FRÜHER IM VIERTEL: Genese eines Fördergebiets, Teil 3

Frauenmoschee oder Eisdiele?

In 15 Jahren hat das Quartiersmanagement Düttmann-Siedlung viel bewirkt. Es verteilte sechs Millionen Euro Fördergelder und vernetzte in mühseliger Kleinarbeit Behörden, Bewohner*innen, Bildungsakteure und soziale Träger. All das für ein Monster-Vorhaben: Ein ganzes Viertel aus der sozialen Gefahrenzone zu hieven. Ein Rückblick auf 15 Jahre Quartiersmanagement, Ende 2020 wird es abgewickelt.

Am Anfang hatte das Viertel keinen Namen. Die 3.000 Einwohner starke Kleinstadt, zwischen vier Kreuzberger Straßen eingebettet, nannte man schlicht „Block 202“ – der statistischen Bezeichnung nach. Man sprach oft davon, denn in einem Berliner Hinterhof war aus einem Vorzeigeprojekt des sozialen Wohnungsbaus eine Pariser Banlieue entstanden. Vorzeigeprojekt, denn besser situierte hatten Wohnraum für Einkommensschwache geschaffen: Die Düttmann-Siedlung wurde durch Immobilienfonds finanziert. In den 80er Jahren wurde es noch stolz auf der Internationalen Bau-Ausstellung präsentiert, in den 90ern wurde es als sozialer Brennpunkt betitelt.

Als die Siedlung noch eine Baustelle war: Sicht von der Graefestr.

Anfangs stammten die Bewohner*innen mehrheitlich aus der deutschen Mittelschicht. Doch eine handvoll internationaler Krisen ließen grüßen, der Bürgerkrieg im Libanon, die Verfolgung der Kurden in der Türkei, der Jugoslawien-Krieg:die Belegungsstruktur wandelte sich stark. Die ehemals Geflüchteten hatten zwar jetzt einen Ort zum Wohnen, aber keine Aufenthalts- und Arbeitsperspektive in ihrer neuen Heimat und ihrem neuen Viertel. Die Zustände der Siedlung führten Mitte der 90er Jahre zu einem Bewohner*innen-Protest der dort wohnenden Mittelschicht. Mehr dazu in dem Newsletter-Artikel Genese eines Fördergebiets.


Von der Kiezrunde zum QM: Sechs Jahre Netzwerk- & Lobby-Arbeit

Unter Federführung der Gemeinwesenarbeit des Nachbarschaftshauses Urbanstraße entstand 1998 eine Kiezrunde, bestehend aus Trägern der Kinder- und Jugendarbeit, Jugendamt, Kitas, sowie Träger für Beratungs- und Integrationshilfen. Aus ihr sollten in den Jahren 2002 und 2005 zwei runde Tische hervorgehen, die neben oben genannten auch den Senat für Stadtentwicklung, die Investitionsbank, den Eigentümervertreter und die neue Hausverwaltung versammelten. Dieses wirkungsmächtige Gremium, dessen Teilnehmer*innen jahrelang Lobby-Arbeit zur Einrichtung eines Quartiersmanagements betrieben, war 2005 am Ziel: Mitte des Jahres nahm das kleinste QM Berlins seine Arbeit auf.

In der 3. Etage der Urbanstr. 43-44, ein schlichter Neubau und erste Heimat des QM-Büros, herrschte damals Aufbruchsstimmung. Die Etage bot mit ihren 180 Quadratmetern auch Platz für zahlreiche Initiativen die flankierend zur Arbeit des QMs wirkten und im Gebiet auch endlich Fördermittel nutzen konnten. Der Fokus lag auf Bildung und Beratung. Zwischen 2005 und 2010 entstanden mit Mitteln der Sozialen Stadt dringend notwendige Nachhilfeangebote für Grundschulkinder, wie auch vielfältige, kreative und bewegungsfreudige Projekte mit weniger behüteten Kindern, die die entstandene Angebotspalette wie einen Schwamm aufsaugten. Im Trägerverbund entstand ein umfangreiches Beratungsangebot, eine Vätergruppe, ohne Kinder, und Mütterinitiativen, mit vielen Kindern, zu Themen Gesundheit, Bewegung, Sprache und Arbeit. Eine Nähstube als arabischsprachiges Selbsthilfeprojekt und eine KinderKüche, die über Kochen Gemeinschaftsgefühl erzeugte.

