BERICHT: Das Projekt Mütter stärken in der Düttmann-Siedlung im 2. Jahr

Über Heilpraxis und berufliche Qualifizierung

Was haben Heilpraxis und berufliche Qualifizierung miteinander zu tun? Durch das Projekt “Mütter stärken“, das in der Düttmann-Siedlung seit 2019 stattfindet, finden sich überraschende Schnittmengen. Die ausgebildete Heilpraktikerin Khloud Zaher-Iraqi erklärt, wie sie das Bewusstsein für die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Mütter stärkt.

Durch Corona bedingt sitzen an einem Montag morgen nur sechs Mütter im großen Raum des Dütti-Treffs, anderthalb Meter voneinander entfernt. Mehr Teilnehmerinnen dürfen sich nicht gleichzeitig im Treff aufhalten. Durch ihr Plexiglas-Visier folgen sie gebannt den Worten der Kursleiterin, die selbst eins trägt. Neben einer ruhigen Stimme, begleitet von geschmeidigen Handbewegungen, hat sie eine zusätzliche Gabe: Die des Vermittelns. Man folgt leicht jedem Wort und jedem Gedanken – und vergisst die Zeit.

Die Teilnehmerinnen gehören zum zweiten „Jahrgang“ des Projekts Mütter stärken, das Mütter ohne Ausbildung den Weg in Qualifizierung und Beruf ebnet. Die erste Phase, die der Praxisprojekte, entführt die Mütter aus ihrem Alltag, um etwas ganz Neues zu lernen: Dabei sollen sie erfahren, dass sie mehr können, als sie vielleicht glauben. Das ganze Projekt basiert auf einer einfachen Prämisse: Mütter sind Organisationstalente, deren Talent oft nicht ausreichend Wertschätzung erfährt.

Selbsterkenntnis statt Esoterik
Wer bei Heilpraxis eher Esoterik und Hokus-Pokus erwartet wird von den Inhalten Z
aher-Iraqis sicherlich enttäuscht. Es geht hier nicht um Aura und Astral-Körper, sondern mehr um handfeste Menschenkenntnis, bzw. Selbsterkenntnis. Besonders bei Müttern, die von Haus aus so viel Aufmerksamkeit, Kraft und Zeit ihrer Familie spenden, macht dies Sinn. Es geht um das Erkennen der eigenen Bedürfnisse, von dem, was einem gut tut und was nicht, wie Ernährung sich auf das Befinden auswirkt. Von einer Ausgewogenheit zwischen Arbeit, Freizeit und Schlaf. Von Gedanken und Annahmen, die sich auf das eigene Leben auswirken. Und es geht auch um Fokus und Zielerreichung.

Von Zielerreichung kann Zaher-Iraqi viel erzählen. Sie betreibt ein blühendes Heilkräuter-Geschäft mit zwei Mitarbeiter*innen in Neukölln, der Online-Verkauf erweitert sich stetig. In ihrer Praxis hat sie einen derartigen Zulauf, dass sie überlegt, ihre Patientenzahl zu deckeln. Am 27.6.20 eröffnet sie eine Akademie für Heilpraxis, die auch Ausbildungen anbieten wird. Die ausgebildete Heilpraktikerin ist finanziell unabhängig, Mutter von vier Kindern, und macht fortlaufend Weiterbildungen. Dabei war ihr Werdegang nicht der einfachste.

Khloud Zaher-Iraqi in ihrem Laden in Neukölln. Foto: Facetten-Magazin Neukölln


Von Lebanon nach Deutschland

Mit drei Jahren kam sie nach Neukölln, ihre Eltern palästinensischer Herkunft flüchteten in den 80er Jahren aus den Wirren des Bürgerkriegs im L
ebanon nach Deutschland. Jahrelang lebten sie in einem Wohnheim. Sie war das erste Kind der Familie, es sollten noch sechs weitere folgen, als Älteste hatte sie natürlich etwas Verantwortung mitzutragen. Was in ihrer Familie auffällt: Alle Kinder haben ein Studium oder eine Ausbildung absolviert. Das ist sicher auch ihrem Vater zu verdanken, einem Tischler mit einer Faszination für Heilkräuter. Er verschlang Bücher dazu am laufenden Band und erklärte seinen Kindern immer: Wenn Du etwas wirklich willst, dann kannst Du es auch.

