FRÜHER IM VIERTEL : Der Gasometer in der Fichtestraße

Die vielen Leben des Fichtebunkers

Der untersetzte, dicke Turm mit Glas- und Stahlkonstruktionen auf dem Dach prägt die Fichtestraße. Aber gegenüber der Kinder-Kunst-Werkstatt von KoduKu e.V. steht mehr als ein umfunktioniertes Relikt der Gründerzeit. Der Zeuge Berlins bewegter Geschichte begann 1876 als Gasspeicher, wandelte sich zum Bunker, zur Flüchtlingsunterkunft und zu einer riesigen Speisekammer. Unter anderem. Heute wohnen im obersten Stockwerk Berliner die Hochgärten und viel Himmel schätzen, darunter organisiert der Verein Berliner Unterwelten Touren durch das Bauwerk. Weiter zur historischen Rundreise.

In der Zeit als Gaslaternen die Straßen Berlins erleuchteten gehörten Gasometer zum Stadtbild. Sie waren ein Zeichen von Fortschritt, so wie es Mal Fernsehtürme oder Hochspannungs-Kabel sein sollten, denn sie erlaubten dunkle, gefährliche Gassen in die Vergangenheit zu verbannen. Finsterlinge mussten in dunklere Viertel ausweichen. Und wenn es ging konzentrierte man gleich mehrere Gasometer an einem Ort. So standen in der Fichtestraße gleich vier davon, um das brandneue Stadtteil zu versorgen das zwischen Landwehrkanal und Hasenheide gerade aus dem Boden sprießte.

Blick von der Admiralsbrücke in die neue Grimmstrasse: Die Gasometer erkennt man im Hintergrund.

Warum hat gerade dieses eine Gasometer überlebt? Es war das Größte von allen, am spätesten gebaut. Als nach und nach Gas durch Strom für die Beleuchtung ersetzt wurde, baute man zuerst die Kleineren ab. Und als man 1922 ganz auf Gas verzichtete, stand das 30.000 Kubikmeter fassende Gebäude erstmal leer. 20 Jahre lang blieb es ungenutzt stehen, im zweiten Weltkrieg fand man aber plötzlich eine Verwendung dafür: Ein Luftschutzbunker sollte es werden. Nicht irgendeiner, in der fein gegliederten Bunker-Nomenklatur des 3. Reiches wählte man die Kategorie Mutter-Kind Bunker. 771 Kämmerchen und sechs Stockwerke baute man ein, geschützt von einer drei Meter dicken Stahlbetondecke und 1,5 Meter dicken Wänden. Ursprünglich für 6000 Mütter und Kinder gedacht, jedes der fensterlosen Zimmer hatte vier Betten, suchten in einer besonders schlimmen Bombennacht in den letzten Monaten des Krieges sogar 30.000 Menschen dort Schutz. Sie fanden ihn auch, der Stahlbeton der Organisation Todt hielt den heftigen Bombardements fast unversehrt stand.

Die Pläne des Gasometers

So war der Plan des Bauingenieurs Schwedler aus 1874: Fortschritt, so schön wie eine Torte.

1941 machte die Organisation Todt mit viel Stahlbeton
aus dem Gasometer einen Mutter-Kind Bunker.

Vom Bunker zum Heim

Nach dem Krieg brachte man in den vielen kleinen Zimmern erst Vertriebene und Flüchtlinge unter, als die Wohnungsnot Mitte der 50er nachließ ging man zu einer Mischnutzung über. Senioren, Azubis, DDR-Flüchtlinge und Obdachlose wurden einquartiert. Nicht gleichzeitig natürlich und die Reihenfolge ist chronologisch. Eine wirklich gute Idee war das nicht, denn die Kämmerchen waren immer noch fensterlos, was sie nicht sehr angenehm, dafür aber sehr günstig machte. In dem Buch Bunkeralltag in Berlin zitieren die Autoren Arnold und Janick einen damaligen Bewohner, der über den Wohnkomfort wie folgt urteilt: «Nach drei Stunden hab‘ ich den Bunkerkoller. Ich weiß nicht, ob die Sonne scheint, ob es regnet, ob es Nacht ist, ich drehe durch. Wie um alles in der Welt halten die Menschen es hier aus?»

Obdachlosen traute man ganz offensichtlich die nötige Härte zu. Aber als die Hygiene-bedingungen untragbar wurden – ein Journalist besuchte es inkognito und titelte seinen Artikel «Bunker der Hoffnunglosen» – stellten die Behörden auch diese Nutzung ein.