Nach der Kneipe kommt der Treff: Umbaumaßnahmen im Jahre 2005.

 

Zusammenleben braucht Raum
Aber das QM-Team hatte mehrere Eisen im Feuer. Neben der Förderung der vor Ort aktiven Vereine und Initiativen, brauchte es mehr Räume, um Nachhaltigkeit zu sichern. Der ehemalige Hasenbau, ein großes Freigelände mit Haus in der Hasenheide 44, dessen halböffentliche Nutzung es der Nachbarschaft verschloss, wurde als Kinderfreizeiteinrichtung zurückerobert. Eine verlassene deutsche Eckkneipe direkt am Werner-Düttmann-Platz, laut Augenzeugen tendenziell trostlos, sollte für die Bewohner*innen nutzbar werden. Diese wurde von den Eigentümern für Nachbarschaft zur Verfügung gestellt. Eine Umfrage in der Siedlung brachte 2006 zahlreiche Vorschläge hervor, darunter eine Frauenmoschee, oder eine Eisdiele. Die Idee eines Nachbarschaftstreffs setzte sich jedoch durch, heute Dütti-Treff – und sozialer Dreh- und Angelpunkt der Siedlung. Bis heute wird er vom Träger VIA e.V. betrieben, am Treff dockten zahlreiche Projekte an. Damit dies auch nach Abschied des QM‘s geschieht, übernehmen der Bezirk und eine Ko-Finanzierung der Hausverwaltung vabene/KURA ab 2021 die vollständige Finanzierung.

 

Einweihung des brandneuen Nachbarschaftstreff im Jahr 2006.

 

Bildung, Bildung und nochmal Bildung
Ein weiteres Eisen des QMs, neben der Stärkung der Infrastruktur, war die Verbesserung der Bildungssituation. Um das oft vorprogrammierte Scheitern von schulischen Laufbahnen zu verhindern rief das QM 2008 federführend die Bildungsinitiative Lemgo-Grundschule ins Leben. Die Schule, die fast alle Kinder der Siedlung besuchen, hielt damals einen traurigen Rekord inne: Mit 21,3 % Vertretungsstunden stand sie an der Spitze Kreuzbergs, und nebenbei sei erwähnt, die Lehrer nahmen sich keine Zeit für eine Teilnahme an der Initiative.

In drei Jahren entstanden weitere Projekte aus dem Programm Soziale Stadt im Verbund mit den Bildungsinstitutionen und endlich – eine Vernetzung mit den Akteur*innen aus dem Wohngebiet. Von dort stammten die vermeintlichen „Problemschüler/innen“ mit ihren vermutlich „Problemeltern“. Durch Kooperationen und Synergieeffekte entstanden mehrsprachige Elternabende, Einschulungsberatungen, unterrichtsergänzende Werkstätten, ein Elterncafé u.v.m. 2011 wurde aus der Initiative das Bildungsnetzwerk Graefe-Kiez, das noch mehr Bildungsinstitutionen vereinte. Das QM zog sich aus der Moderation und Organisation zurück.

Auch wenn die Schule sich in all den Jahren dem Kiez geöffnet hat, so bedauert das QM, dass sie kürzlich zu einer Deutsch-Spanischen Europaschule wurde. Jahrelang wurde Arabisch vergeblich als zweite Fremdsprache gefordert. Im Netzwerk Trägerrunde Düttmann-Siedlung wird jedoch gemunkelt, dass die Schule auch vor hat, häufige Muttersprachen ihrer Schüler*innen zu fördern. Genaueres konnte noch nicht in Erfahrung gebracht werden, wäre jedoch lt. QM eine fantastische Maßnahme.


