PORTRAIT: Die Reise einer Projekt-Idee durch die Förderlandschaft

Die Graefe-Girls: Verantwortung als Selbstlernkurs


Fünf junge Frauen aus der Düttmann-Siedlung. So unterschiedlich sie auch sind, eins verbindet sie: Sie sind alle ‘Graefe-Girls’. Was 2012 als Beschäftigungsprojekt für heranwachsende Frauen startete, wurde 2016 zu einem Medienprojekt unter Anleitung der Graefe-Girls selbst. Die neue Phase des Projekts soll eine Lücke in den sozialen Programmen schließen: Angebote für 15 bis 18jährige Mädchen und Frauen. Zur Geschichte einer guten Idee.

Es ist ein Artikel über ein Projekt, das mit seinen Teilnehmerinnen wuchs. Über eine Idee, die trotz sich verändernden Bedingungen erhalten blieb: Ermächtigung, gegenseitige Unterstützung und Vermittlung von Kompetenzen auf Augenhöhe. Es ist die Geschichte von Teilnehmerinnen, die zu Gestalterinnen werden. Die Graefe-Girls sind so unterschiedlich wie die Siedlung selbst, keine ihrer Familien kommen aus dem selben Land. Ihre Eltern stammen aus Albanien, Serbien, Türkei, dem Nahen Osten und dem kurdischen Teil des Iraks. Die gemeinsame Sprache der Graefe-Girls ist Deutsch, sie können natürlich alle die Sprache ihrer Eltern, einige auch schriftlich. Die einen studieren, die anderen machen eine Ausbildung, eine ist seit kurzem Mutter. Sie sind alle zwischen 19 und 22 Jahren und in der Siedlung aufgewachsen. Ihre Heimat ist der Graefekiez, Kreuzberg und Berlin.

Anfang Juli saß ich mit ihnen im Gasthaus Figl, das am Eingang der Siedlung, an der Urbanstraße, Pizzen aus Süd-Tirol anbietet – beides kulturell gemischte Regionen. Wer sich jetzt fragt, wie ich dazu komme mit Graefe-Girls südtiroler Pizzen zu essen, der wisse: Ich war in den beiden vergangen Jahren einer von mehreren Projektleitern der Graefe-Girls. Die letzte Projektfinanzierung lief Ende 2017 aus – an jenem Nachmittag wollten wir besprechen, wie es weitergehen sollte – bzw., wie sie weitermachen wollten.

Etwas Hintergrundwissen über die Siedlung
Um diese Frage zu beantworten, muss man etwas ausholen, besonders für diejenigen, die die Werner-Düttmann-Siedlung nicht so gut kennen. Die anderen wissen, dass es Jugendliche dort nicht immer leicht haben. Erstmal gibt es sehr viele davon, 26% der Bewohner*innen sind unter 18, es ist eine der kinderreichsten Gegenden Berlins. Es gibt wiederkehrende Herausforderungen mit Gewalt unter Jugendlichen und schulischer Erfolg hält sich in Grenzen. Bei den zahlreichen örtlichen Angeboten sind die für Heranwachsende, besonders heranwachsende Frauen, eher Mangelware. In diesem Umfeld hatte der Verein VIA e.V., der auch den Dütti-Treff betreibt, im Jahr 2012 die Idee der Graefe-Girls: Heranwachsende Mädchen an berufsähnliche Kontexte zu gewöhnen. Das Projekt lief 2015 aus, eine neue Finanzierung ließ sich für 2016 und 2017 finden. In neuer Zusammenstellung beschlossen die Graefe-Girls einen Mädchentreff aufzubauen, der für Mädchen von 12 bis 18 offen war. An einem Abend pro Woche konnten die Mädchen der Siedlung unter sich sein, ohne Aufsicht von Eltern. Die räumlichen Verhältnisse in der Düttmann-Siedlung sind eng, Kinder die ein Zimmer alleine nutzen können, sind die Ausnahme. Heranwachsende brauchen aber Rückzugsorte, deswegen sind Angebote dieser Art heiß begehrt.

