FRÜHER IM VIERTEL: Genese eines Fördergebiets – Teil 2

Die Wirkung von Schwärmen

Rückblick auf die Anfänge: Im Interview erzählt Angelika Greis wie die zwei Runden Tische der Jahre 2002 und 2005 zur Einrichtung des Quartiersmanagements Düttmann-Siedlung führten. Seitdem leitet sie das QM. Die Protokolle der beiden Versammlungen, an denen über 30 Akteure teilnahmen, zeigen, in welchen langen Zeiträumen soziale Arbeit wirkt und wie herausfordernd es ist, die Mühlen einer vernetzten Herangehensweise zwischen Behörden, sozialen Trägern und Unternehmen zu einer komplexen Problematik in Bewegung zu setzen. Aber auch, was sie bewirken können, wenn sie einmal ins Rollen kommen.

Im vorigen Artikel der Serie, das Interview mit dem jetzigen Geschäftsführer des Nachbarschaftshauses Urbanstraße Markus Runge, wurden die ersten Treffen mit Mieter*innen der Siedlung und dem Bezirk Mitte der 90er Jahre geschildert. Sieben Jahre und einige Maßnahmen später, traf sich zum ersten Mal der Runde Tisch zur Werner-Düttmann-Siedlung, im November 2002. Er versammelte 37 Personen. Die Bürgermeisterin, zwei Stadträte, die Polizei, die Schulen, eine Kirche, die Landesbank IBB, zahlreiche Amtsleiter des Bezirks, noch zahlreichere Vereine und einige Bewohner*innen. Die beiden Runden Tische waren entscheidend für die Entwicklung in der Siedlung.

An diesem November-Tag stellte sich zum ersten Mal ein Mann vor, der für die Entwicklung der Siedlung, neben vielen anderen, eine maßgebliche Rolle spielen würde. Guido Baranowski war der Eigentümervertreter der Fonds-Gesellschaften, denen die Siedlung gehören. Durch die Einsetzung einer neuen Hausverwaltung verstanden die Geselleschafter im fernen Süddeutschland erstmals den damals «desolaten Zustand» des Gebiets.

Die neue Hausverwaltung listete die Herausforderungen auf: Vandalismus, Drogenhandel, überbelegte Wohnungen, abgestellte Altautos, offene Hauseingänge und Keller, Bedrohung der Mitarbeiter der Hausverwaltung durch einzelne Bewohner. Er berichtete von den eingeleiteten Maßnahmen der neuen Hausverwaltung: Einrichtung von Mietersprechstunden, Instandhaltungen für über 300.000 Euro, Sicherheitsdienst für 18.000 Euro monatlich, Einrichtung eines Störungsdienstes und Hauswarts vor Ort und einiges mehr. Als Hauptgrund für die Problematik in der Siedlung wurde die einseitige Belegungspolitik benannt.
In der anschließenden Diskussion kamen auch Probleme zu Tage, die heute noch aktuell sind. Die Stadträtin betonte die Abgeschiedenheit der Siedlung vom Rest des Graefekiezes und sprach sich klar für einen Treffpunkt für Bewohner*innen aus mit Angeboten zur Entlastung von Müttern, Deutschkursen und Beratung.

Der Herr von der Polizei verortete ein «besonderes Problem» bei den 15 bis 27jährigen. Er schlug «identitätsstiftende Maßnahmen» vor, damit die Bewohner sich das Gebiet mehr aneigneten und es schützten, statt zu beschädigen.
Vieles wurde an dem Tag beschlossen. Eine gezielte Zusammenarbeit zwischen Hausverwaltung, Bezirk und Träger, die Einbeziehung des Sozialamtes in das bestehende Trägernetzwerk, Planungen von Sanierungen im Wohnumfeld und des öffentlichen Spiel- und Sportgeländes in der Graefestraße. Auch die Umwandlung der leerstehenden Kneipe am Werner-Düttmann-Platz in einen Raum für soziale Projekte ist hervorzuheben. Daraus entstand der heutige Dreh- und Angelpunkt der Siedlung, der Dütti-Treff.
Drei Jahre später traf sich der Runde Tisch zum zweiten Mal. Im Mai 2005 konnte eine Zwischenbilanz gezogen werden. Die Hausverwaltung hatte die zahlreichen Graffitis entfernt und die Grünflächen der Siedlung erneuert. Mit Mitteln der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit dem schönen Namen Wohnumfeldverbesserungsmaßnahmen, für Profis kurz WUM West, sanierte man die Kneipe für 76.000 Euro, den Bolzplatz für knapp 400.000 Euro und finanzierte zahlreiche sozial-kulturelle Projekte, die die Bedarfe der Mieter*innen in der Siedlung aufgriffen.