Die Nachbarschaft soll mitreden

Die Schmiede des QMs hatte noch ein Eisen zu bieten: Die Beteiligung der Bewohner*innen. Die dafür vom Programm Soziale Stadt vorgesehenen Gremien, der Quartiersrat und die Aktionsfonds-Jury, wählten die Düttis insgesamt sechs Mal. Der Quartiersrat bewilligte größere Förderungen, dieRunde versammelte auch Vereine der Kinder- und Jugendarbeit, der Nachbarschafts- und Bildungsarbeit. Dort waren ein sicheres Deutsch in Wort und Schrift und eine Protokoll-Affinität von Vorteil, weswegen sich bei 126 Sitzungen im Laufe von 15 Jahren ein Bewohner*innen-Schwund von nicht Deutsch Muttersprachler*innen bemerkbar machte. Die typischen Siedlungsbewohner*innen bevorzugten zunehmend die Teilnahme an der Aktionsfonds-Jury, die über kleinere Summen bis zu 1500 Euro zur Aktivierung der Nachbarschaft bestimmt, eine konkrete Aufgabe. Hier konnte man auch Arabisch und Türkisch sprechen, insgesamt bewilligte man 187 Projekte, von denen über 50 Feste waren. Die Berliner Tradition des Feierns wurde also schnell aufgegriffen.

Damit die Bewohner*innen-Beteiligung nach der QM-Ära fortbesteht, wurden die geschlossenen Sitzungen des Quartiersrates vor einem Jahr aufgelöst und zu einem offenen Nachbarschafts-Stammtisch erklärt. Damit es auch weiterhin Geld gibt für Aktivitäten im Stadtteil, aktiviert das QM noch die KiezaktivKasse, über die dann der Stammtisch entscheiden soll. Spenden werden gerne angenommen, wie neulich die 1.000 Euro eines Künstlers aus dem Kiez über die Kommunikationsagentur Pulsmacher aus Süddeutschland.

Zum wichtigsten QM-Eisen kommen wir jetzt: Die Vernetzung, dessen stärkste Manifestation im Kontext des Viertels ohne Zweifel die Trägerrunde Düttmann-Siedlung ist. Das ist mehr als ein Eisen, mehr als ein Schwert, es ist eher ein Schweizer Messer der sozialen Arbeit, an dem man schmiedete noch bevor das QM bestand und dessen Entstehung sich wie ein roter Faden zurückverfolgen lässt, zu den ersten Protesten der Bewohner. Diese führten 1998 zur Kiezrunde, aus der die Runden Tische hervorgingen. 2004 wurden diese zur Trägerrunde, ein Verbund von über 20 sozialen Akteuren und Behörden, die dank der unterschiedlichen Expertisen und Blickwinkel der Teilnehmer*innen zu einem besseren Verständnis der hochkomplexen Gemeinswesenarbeit führte und weiterhin führen wird. Denn sie wird nach Verschwinden des QM‘s weiter bestehen.


Die Schwierigkeit eines Rückblicks

Die Summe der in 15 Jahren geleisteten Arbeit des QMs lässt sich kaum in einem Newsletter-Artikel unterbringen. Wer sich genauer darüber informieren möchte, dem empfehlen wir die sieben Artikel zum Thema von QM-Leiterin Angelika Greis. Wie sie in einem Artikel bemerkt hat, Bildung: Eine Aufgabe für die Soziale Stadt?, waren von Anfang an Bildungschancen eines der zentralen Themen der Siedlung. Sie stellte die Frage: Ist ein stark auf Infrastruktur ausgerichtetes Programm wie „Soziale Stadt“, daher richtigerweise beim Senat für Stadtentwicklung verankert, auch das Beste für das Angehen von Bildungsdefiziten? Sie bedauert auf jeden Fall, dass die „entscheidenden Bildungsbehörden, die Veränderungen an überlasteten Schulen bewirken können“ an der Basis nicht dabei waren. „Wir glauben, sie hätten auch etwas lernen können“, fügt sie hinzu. Lernfreude setzt man beim Thema Bildung voraus, das ist jedoch nur ein kleiner Seitenhieb des Kiezredakteurs.


Ausblick auf ein weiteres Vorhaben?
Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Zu einem Programm wie „Soziale Stadt“ den Bildungsaspekt gleich mitzudenken, die jeweils zuständigen Senatsverwaltungen zu verzahnen und die nötigen Instrumente anzupassen, ist sicherlich ein neues Monster-Vorhaben. Und wie man Vorhaben einer solchen Dimension in die Wege leitet und umsetzt, kann man hervorragend an den 15 Jahren Arbeit des Quartiersmanagements Düttmann-Siedlung sehen. Und sogar bewundern. Denn auch wenn Herausforderungen weiterhin bestehen: Ein Blick auf Fotos des Blocks 202, der Siedlung in den 90er Jahren, reicht, um zu verstehen, wie viel erreicht wurde.


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