BERICHT: Die Kunsthochschule Weißensee besucht die Düttmann-Siedlung

Die Gesellschaftskünstler*innen

Wenn Sie in den nächsten Wochen in der Siedlung Magazine, Trampolin-Waben und Kunstwerke aus Müll sehen, wundern Sie sich nicht. Vier Wochen lang waren zwölf Studierende der Kunsthochschule Weißensee zu Gast. Die Einladung kam aus dem Quartiersmanagement-Team, welches viel Spaß daran hatte das Projekt zu begleiten. Der Ansatz des Projektes um Prof. Steffen Schuhmann: Kunst für soziale Veränderung nutzen. Es entstanden drei Ideen, die Neues in die Siedlung bringen – und Neues aus den Bewohner*innen herauslocken sollen.

Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Was für eine Frage meinte man in den 60er Jahren, als die Richtung Social Design entstand. Künstler und Kunstschaffende sollten sich ihrer Position in der Gesellschaft bewusst werden und ihre Arbeit nutzen, Wandel herbeizuführen. Nun hat sich die Lage geändert, Kunst wird von vielen als Investitionsobjekt gesehen, oder als Statussymbol für Chefetagen. So ist es nicht verwunderlich, wenn man ein bisschen suchen muss, bevor man eine Hochschule, die Social Design anbietet, findet. In der Kunsthochschule Weißensee ist das der Fall, anders als in der Universität der Künste.

„Das war der Grund, warum ich Weßsensee gewählt habe“ sagt Tess. Die Französin sitzt gemeinsam mit ihrem Kollegen Ahmed aus dem Sudan um den Dütti-Treff und erklärt die Idee hinter „Alles Müll”. „Unsere Interviews mit den Bewohnern haben uns auf das chronische Müllproblem aufmerksam gemacht. Anstatt über die überfüllten Müllcontainer zu schimpfen, werden wir jetzt im Herbst aus dem Ungewollten Kunstwerke bauen. Mit den Jugendlichen hier“. Dabei bekommen sie Unterstützung von Dani Mansoor, ein Künstler und Bewohner der Siedlung, der einen ähnlichen Ansatz verfolgt. Und sie werden ein ganz besonderes Privileg genießen: aus der Fundgrube des Hausmeisters zu schöpfen. Immer wenn dieser bei den Müllcontainern etwas findet, was man nicht hätte wegwerfen sollen, stellt er es in seinen Keller. Über die Jahre ist, so Zeugen, eine Höhle Ali Babas für Müllfetischisten entstanden.

Die Herausforderungen, von denen wir hier in der Siedlung gehört haben, bräuchten aber eigentlich mehr als ein vierwöchiges Projekt“ meint Ahmed. Als er nach seiner Flucht in Deutschland ankam, wollte er Human Centered Design studieren, bei welchem es um Überwindung von Konflikten und sozialer Veränderung geht. In Weißensee fand er, was er suchte. Er war erstaunt von Aggression und Rassismus unter Jugendlichen zu hören, von Bewohnern*innen, die nach Jahrzehnten tatsächlichen Aufenthaltes noch keine Genehmigung dafür hatten. Sein Blick von Aussen ist etwas kritisch. Er, der in Neukölln wohnt, habe bisher den Eindruck, dass man hierzulande nicht sehr offen für eine vielfältige Gesellschaft sei. Er strich aber auch die Unterschiede zu seinem Herkunftsland hervor. Er sei in einer vergleichbaren Nachbarschaft im Sudan aufgewachsen, nur sei es da sehr lebhaft und laut, die Siedlung sei erstaunlich ruhig und angenehm, besonders in Zeiten von Weltmeisterschaft. Gleichzeitig gebe es aber besonders wegen der Ruhe weniger Möglichkeiten, seine Freizeit zu gestalten und soziale Kontakte zu knüpfen, so seine Meinung.