Aus Sicht von Teenagern – egal welcher Herkunft – sind Eltern eine unglückliche Mischung aus nützlich und lästig. Sie sind Unterstützung und Hindernis in einem, in unterschiedlicher Dosierung. Bei Familien aus mediterranen Kulturkreisen kommt ein weiteres Element dazu: Man nimmt es genauer mit heranwachsenden Frauen. Wie in Europa bis vor ein paar Jahrzehnten dreht sich hier viel um die Heiratsfähigkeit. Für diese darf eine heranwachsende Frau weder ein Mauerblümchen sein, noch sich ihrer Reize zu sehr bewusst. Das Konzept Heiratsfähigkeit ist eine gefährliche Gratwanderung, aus der man nur durch Heirat erlöst wird. Zumindest teilweise. Deswegen wird der unbeaufsichtigte Kontakt zwischen Männern und Frauen, oder weiblichen und männlichen Teenagern, ungerne gesehen. Wie der Name vermuten lässt, ist der Mädchentreff frei von Männern, sonst dürften einige Mädchen ihn sicherlich nicht besuchen.

Freiraum, zwei Stunden pro Woche
Der Treff kam sehr gut an. Bis zu 25 junge Frauen zwischen 15 und 20 Jahren besuchten ihn wöchentlich. Am Programm waren Gespräche, Musik hören – und selber machen – sowie die Arbeit am Projekt, das durch den Fördertopf “Kultur macht stark”  finanziert wurde, Unterprogramm “Mein Land”. Da sollten sich Heranwachsende künstlerisch oder medial mit der Frage auseinandersetzten, wo man sich als Kind von Einwanderern in der deutschen Gesellschaft sah. Also Herkunft und Identität in einer multikulturellen Gesellschaft. Keine leichte Kost für Teenager. Aber man kann ja auch Fragen auf Umwegen stellen.

Entstanden sind dabei eine Reihe von Interviews, die einen Einblick in den Alltag der Düttmann-Siedlung geben. Mädchen erzählen von ihren Lieblingsorten in der Siedlung,

interviewten Passanten über den Graefe-Kiez,

erklären, wie man Ramadan feiert und was er für sie bedeutet,

 

beschreiben die unterschiedlichen Freiheiten, die ihre Kultur Männern und Frauen einräumt:

 

Wer den Bezug der Graefe-Girls zu dem Ort Ihrer Kindheit besser verstehen will, guckt sich gerne dieses Video an.

Wie nutzt man gewachsene Strukturen?
Zurück in die kulinarische Botschaft Süd-Tirols in der Urbanstraße. Die Graefe-Girls wollten die nächste Phase des Projektes besprechen. Was würde denn aus Eurer Sicht Sinn machen, fragte ich. Sie meinten, man sollte den gewachsenen Mädchentreff in der Dütti-Werkstatt nutzen, um die Teilnehmerinnen bei ihren Vorhaben zu stärken und zu unterstützen, egal ob schulisch oder beruflich. Warum denn? Sie schilderten mir kurz die Lage: Von den 15 bis 20 Teilnehmerinnen hatten 4 den MSA. Die anderen schwankten zwischen altersbedingten Ablenkungen und Lustlosigkeit sowie einem Mangel an externem Antrieb. Vom Elternhaus kam selten Druck, die Schule mit Abschluss zu beenden, manchmal aus Mangel an Verständnis für die Bedeutung eines Abschlusses. Viele Eltern hätten wenig Zeit für ihre Kinder, weil sie erstmal selber über die Runden kommen müssten. Die Teenager würden sehr viel Zeit draußen verbringen. In sehr seltenen Fällen gäbe es auch fast keine Deutschkenntnisse oder sogar Analphabetismus. Auch wenn die Eltern Deutsch könnten, fehlte es im Umkreis manchmal an Vorbildern, besonders für Frauen, die eine Perspektive, oder einen Weg darstellten.

