PORTRAIT: Die neue Bewohnerin Burcu Özuan

Von Heidenheim in die Düttmann-Siedlung

Dass die Schwaben Berlin unterwandert haben sehen viele Berliner mit Skepsis. Im Fall von Burcu Özuak, seit August 2018 Neubewohnerin der Siedlung, ist es aber ein Glücksfall. Weil ihr frischer Blick von Außen viel über den Kiez, Nachbarschaft und Integration lehrt. Und eine öminöse Heidenheim-Connection zu Tage bringt. Teil drei aus der Porträt-Reihe der Dütti-Bewohner_innen.

Der Zeitpunkt ihres Einzugs war denkbar schlecht. Keine drei Wochen nach der Ankunft wurde sie Zeugin der weniger schönen Seite des Kiezes – handgreifliche Gruppenauseinandersetzungen mit gefährlichen Gegenständen, Einsätze des SEKs auf dem Weg zur Kita bei denen Polizisten Sturmgewehre zückten, Chicago-ähnliche Vorfälle vor Lokalen auf der Urbanstraße. Die Berichte der Medien geben weitere Details. Im ländlichen Heidenheim – ca. 50.000 Einwohner_innen – gab es so etwas nicht.

Aber schnell sah Burcu Özuak auch die guten Seiten ihrer neuen Heimat.  «Nachbarschaft habe ich hier kennengelernt » meint die zierliche Frau um die 30, die seit einigen Monaten Leckereien für das Mittwoch-Mittagessen im Dütti-Treff kocht. Denn in den ersten Monaten war ihre Küche weit unter baden-württembergischen Standards, sie musste feststellen dass in Berlin alles ein Prozess ist. Ihre Nachbarn erwiesen sich aber als außerordentlich hilfsbreit. Sie brachten ihr regelmäßig Speisen und fragten oft nach, ob sie etwas brauche. Das meint sie, kannte sie von Heidenheim nicht.

Ihre Sorgen um die Sicherheit ihres fünfjährigen Sohnes verflogen dank der kontinuierlichen Aufmerksamkeit ihrer neuen Umgebung. Mittlerweile fühlt sie sich darin sehr wohl, besonders Dank der Leiterin des Dütti-Treffs Emine Yilmaz, zu der im Laufe des Gespräches eine ganz besondere Verbindung zum Vorschein kam.

So sieht Mutterglück aus: Burcu Özuak mit ihrem Sohn.

Der Grund ihres Umzuges nach Kreuzberg war ein Schicksalsschlag. Ihre Mutter, zu der sie eine enge Verbindung hatte, starb völlig unerwartet. Sie entschied sich für einen Neustart – und da sie eine besondere Beziehung zu Berlin hatte, für die Hauptstadt. Die kannte sie schon ziemlich gut. Seit Jahren verbrachte sie dort mit einer Gruppe von Freunden die Silvester-Zeit und den entscheidenden Abend am Brandenburger Tor. Auch als sie hochschwanger war, wollte sie die Reise nicht missen und eine gute Freundin, die hierher geheiratet hatte, waren ein zusätzlicher Grund, regelmäßig Berlin zu besuchen.

Der auschlaggebende Grund war aber ihr älterer Bruder. Der gehörte – Sensation – als Teenager zur Clique von Emine Yilmaz. Die – zweite Sensation – auch aus Heidenheim stammt. Traurige Wahrheit: Sogar die Düttmann-Siedlung ist von Schwaben unterwandert. Dritte Sensation: Seit ihrem Teenager-Alter hat Yilmaz ihren Kleidungsstil nicht geändert, Fotos bezeugen es. Um seiner Schwester den Weg in die Hauptstadt zu ebnen, fragte der Bruder bei Yilmaz nach, ob sie seine kleine Schwester nicht in der großen Stadt helfen könnte, Fuß zu fassen. Die Wohnung fand Burcu Ökuaz, aber im Dütti-Treff war gab es gerade eine Stelle zu besetzen. Der Weg war frei.

