PORTRÄT: Emine Yilmaz, Leiterin des Dütti-Treffs, ist die…

Seelsorgerin der Siedlung

Sie ist Herrin über die begehrtesten und meistgenutzten Räume der Düttmann-Siedlung. Wie man eine brummende soziale Drehscheibe am Laufen hält – und nebenbei abenteuerlichen Anforderungen gerecht wird –, erzählt die Sozialarbeiterin Emine Yilmaz hier.

Stellen Sie sich folgende Stellenanzeige vor:

Für den Betrieb einer Art Café in dem jeder ein und ausgehen kann, ohne zu konsumieren, wird ein*e Leiter*in gesucht.

Zu den regelmäßigen Aufgaben gehören:

  • die Herstellung einer geselligen Atmosphäre, in der alle sich wohlfühlen,
  • das Ausrichten zahlreicher Feste
  • Besuchergruppen mit verschiedensten Hintergründen in Einklang bringen
  • Gastgeber für verschiedenartige Events sein
  • die Koordinierung von zahlreichen Kursen und anderen Angeboten
  • das Managen eines Teams das vorwiegend ehrenamtlich arbeitet
  • der Aufbau von vertrauensvollen Beziehungen zu den Besuchern
  • gerne die Rolle eines*r Seelsorgers*in einnehmen (nicht-religiös) zum erfolgreichen Lösen von Herausforderungen, die bei komplexen Lebensentwürfen auftauchen können.

Zu den fallweise auftretenden Aufgaben gehören:

  • das Schlichten von Streits, die meistens verbal bleiben, aber auch körperlich werden können
  • ein sicherer Umgang mit Opfern von Gewalt, häuslicher oder anderer Form
  • in Ausnahmesituationen, die Koordinierung zwischen Betroffenen und Behörden wie Bezirksamt, Justiz, Polizei u.dergl. übernehmen.

All diese Tätigkeiten dienen dem Ziel, langfristig direkt oder indirekt die Lebenssituation der Besucher zu bessern, sowohl materiell als auch emotional.

Es versteht sich von selbst, dass der/die Kanditat*in dabei immer guter Laune sein sollte, Freundlich- und Belastbarkeit sind selbstredend, sowie eine profunde Menschenkenntnis. Eine Vertretung ist auf absehbare Zeit nicht vorgesehen und nicht-mehrsprachige Kandidaten brauchen sich gar nicht zu melden.

Wir wünschen im Voraus viel Glück!

Wer könnte solchen Anforderungen gerecht werden? Wer den Dütti-Treff besucht, kennt die Antwort ganz sicher: Emine Yilmaz, die den Treff der Werner-Düttmann-Siedlung leitet. Sicherlich sah das Stellenangebot, auf das sie 2015 antwortete, ganz anders aus. Im Interview erinnert sich Yilmaz an ihr Einstellungsgespräch. Sie nahm sich Zeit, mit den Besucher*innen des Treffs zu plaudern. Sie waren sehr neugierig auf sie, ihr aparter Kleidungsstil fällt auf. Als nach einer kleinen Weile die zukünftigen Arbeitgeber darauf hinwiesen, dass sie sich an ihrem Tisch etwas allein fühlten, meinte Yilmaz selbstbewusst: Ich muss doch erstmal meine Klienten kennenlernen. Das hätte auch Teil einer gewieften Bewerbungsstrategie sein können, die Arbeitgeber konnten ja so aus erster Hand die Kontaktfähigkeit ihrer Kandidatin beobachten.

Ich begann meine Arbeit als Kiezredakteur ein Jahr später. Damals war für mich soziale Arbeit ehrlich gesagt mehr ein Schlagwort. Wie facettenreich die Arbeit ist und wieviel menschlicher Kompetenz es dafür braucht, war mir nicht bewusst. Durch die vielen Interviews mit Sozialarbeiter*innen und besonders durch das Beobachten von Yilmaz Arbeit, habe ich einen tiefen Respekt dafür entwickelt. Vor allen Dingen für das, was sich Beziehungsarbeit nennt.