Ihren heutigen Ehrgeiz und Zielstrebigkeit hatte Zaher-Iraqi nicht immer, wie sie selber sagt. Sie mochte zwar die Schule sehr, aber eine gute Schülerin war sie nie. Einen Ausbildungsplatz fand sie in letzter Minute – und so landete sie eher per Zufall in einer Arztpraxis in Neukölln. Als sie nach drei Jahren die Ausbildung zur Praxishelferin beendete, beschloss sie, inspiriert von den zwei Ärztinnen, bei denen sie gelernt hatte, selber Medizin zu studieren. Dafür musste sie aber erstmal ein Abitur machen.

Wozu denn das?“ lässt sich der Tenor ihrer Verwandtschaft zusammenfassen. Du wirst doch sowieso Mann und Kinder haben, meinten sie. Sie blieb aber dabei, und als sie das Abitur schaffte, wandelte sich die Meinung der Verwandschaft. Besonders ihre Mutter war jetzt stolz auf ihre Tochter. Und als diese beschloss, eine Ausbildung zur Heilpraktikerin zu machen, unterstützte sie diese dabei, genau wir ihr Mann.

Ausbildung als Reise zu sich selbst
Zaher-Iraqi
, die bisher nur Schulmedizin kannte, traute ihren Augen und Ohren nicht. Komplementär-Medizin war ihr gänzlich unbekannt. Drei Jahre lang, Woche für Woche, entdeckte sie in der Heilpraxis-Schule im Prenzlauer Berg Neues. Neues Wissen natürlich, aber besonders neue Erkenntnisse – über sich. Die Reise in ihr selbst, wie sie es beschreibt, war nicht immer einfach: Weinen war keine seltene Begleiterscheinung. Und es veränderte auch das Leben ihrer Familie.

Als sie erfuhr, das Fernsehen nicht unbedingt das Beste für Kinder ist, weil das visuelle Dauerfeuer das Unterbewusstsein von Kleinkindern beeinflussen kann, schaffte sie am selben Tag ihr Gerät aus der Wohnung. Bei Plastik genauso: Kaum wusste sie von möglichen Gesundheitsbelastungen, verabschiedete sie sich von Kunststoff. Ihr Mann nahm die Veränderungen mit Humor und fragte: Wenn du herausfindest, dass ich schädlich bin, wirfst Du mich dann auch weg? Der ist aber bis heute eine große Stütze geblieben.

Eine der größten Erkenntnisse während ihrer zweiten Ausbildung war jedoch die Menge an Kraftreserven, die sie besaß. Besonders als sie Qi-Gong lernte, wurde sie sich dessen bewusst. Trotz Familie, sie hatte mittlerweile zwei Kinder, Ausbildung und Beruf, staunte sie, dass sie immer noch Energie schöpfen konnte. Das gilt bis heute. Der Grund: Aus ihrer Sicht macht sie keine Arbeit, sondern verfolgt ihren Lebensweg. Weil sie diese Erkenntnis teilen will, nannte sie ihren Laden Hayatuna. Auf Arabisch bedeutet das: Unser Leben.

Kursleiterin und Teilnehmerinnen mit vielen Gemeinsamkeiten
Die Biografie von Z
aher-Iraqi hat also viele Parallelen zu den meisten Teilnehmerinnen des Projekts Mütter stärken. Sie ist Mutter von vielen Kindern, hat parallel dazu gearbeitet und Aus- und Weiterbildungen absolviert, darunter einen Doctor of Philosophy in Traditional Medicine. Eines hat sie ihnen vielleicht jedoch voraus: Sie hat das Glück, am eigenen Leibe schon erfahren zu haben, dass „wir viel mehr können, als wir glauben“. Und um das zu vermitteln, hält sie noch bis Ende August ihren Kurs, bei dem die Teilnehmerinnen auch lernen werden, Salben und Cremen herzustellen.

Mit dem Zitat des französischen Denkers Montaigne könnte sich Zaher-Iraqi sicherlich anfreunden: „Die Vorstellungskraft ist so mächtig, dass wenn wir all ihre Geheimnisse kennen würden, wir damit Wunder bewirken könnten.“ Von den hohen Sphären der Gedanken zurück auf den Boden der Projekt-Realitäten: Von den 22 Teilnehmerinnen des ersten Durchlaufs des Mütter-stärken-Projekts, fanden 16 eine Ausbildung oder einen Beruf.

Der Laden Hatayuna von Khloud Zaher-Iraqi in Neukölln

Hier bald ein Bonus: Die Namen von Heilkräutern auf Deutsch und Arabisch!


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