BERICHT: Die Nähwerkstatt des Projekts Mütter Stärken

Nadel und Faden machen stark

In der Nähwerkstatt des Projekts ‘Mütter stärken in der Düttmann-Siedlung’ verlassen für ein paar Stunden pro Woche Frauen ihren Alltag. Über die Wirkung von Fäden, Stoffen und Nadeln auf das Selbstbild. 

Geduldig zeigt die Leiterin des Workshops Caecilia einer Mutter, wie man Garn fachgerecht in eine Nähmaschine einfädelt. Alia hört aufmerksam zu, probiert dann ihre erste Naht. Es funktioniert. Am großen Tisch sitzen knapp ein Dutzend Frauen, manche mit Kopftuch, manche ohne. Die Atmosphäre ist konzentriert, wenn es Fragen gibt, wenden die Mütter sich an Caecilia oder Nawal, die seit über zehn Jahren ehrenamtlich eine Nähgruppe in der Siedlung betreut. Für dieses Projekt haben die gelernte Modedesignerin Caecilia und die Autodidaktin Nawal beschlossen, ihre Kräfte zu einen.

Einige Stühle weiter sitzt Lydia, die selbstgezeichnete Skizzen für ein Jackett mitgebracht hat. Sie hat schon Taschen und zwei Kleider genäht, jetzt hat sie etwas anspruchsvolleres vor. «Ich hätte nie geglaubt, dass ich so etwas machen kann» sagt sie lächelnd, «ich hatte von Nähen vor einigen Wochen wenig Ahnung». In ihrer behüteten Familie aus dem Kongo schätzten ihr muslimischer Vater und ihre katholische Mutter Handarbeit weniger, in dem Nähworkshop hat sie einen Traum verwirklicht: ihre eigene Kleidung nähen. Unter der Anleitung von Nawal lernt sie anhand ihrer Skizzen die Stoffteile für das Jacket auszuschneiden. Die einheitliche Farbe soll mit dem bunten Kleid kontrastieren.

Als sie ihrem Mann das Kleid zeigte, wollte er nicht glauben, dass sie das genäht hatte. Aber Tragen will sie es noch nicht, das wird erst am 2. Oktober geschehen, wenn die Eigenkreationen der Werkstatt in einer Modenschau vorgestellt werden, auf dem Werner-Düttmann-Platz natürlich. «Ich wollte gleichzeitig Weinen und Lachen, als das Kleid fertig war» meint Lydia. Um den vielen Gefühlen Raum zu geben, hat sie getanzt. «Die Anerkennung für mich selbst, weil ich etwas selber gemacht habe, aber auch die Wertschätzung die ich hier erfahre, das ist etwas ganz besonderes.» Sie könnte die Mutter von Caecilia sein, dabei ist es sie, die von ihr gelernt hat, fügt sie hinzu. Leute die sie kennen meinen, sie wirke anders in letzter Zeit.

Die Atmosphäre des Workshops gefällt ihr sehr. Es ist eine Gemeinschaft, fast wie Schwestern, sie plaudern, lernen sich besser kennen, unterstützen sich, neue Sachen auszuprobieren. Hier könne man ins kalte Wasser springen, weil es doch nicht so kalt ist wenn man einmal drin ist, und weil immer jemand da ist, um zu unterstützen. Die Helferinnen, neben den Fachfrauen, sind Serife Gülen und Silwia Perwenenok, die das Projekt Mütter stärken betreuen. Sie sind selber diesem Abschnitt des Projekts verfallen – und haben auch einige kleine Täschchen genäht.

Denn das ist die erste Phase des Projektes «Mütter stärken», dessen Ziel sich nicht auf das Nähen von Kleidern und Taschen beschränkt. In den Praxisprojekten sollen Mütter ohne Ausbildung, oder aktuell ohne Beruf, aus ihrem geregelten Alltag entfliehen und durch das Hineinschnuppern in ein neues Feld Seiten an sich entdecken, die sie vielleicht nicht vermuteten. «Als Mutter ist man immer da für andere. Hier lerne ich, auch für mich da zu sein» bringt es Lydia auf den Punkt.

Neben der Nähwerkstatt gibt es eine Holzwerkstatt, wo Mütter unter der Leitung von der gelernten Handwerkerin Karin mit Bohrern, Schleifmaschinen und anderen Geräten hantieren, um zu sehen, dass sie auch in traditionellen Männerdomänen ihre Frau stehen können. Mit diesem neuen Gefühl starten sie in die zweite Phase, in der ihnen Berufe und Firmen vorgestellt werden und die Kompetenzen und Ausbildungen, die man für diese braucht. Da loten sie aus, welche berufliche Richtung sie einschlagen wollen. In einer dritten Phase werden sie für die jeweilige Ausbildung gestärkt, aber mehr dazu, wenn es so weit ist. Finanziert wird das Projekt vom Europäischen Sozialfonds, dem ESF im Land Berlin, dem Senat für Soziales und Integration, dem Bezirk und Eigenmittel des Trägers VIA in Berlin-Brandenburg.

Eine der Grundideen des Mütter-Projekts fasst das Zitat eines französischen Bestseller-Autors gut zusammen: «Es ist nicht weil Sachen schwierig sind, dass man sich nicht traut. Sachen werden schwierig, wenn man sich nicht traut.» Unter dem Pseudonym San-Antonio brachten seine glamaukigen Krimis es zu Millionenauflagen, außerhalb Frankreich blieb er völlig unbekannt.

Ob die Mütter sich trauen, ihre eigenen Schöpfungen bei der Modenschau Anfang Oktober zu präsentieren, wird sich zeigen. Auf jeden Fall haben einige schon fest zugesagt, bei den anderen werden wir uns überraschen lassen.

Webseite Mütter Stärken


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