Ein Treff, viele Bedürfnisse

Den Dütti-Treff mit einem Café zu vergleichen hinkt natürlich. Es ist kein kommerzieller Betrieb, sondern ein Ort für die Nachbarschaft, den jede*r Bewohner*in, oder Anrainer*in, als seinen empfinden und nutzen soll. Die Bedürfnisse von Besuchenden eines Lokals sind auch viel einfacher als der eines Nachbarschaftstreffs: Durst, Hunger, oder Wunsch nach Geselligkeit. Besonders beim Dütti-Treff ist die Palette sehr viel breiter und die Mengengelage sehr viel komplexer. Man geht dort hin, weil man z.Bsp. Beratung bei Behörden braucht. Weil man an einem Projekt teilnimmt, an Fastenbrechen, oder einem anderen Event. Die rund 20 Angebote, gefühlt sind es mehr, koordiniert Yilmaz zeitlich und räumlich. Aber weil sie es verstanden hat, für Bewohner*innen eine Respektsperson auf Augenhöhe zu werden und zu vielen ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut hat, geht man auch bei persönlichen Schwierigkeiten in den Treff. Denn für sie kommt Dienst nach Vorschrift schlicht und einfach nicht in Frage.


Noteinsätze und Alltags-Schlichten

Yilmaz erzählt mir von einem besonders harten Fall. Eine Mutter, die von ihrem 19jährigen Sohn geschlagen wurde. Ein Tabubruch. Sie hatte blaue Flecken und wusste nicht, an wen sie sich wenden sollte, bis auf Yilmaz. In mehreren Gesprächen gelang es der Sozialarbeiterin, bei der Mutter die Einsicht hervorzurufen, sie müsse eine ganz klare Grenze setzen. Ja, es ist ihr Kind, aber eine derartige Überschreitung kann nicht ohne Konsequenzen bleiben. Der schwierige Fall endete, in Koordination mit dem Jugendamt, mit dem Rausschmiss des Sohnes, der ja volljährig war.

Dagegen sind andere Streits fast schon Lappalien. Wie der zweier Väter, die den ihrer kleinen Söhne nahtlos weiterführten, oder das Anfauchen der Gärtnerin der Siedlung durch eine Bewohnerin. Diese warf der Gärtnerin Inkompetenz vor: Sie hätte diese Sträuche nicht zu schneiden. Yilmaz erklärte sachlich, sie könne den Zorn nachvollziehen, aber die Gärtnerin hätte eine Ausbildung und einen klaren Auftrag. Sie mache nur ihren Job. Aber solche Vorfälle gehören zu Yilmaz‘ Alltag. Sie versteht sich als Vermittlerin zwischen Gruppen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wenn sie an Mieter*innen, Träger, oder Behörden denkt.

Sie ist aber eigentlich eine Wanderin zwischen Lebenswelten, denn auf dem kleinen Raum der Siedlung sind die Lebensentwürfe manchmal diametral entgegengesetzt. Yilmaz denkt da an streng religiöse Familien, die in sehr beengten Verhältnissen leben, nicht nur materiell. Und die als Nachbarn ein Clan-Mitglied haben können, in dessen Wohnung Luster, Gold und riesige Fernsehen prangen, der seiner Frau den Kleiderschrank bis zum Bersten füllte und ihr mehrere Schönheits-Operationen zahlte. Und daneben eine Studenten-WG, in der man an Bachelor-Arbeiten schreibt und an Erasmus-Semester denkt. Neben diesen Ausnahmen, die eigentlich die Regel sind, hält Yilmaz den Betrieb des Treffs am Laufen.