Orientierung für Jugendliche ist in der Siedlung Mangelware
In der Siedlung selbst gäbe es so gut wie keine Vermittler oder Orientierungshilfen zu Schule oder Ausbildungen. Besonders die Nachhilfe sei ein enormes Manko, die Angebote die man außerhalb der Siedlung fände, seien mit 15 Euro pro Stunde für die meisten Bewohner*innen finanziell außer Reichweite. Die Berufsorientierung sei eher dem Zufall überlassen. Eine der Graefe-Girls wusste nach der Oberschule nicht so recht wohin. Nur durch Zufall erfuhr sie von einer Ausbildung, mit der sich der MSA nachholen ließ. Jetzt absolviert sie diese mit ausgezeichneten Noten. Eine organisierte Orientierung für Jugendliche fehle in der Siedlung völlig. In weiterer Folge sollte ich erfahren, warum genau in diesem kritischen Alter die Angebote rar sind.

Ob die Graefe-Girls jetzt eine Berufsorientierung anbieten sollten? Sie meinten, man sollte eher eine Stufe vorher ansetzen. Bevor man auf einen Schulabschluss oder eine Ausbildung hinarbeitet, muss man motiviert sein. Dafür muss man die Überzeugung haben, es schaffen zu können. Ohne diesen Glauben an sich könne man keinen Antrieb entwickeln, geschweige denn Aufrecht erhalten. Der Mädchentreff der Graefe-Girls sollte erstmal dafür dienen, das Selbstbewusstsein der Teilnehmerinnen zu stärken, ihnen eine Perspektive zu geben und die Mischung aus kontinuierlicher Motivation und wohlwollendem Druck, die man üblicherweise von Eltern erwartet. Aber es sollten auch Eigenschaften entwickelt und Kompetenzen vermittelt werden. Welche denn, fragte ich. Sie listeten die Punkte auf, an denen es aus ihrer Sicht mangelte.

Was fehlt – und was man dagegen machen kann
Viele der Mädchen seien sehr schüchtern, wenn es um die Welt “da draußen” ginge. So laut sie in der Gruppe sein konnten, so leise waren sie außerhalb ihres geschützten Rahmens, und so verschüchtert konnte auch ihre Körpersprache sein. Viele würden sich gar nicht erst trauen, eine Bewerbung abzuschicken. Auch sich vor einer Gruppe anders als mit Trotz zu behaupten, oder sich zu artikulieren, wie es für eine Präsentation z.B. nötig ist, fiele einigen schwer. Bei manchen hing es auch am Wortschatz: Sie könnten sich zwar schnell und laut auf der Strasse behaupten und blitzschnell kontern. Sie seien auch aufbrausend und würden schnell auf Auseinandersetzung schalten, was in der Siedlung teilweise notwendig sei. Aber höflich reden, das fiele einigen schwer. Das ist aber für ein Bewerbungsgespräch eher nützlich. In einem Wort, man sollte an ihren Kommunikationsfähigkeiten feilen.

Die Vorschläge der Graefe-Girls gingen noch weiter. Man solle die Teamfähigkeit trainieren, die Selbstständigkeit entwickeln und die Lust, Verantwortung zu übernehmen. Beibringen, wie man lernt und auch Lerngruppen ermöglichen. Allein räumlich gestaltet sich ein solch niedrigschwelliges Ziel in der Siedlung schwierig. Die Graefe-Girls, die fast alle studieren oder in Ausbildung sind, könnten bei dieser neuen Ausgabe des Projekts die Funktion von Mentorinnen und vielleicht ein Stückweit die eines Vorbilds übernehmen.