Das jugendamteigene Gebäude Urbanstraße 43-44 beheimatete jetzt Initiativen, die vom neu eingerichteten VorOrt-Büro des NHU angeschoben wurden, die sich zu einem regelrechten «Cluster» für soziale Arbeit entwickelten, bei denen die Synergie-Effekte im Wochenrythmus entstanden. Am Rande sei erwähnt: Die heutige Gärtnerin der Siedlung, Bettina Heimweg, leitete eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Wohnumfeld an und wurde später von den Eigentümern als Gärtnerin beauftragt.
Das nachfolgende Gespräch beim Runden Tisch brachte weiterhin hartnäckige Herausforderungen zu Tage, aber auch Lösungen die aus heutiger Sicht paradox wirken. Das Thema Nähe, oder besser Ferne, zwischen Behörden und Bewohner*innen veranschaulichte Angelika Greis beim Runden Tisch. Laut Angaben des Regionalen Sozialen Dienstes machten trotz zahlreicher bekannter Problematiken in Familien nur 66 einen Anspruch auf Erziehungshilfe geltend. Sie erwähnte die Diskriminierung von Bewohner*innenn mit Migrationshintergrund durch Behördenmitarbeiter*innen und schlug Beiblätter in einfacher Sprache vor, um Formulare barrierefreier zu gestalten. Zuvor hatte sie die drei Handlungsfelder skizziert, die aus damaliger Sicht die dringendsten waren: Qualifizierung/Schulung/Beratung, sozial-kulturelle Begegnung und Gewaltprävention. Vielleicht kommt das dem einen oder anderen bekannt vor.

Vor dem Hintergrund des heutigen Diskurses über Religion war der Vorschlag der Hausverwaltung, den muslimischen Glauben als Verbindung zwischen den verschiedenen Herkunftsgruppen zu nutzen, ungewöhnlich. Aber damals war der Diskurs noch ein anderer, Islam wurde viel weniger stigmatisiert. Viel prosaischer war der damalige Diskurs innerhalb der Runde zur Müllfrage. Eine Teilnehmerin sah die mangelnde Mülltrennung als Konsequenz von Kommunikationshindernissen, ein anderer Teilnehmer antwortete, Mülltrennung hätte nichts mit kulturellem Hintergrund zu tun.

Die wirkliche Nachricht des Tages, des 8. Aprils 2005, war aber eine andere: Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hatte beschlossen, ein Quartiersmanagement einzurichten, das kleinste Berlins. Die dreijährigen WUM-Mittel waren als Vorhut zu verstehen für die Millionen, die durch das Programm Soziale Stadt in den folgenden 15 Jahren in die Siedlung fließen würden. Bis 2020 werden es genau 6,6 gewesen sein. Das Nachbarschaftshaus bewarb sich als Gebietsbeauftragter und erhielt den Zuschlag, der Rest ist nicht Geschichte, sondern Zukunftsmusik. Er wird in folgenden Artikeln der Reihe «Genese eines Fördergebiets» erzählt.

Es ist natürlich schwer, die so kleinteilige wie facettenreiche Verkettung von Ereignissen, Treffen, Gesprächen, Entschlüssen, Maßnahmen und Projekten zusammenzufassen, die zwischen 1995 und 2005 notwendig waren, damit Mieter*innenbeschwerden zu einem Fördergebiet führten. Es ist nicht die Geschichte einer Person, die heldenhaft mit einem Schlag einen Wandel herbeiführt und die so leicht zu erzählen wäre. Hier geht es um Mühlen, die langsam mahlen, um Zahnräder, die langwierig von vielen zu einem Uhrwerk zusammengeführt werden. Es ist ein dicht verflochtenes Zusammenwirken von hunderten Einzelnen und dutzenden Organisationen, die zu einem Schwarm wurden, der über die Jahre eine Strömung, oder einen Trend, umkehren konnte. Von der Verwahrlosung eines Wohngebietes in die Aufwertung und das Öffnen von Perspektiven. Denn auch wenn Herausforderungen weiterhin bestehen, wurde die Talsohle längst verlassen.

Als Leiterin des Quartiersmanagements hat Angelika Greis diese Entwicklung aus der Nähe verfolgt und mitgestaltet. Knapp ein Jahr vor Abwicklung des Quartiermanagements blickt sie auf diese mehr als 15 Jahre zurück, sieht was erreicht wurde und was noch zu tun ist. Sie bedauert, dass das Programm Soziale Stadt nach und nach mehr in Infrastruktur als in Menschen investierte. Sie erinnert sich gerne an die Aufbruchstimmung der ersten QM-Jahre, obwohl damals noch so viel zu tun war. Das war aber mehr Ansporn als Einschüchterung. Wenn Sie ein Wunsch frei hätte, da Weihnachten naht, dann, dass dem Instrument Quartiersmanagement eins folgte, dass Chancengleichheit Aller in dieser Gesellschaft fördert. Ist ein Haus einmal saniert, sollte es auch an die Umgebung angeschlossen werden; oder eine Siedlung an die Mehrheitsgesellschaft.


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