Vom Heim zur Speisekammer

Eine Neue fand sich zum Glück ganz schnell: Inzwischen war die Stadt ummauert, die Kalte Krieg tobte um West-Berlin. Die Alliierten hatten den Senat in die Pflicht genommen Nahrung und Grundversorgungsmittel zu horten, um zwei Millionen Menschen sechs Monate mit dem Nötigsten ernähren zu können. Auf eine nochmalige Luftbrücke hatten sie wohl keine Lust. Diese Anforderung mündete in 700 über die Stadt verstreute sogenannte Senatsreserven, der Fichte-Bunker war mit seinen hunderten von Zimmern dafür prädestiniert. Die Reserven waren teils streng geheim, so wenig Leute wie möglich kannten die genauen Adressen in denen insgesamt 90.000 Tonnen Lebensmittel, Medikamente und andere unentbehrliche Sachen wie Zigarren und Schuhsohlengummi lagerten. Ein paar Zahlen: 189.000 Tonnen Getreide, 44.000 Tonnen Fleisch (in Dosen), 96 Tonnen Senf, 18 Millionen Klopapierrollen. Irgendwo schaffte man es sogar, 19 lebende Rinder unterzubringen.

Der logistische Aufwand war enorm. Die weniger haltbaren Nahrungsmittel mussten mehrmals im Jahr ausgetauscht werden. Auch die anderen erreichten irgendwann ihr Haltbarkeitsdatum, so dass es regelmäßig zu vergünstigten Verkäufen der Bestände kam, die Wälzungen. Eigene Kochbücher wurden herausgegeben, um das «Senatsfleich» und die anderen Lebensmittel genießbar zu machen. Der Gesamtwert der Bestände? Zwei Milliarden damaliger D-Mark, das sind eine Milliarde Euro, die Erneuerung der Bestände allein kostete mehrere Hundert Millionen Mark jährlich. Der Bund kam für die Kosten auf. Nach dem Mauerfall schenkte Berlin 1991 die Bestände der Sowjetunion.

In den 70er Jahren hatte man über eine Nutzung als Kultur- und Event-Location nachgedacht. Zwei Architekten wollten daraus ein Pendant zum Bethanienhaus machen, ein Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung bestätigt die Überlegungen. Eine zeitlang spielte der Senat mit der Idee einer Stadtautobahn die auch mitten durch die Stadt gehen sollte. Einem Bunker würde niemand nachtrauern, aber aus dem Oranienplatz ein Stadtautobahnknoten zu machen, dafür ließ sich niemand begeistern. Letztendlich war der beste Schutz des Bunkers so wie im Krieg seine Panzerung aus Stahlbeton: Das Abtragen war einfach viel zu teuer.

Von der Leere zum Luxus

Bis 2006 stand der Turm zum zweiten Mal in seiner langen Geschichte ungenutzt. Der Senat hatte aber erfreulicherweise einen Geistesblitz: Das Gasometer und die dazugehörige Fläche von 8000 m2 einem Immobilien-Investor zu verkaufen. Als Bedenken wegen Denkmalschutz aufkamen, es sei das einzig verbliebene Backstein-Gasometer in Berlin, die Stahlkonstruktion des Daches eine der wenigen Beispiele der revolutionären Technik des Bauingenieurs Schwedler, die auch größere Bahnhofhallen erlaubte, wechselten die Behörden elegant das Thema. Von der damaligen Nachbarinitiative bleibt nur eine Webseite, der Bürgermeister von Kreuzberg erteilte die Baugenehmigung.

Dagegen muss man die Qualität der entstandenen Wohnungen halten. Die 13 Wohneinheiten auf dem Dachgeschoss des Turms haben einen eigenen und einen Gemeinschaftsgarten, durch die gerundeten Glasfassaden genießt man einen wunderschönen Blick. Das Gerücht will, dass ein ehemaliger regierender Bürgermeister Berlins dort wohnt. Der Vorsicht halber muss der Autor zugeben, dieses Gerücht vollkommen ungeprüft übernommen zu haben. Durch den noch erhaltenen Bunker in den unteren Stockwerken organisiert der Verein Berliner Unterwelten Führungen. Für eine Führung in den oberen Stockwerken reicht es, die richtigen Leute zu kennen ;)

Mit 141 Jahren ist ein Gasometer noch relativ jung. Wer weiß, was die nächsten 141 Jahre Berlin bringen werden? Der Fichte-Bunker wird es höchstwahrscheinlich miterleben.

 

Mehr über den Fichte-Bunker :


Aktuelles | Highlights des Monats