“Von der Kultur gebrieft”

Yilmaz ist tatsächlich eine Vermittlerin. Meine Frage, warum junge Frauen mit Migrationshintergrund oft so früh heiraten, kann sie perfekt erklären. Sie seien von ihrer Kultur regelrecht „gebrieft“. Die Heirat, die meistens sehr pompös ausfällt, werde hoch stilisiert und ritualisiert. Das ganze Zeremoniell, wie das des Handanhaltens, in der der junge Mann seine Liebe zu seiner zukünftigen Frau offiziell erklärt sei überwältigend für junge Frauen. Die aber eigentlich viel zu jung sind, um sich auf eine Beziehung einzulassen, die keine Zeit haben, ihren zukünftigen Partner richtig kennenzulernen. Und die oft noch keine ausgereifte Persönlichkeit hätten, da die Identität so stark mit der Familie verknüpft ist. Scheidungen, wenn überhaupt, passieren erst ab einem gewissen Alter.

Von frühen Hochzeiten kann Yilmaz viel erzählen. Sie wurde selbst ohne ihre Mitsprache sehr jung verheiratet, brach aber aus dem kulturellen Korsett aus und lebte nach ihren Vorstellungen. Dazu gehörte auch der Kleidungsstil eines Punks. Das sei nicht einfach gewesen, aber als sie nach ihrem Umzug nach Berlin und einer Ausbildung ihre eigene Frau stand, konnte sie mit ihren Eltern wieder anknüpfen. Dann erst verstand sie die Geschichte ihrer Mutter und die emotionale Gewalt, die diese erlebt hatte. Diese hatte ein ähnliches Schicksal in der Türkei erlebt und sich trotz unglaublicher Widrigkeiten – aus Sicht behüteter West-Europäer – beeindruckend geschlagen.


Erkennen, was einem geschieht

Deswegen versteht Yilmaz vielleicht besser als keine Zweite, was die Siedlung und viele Bewohner*innen mit Migrationshintergrund brauchen: emotionale Bildung. Oft wird Gewalt nicht als solche wahrgenommen. Schreit man sein Kind an, weil man selber angeschrien wurde? Damit besonders Frauen sich dessen bewusst werden, organisierte Yilmaz vorigen Herbst eine Reise mit rund 20 Müttern der Siedlung in die Türkei. Am Programm: ein Seminar zur Gewaltprävention. Über das Ergebnis ist die Leiterin des Dütti-Treffs mehr als glücklich. Viele Frauen hätten verstanden, dass sie auch ohne es zu wollen, Gewalt an ihre Kinder weitergeben können. Weil sie unwissend Gewalt erfahren.

Auf die Frage, was Yilmaz in der Siedlung mit unbegrenzten Mitteln machen würde, antwortet sie sofort. Sehr viel mehr Räume einrichten, sehr viel Geld sehr früh in schulische Bildung investieren, und eben sehr viel emotionale Bildung machen. Und nicht nur Projekte und Maßnahmen. Sie würde auch was sie Menschenlehre nennt vermitteln: Yilmaz meint sogar scherzend, man sollte diese Lehre zu einer nicht-religiösen Religion entwickeln, in welcher der Mensch das Maß aller Dinge wäre. Unterschiede sollten Menschen nicht trennen, denn „Unterschiede sind geil“. Die Herkunft und Kultur jedes einzelnen ist wichtig, aber jetzt lebe man in Deutschland, das sei wichtiger. Und wie man beides gleichzeitig leben kann, wie man eine eigenständige und starke Persönlichkeit entwickelt, ohne seine Geschichte zu verleugnen, lebt die Seelsorgerin der Siedlung souverän vor.

Anmerkung:
Der Dütti-Treff wurde 2006 eröffnet und ist seit demselben Jahr in Trägerschaft von VIA in Berlin. Der Treff in seiner heutigen Form ist vielen zu verdanken, dem NHU und seiner Gemeinwesenarbeit GEKKO, den VIA-Mitarbeiter*Innen Remziye Uykun und Lahcen Assid. Nicht zuletzt den Eigentümern der Siedlung, die seit Anfang die Räumlichkeiten kostenlos überlassen.

Links: 
Dütti-Treff

 

 


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