Jugendliche erreichen, die aus dem System zu kippen drohen
Der Vorteil am Mädchentreff: Er erreicht Mädchen, die für die klassischen Angebote schwer erreichbar sind, oder sogar aus dem System zu kippen drohen. Und er setzt auf Augenhöhe, Motivation und Eigenverantwortung statt auf Frontalbelehrung und Tadel. Und auch auf die Kraft die durch eine Gruppe entstehen kann, anstatt auf Einzelkämpfertum, das zwangsläufig mit einem Benotungssystem einhergeht, auch wenn es nicht beabsichtigt ist. Und sofern möglich, sollten Ausflüge aus dem bekannten Gefilde, zu Betrieben, zu Ausbildungsstätten oder anderen Einrichtungen, den Horizont weiten. Der endete manchmal am Herrmannplatz oder an der Hasenheide – das Gasthaus Figl z.B. würden die wenigsten besuchen. Daneben müssten die Vermittlungs- und Orientierungsangebote in der Siedlung gestärkt werden, das könnten die Graefe-Girls aber nicht leisten.

Gibt es für jeden Deckel den passenden Fördertopf?
Mit diesem Wissen machte ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Fördertopf für ein so kleinteiliges und gewissermaßen maßgeschneidertes Projekt. Ich dachte mir aber, Mädchentreffs gibt es viele, vielleicht könnte die neue Ausgabe der Graefe-Girls Modellcharakter haben. Nach einigen Stunden Suche im Internet und vielen Gesprächen mit fachkundigen Personen musste ich feststellen, dass besonders die Altersgruppe zwischen 16 und 18, also in der kritischen Periode des Übergangs von Schule zu Ausbildung oder Beruf, bei den Förderprogrammen sträflich unterrepräsentiert war. Für weibliche Teenager war das umso mehr der Fall. Natürlich kann ein so komplexes Gebiet wie die Förderlandschaft für schulische Bildung, berufliche Ausbildung und Einstieg in das Berufsleben nicht in ein paar Tagen, oder Wochen, von einer Person verstanden werden. Aber man kann sich zumindest einen Eindruck verschaffen.

Der Ansatz einer Erklärung, warum das Alter 16 bis 18 eine Art Bermudadreieck in Punkto Förderungen darstellt: Seit kurzem seien die Programme für diese Altersklasse vom Europäischen Sozialfonds, auch ESF genannt, zum Berliner Senat verlagert worden. Aufgeteilt zwischen dem Senat für Arbeit, Soziales und Integration und dem für Bildung. Die Jugendlichen drohen in einer Verwaltungslücke zu verschwinden. Es gab natürlich Instrumente, die sich an Jugendliche richten, die aber auf Masse ausgerichtet waren und teilweise Stirnrunzeln hervorrufen können. Wie zum Beispiel das Programm “Ausbildung in Sicht”, das Jugendlichen, die die Schule geschmissen hatten, ein schulähnliches Angebot macht – mit 40 Stunden pro Woche und Anwesenheitspflicht. Ein Treffen mit kundigen Stellen im Bezirksamt half mir aber, etwas Licht in den dichten Förderdschungel zu werfen. Ein Labyrinth, das nicht als solches deklariert ist. Wie es mit den Graefe-Girls weitergeht, lesen Sie bald hier.

So hatte mir ein Nachmittag in einem Lokal mit norditalienischen Pizzas die Augen in zweifacher Hinsicht geöffnet. Einmal für die so handfesten wie schwer greifbaren Gründe der sogenannten Bildungs- und Arbeitsferne von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, wie es in Fachtexten heißt. Und einmal für einen blinden Fleck im Gefüge der sozialen Programme, dank derer Integration funktionieren soll. Ein Fleck, der für Mädchen noch eine Spur blinder ist. Scheinbar sind die zahlreichen Instrumente in Summe am kritischen Übergang von Schule zu Ausbildung zu grobmaschig, um den tatsächlichen Bedarf abzudecken. Es ist natürlich leicht, gute Ratschläge zu geben, aber vielleicht sollte man mehr auf den Bedürfnisse und Ideen der Rezipienten achten. Dafür ist Fragen stellen und zuhören ein probates Mittel. Bei aller Freude über die Erkenntnisse hatte ich doch eine Sorge: Reichen eine gute Idee und motivierte Teilnehmer*innen, um ein Projekt zu verwirklichen?

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