magazin Sozial Extra

Camino-Werkstatt

Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung, Publikationen


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