Im Nebenraum ist gerade viel los. Die Stadtteilmütter und Gäste, ca. 15 Personen, sitzen am großen Tisch im Hauptraum des Dütti-Treffs. Unter Anleitung der Student*innen Lea, Polly, Merle und Ailun lernen sie, ein „Zine“ herzustellen. Ja, es kommt von Magazin, ist aber die Low-Fi Version davon. Hat man einmal die logische Herausforderung der Seitenfolge begriffen, wenn man gestapelte A4 Blätter zusammenfaltet, um daraus ein Heft zu machen, geht es an den Inhalt. Hier ist alles erlaubt: Zeichnen, Schreiben, Kleben und Schneiden. „Zines“, erklärt mir Lea, wurden in den 70ern von Punks und Musikfans erfunden, die nicht immer in den Magazinen fanden, was sie suchten. Während es bei den Punks eher um Selbstausdruck ging, sammelten die Fans heiße Infos über ihre Idole, die sich schnell zu einem Heft machen und mit wenig Mitteln vervielfältigen ließen. Wir reden über eine Zeit ohne Internet, als die Möglichkeiten zum schnellen Austausch begrenzt waren. Das Thema für das Zine war dank einer gekonnt durchgeführten Fragerunde schnell gefunden. Kaum hatten die Stadtteilmütter und Gäste einen Titel für ihr Zine gefunden, Kultimutti, gingen sie auch schon rasch in die Produktion.

„Die Stimmung war überwältigend, sehr vielfältig, sehr bunt“ meinte Helga, eine Teilnehmerin. „Man hat von den anderen viel mitbekommen, denn bei der Gestaltung bringt man auch etwas von der Privatatmosphäre mit. Und die Studenten haben das toll gemacht.“ So sehr, dass sie gleich zu allen drei Zine-Workshops gekommen ist. Einer für Kinder, einer für Erwachsene und den für die Stadtteilmütter, dem ich ein klein bisschen beiwohnen durfte. „Nachbarschaftsorte wie diese hier erinnern mich an meine Heimat“ meint Ailun. Er ist in China, in Nanjin aufgewachsen, in einer sehr ähnlichen Nachbarschaft und studiert auch in Weißensee. „Ich habe fast ein bisschen Heimweh, wenn ich hier bin. Solche Treffpunkte für alle gab es auch bei uns, sie werden aber immer seltener und es sind eher ältere Leute, die sie besuchen.“ Das Verschwinden solcher Orte sei vielleicht auch ein Zeichen von verschwindender Solidarität unter den Jüngeren fügt er hinzu. Der farbige Prototyp des Zines Kultimutti stand, die Serienausgabe erfolgt bald in Schwarz-Weiß und wird bei gut sortierten Quartiersmanagementen zu finden sein.

Während die einen Weißenseer Nachbarschaftszentren zu Redaktionsräumen machten, bastelten die anderen auf dem Werner-Düttmann-Platz an merkwürdigen gelben Waben. Das war die dritte Idee. Aber was war die dritte Idee? Die kniehohen, meterbreiten, mit Löchern gesäumten Konstruktionen hatten sicher einen Sinn. Dieser erschloss sich mir aber auch nicht, als die rein aus Frauen bestehende Crew anfing, mit alten Fahrradschläuchen zu hantieren. Dann fiel der Groschen. Sie webten die alten Schläuche durch die Löcher der OSB-Platten, ein bisschen wie man Schnürsenkel durch Ösen fädelt. Nur sollte hier nicht ein Fuß fest umfasst werden, sondern aus den dicht über Kreuz gespannten Schläuchen eine Fläche entstehen, am oberen Ende der sechseckigen Konstruktion. Und nicht irgendeine Fläche, eine elastische, fast wie ein kleines Trampolin.

Der Eigenversuch verlief sehr positiv: noch nie hatte ich so gut auf diesem Platz gesessen. Die Konkurrenz ist aber auch schwach, es gibt sonst nur Stein-Mäuerchen, die nicht sanft nachgeben, wenn man sie nutzt. Die Wippfähigkeit der gelben Wabe blieb auch nicht lange unbemerkt. Rasch testeten drei Kinder das Sechseck und wollten nicht mehr gehen. Wozu auch gehen, wenn man im Sitzen hüpfen kann. Bald wird es mehr von diesen Waben geben, denn das war nur die Testversion. Sie dienen dann nicht nur als Sitzgelegenheiten, sondern auch als Beete und Tische, die auch beweglich sein werden.

Als ich die drei Kinder wippen sah, wurde mir klar: Ob der Besuch der Kunststudierenden aus Weißensee Veränderung bringen wird, kann man noch nicht sagen. Dafür ist es zu früh. Er hatte aber ganz offensichtlich viel Bewegung und Lachen erzeugt.

Am ausgeprägten Sinn für Farben erkennt man Studierenden der Visuellen Kommunikation…

Die Bereitschaft was neues auszuprobieren, daran erkennt man die Besucher*innen des Dütti-Treffs…

 

 

 

 

 

 

 


Links :

Kunsthochschule Weissensee, Prof. Steffen Schuhmann

Mehr über Zines im Archiv der Jugendkultur, Weltgrößtes Zine-Archiv


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