 

Für ihren Neuanfang hat Ökuaz einiges aufgegeben. Zum Beispiel einen sehr gut bezahlten Job beim milliardenschweren Pflegeprodukt-Riesen Hartmann. Dort hatte sie ihre Ausbildung absolviert und es bis zur Maschinen-Pilotin geschafft. Ihre Aufgabe war die Herstellung von Pflaster-Sonderanfertigungen für Kunden aus aller Welt, die ihr telefonisch Anforderungen durchgaben. Produktion on-demand quasi. Aber die vielen Erinnerungen, die durch das Verschwinden ihrer Mutter mit Heidenheim bespickt waren, wurden ihr zu viel.

Um Abstand zu gewinnen hat sie seitdem auch nicht das von ihr heißgeliebte Haus der Familie in der Türkei besucht. In der Kleinstadt Cesme nahe Izmir, direkt am Strand gelegen, verbrachte sie liebend gerne ihre Urlaube, vom türkischen Teil der Familie umgeben. Es gibt dort alles, was man sich wünschen kann: Im Vergleich zu Berlin entspannte Menschen, eine traumhaft schöne Landschaft, die Berge, Wald und Meer. Aus der kosmopolitischen und auch christlich geprägten Gegend stammen bekannte Leute, wie der Reeder Aristoteles Onassis und sogar ein ehemaliger französischer Premierminister, Édouard Balladur. Auch ein Reigen Fußballer, Schauspieler, Sänger, Autoren, die eher in der Türkei bekannt sein dürften.

Als Deutschtürkin kann sie beim Sprechen niemand ausmachen, denn sie spräche «total sauber Türkisch», wie ein Passant bemerkte. Was sie aber verriet ist die Art ihre Handtasche zu tragen, nämlich seitlich. An solchen Details erkennt man in der Türkei, ob jemand, der zwar türkisch aussieht, vielleicht doch ein sogenannter ‘Almançi’ ist. Die Verbindung zu Deutschland ist nicht direkt ein Makel, aber sie wird bemerkt. Wobei streng genommen das Worte Alemanne ja bei Schwaben zutrifft.

Özuak nimmt Izmir und Cesme im Vergleich zu Berlin als Melting-Pot wahr. Seit jeher wohnten dort verschiedene Bevölkerungsgruppen und Konfessionen miteinander. Auch wenn man feststellen muss, dass die aktuelle Regierung andere Religionen als den Islam nicht gerade fördert, wird diese Haltung nicht bis mehrheitlich von der Bevölkerung übernommen. Burcus Sohn hat mit seinen fünf Jahren auch schon Beoabachtungen zu diesem Thema gemacht. Nach dem ersten Besuch bei seinem Vater bemerkte er, es gäbe in Heidenheim bemerkenswert viele Deutsche.

Aber bei Gegensätzen Verständnis herzustellen liegt bei den Özuaks in der Familie. So ist ihr Bruder Trainer für Gewaltprävention, über den schon in Fernsehreportagen und Zeitungen berichtet wurde. Wie Ende März 2019 in der Süddeutschen Zeitung. Überraschenderweise spricht er in dem Interview über Gewalt unter Jugendlichen, ein Thema, mit dem die Siedlung seit langem zu kämpfen hat. Vielleicht stattet er mal einen Besuch im QM-Gebiet ab. Und vielleicht legen dann die Berliner ihre Skepsis gegenüber Schwaben ab, wenn sie sehen, das sie etwas von ihnen lernen können. Die Heidenheim-Connection könnte so von anekdotisch zu wertvoll mutieren.

Burcu Özuak blickt mit Zuversicht in ihre neue Zukunft in der Düttmann-Siedlung und in Berlin. Sie ist hier angekommen, nicht zuletzt durch die Anwesenheit einer seit langem vertrautem Person: Emine Yilmaz. Die sie, wie sie nicht müde wird zu wiederholen, heiß liebt. Und diese Liebe kann man wöchentlich schmecken – in den Mittwochs-Mittagsspeisen, die jeder für wenige Euro genießen kann.


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