PORTRÄT: Rennie Tegeler, Bewohner der Siedlung, Mitglied im Quartiersrat ist…

Der Hobby-Philosoph

Dass er mal in einer Siedlung wohnt, hätte Rennie (Reinhard) Tegeler nie gedacht. Als Teenager brach er aus der Enge eines katholischen Umfeldes aus, als junger Erwachsener bereiste er ausgiebig die Welt, lange lebte er in einer buddhistischen Gemeinschaft in Berlin. Heute fühlt er sich in der Düttmann-Siedlung wohl. Den Buddhismus hat er hinter sich gelassen, aber die ruhige Entschlossenheit, unser Dasein zu verstehen, ist ihm geblieben. Porträt eines Gelassenen.

Als ich mit Rennie Tegeler spreche, weht ein starker Wind durch die Siedlung. Die Bäume vom Werner-Düttmann-Platz schwanken bedrohlich, im Laufe des Gespräches wird es noch stärker werden. Es ist der Abend des 13. Juni 2019, als ein gewaltiges Gewitter sich über Berlin entlädt. Meinen Gesprächspartner tangiert das kaum. Während er sein Leben Revue passieren lässt und ich immer wieder besorgt auf die wankenden Bäume blicke, ist er die Ruhe in Person. Das war aber nicht immer so. Er hat wilde Zeiten hinter sich, Zeiten der Suche und des Reisens.

Rennie hat halb Asien durchquert, zu einer Zeit, als der Kontinent noch nicht für Touristenströme erschlossen war. Den transsibirischen Zug genommen, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, um eine mehrmonatige Reise durch China und Tibet abzuschließen. Die Türkei in den 80er Jahren durchquert, als das Innere des Landes noch kein Geheimtipp war. Innerlich ist er auch viel gereist und tut es immer noch, denn Rennie meditiert täglich. Er hält auch Kurse dazu, in Volkshochschulen und jeden Mittwoch morgen in der Dütti-Werkstatt. Und diese Reise ist fast noch interessanter als seine Facette als Weltenbummler – und sicherlich die Erklärung seiner Gelassenheit.

Seine Heimat Twistringen, nah an Bremen, war eine katholische Minderheit im protestantischen Niedersachsen Bis zur Firmung folgte Rennie der vorgegebenen Laufbahn, war sogar Pfarrschüler und besuchte eine streng katholische .Grundschule Aber auf dem Gymnasium Syke, im 12. und 13. Lebensjahr regten sich erste Zweifel. Das diffuse Gefühl, man sei doch auf Erden um sich zu entfalten, sah der Teenager als schwer vereinbar mit den vielen Regeln und Verboten eines eng ausgelegten Katholizismus. Allein schon die Beichte bereitete ihm Kopfschmerzen, oft plagte ihn die Frage, was er denn diesmal erfinden könnte, um den Durst nach Sünden seines Pfarrers zu stillen. Der sich, wie Rennie erwähnt, später als «alter Nazi» herausstellte.

Gegen diesen Mief rebellierte der Teenager. Er brach das Gymnasium ab, bereitete seinen Geschwistern und Eltern einige Kopfschmerzen, machte dann aber eine Lehre als Bürokaufmann und holte das Abitur nach. Doch das beschauliche Dasein als Angestellter, die vielen Zahlen und Ordner befriedigten ihn kaum. Nach ein paar Jahren absolvierte er eine Tischlerlehre und arbeitete auch als solcher, interessierte sich für Politik und war sogar bei der Gründung der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschland 1980 dabei. In dieser Zeit lernte er einen Weitgereisten kennen, der unter anderem Schmuck in Kathmandu verkaufte. Das inspirierte Rennie, der Virus des Reisens war auf ihn übergesprungen. Es folgte eine Periode von mehrmonatigen Ausflügen, vielleicht auch Ausflüchten, nach Asien, bei denen er den Buddhismus entdeckte.

  • Die Hagia-Sophia war 1984 die erste Station auf Rennies ersten großen Reise. Ein schöneres Tor zu Asien kann man sich kaum vorstellen.

Der ist diametral dem Marxismus entgegengesetzt, wie mir Rennie erklärt. Der Marxismus meint, das Sein bestimme das Bewusstsein. Beim Buddhismus ist es genau umgekehrt. Kehrtwende würden vielleicht strenge Marxisten denken. Oder ist es eher die Fähigkeit, Fragen von einer ganz anderen Perspektive zu sehen und nicht in Postulaten zu verharren? Es folgt ein Crash-Kurs in Buddhismus, während draußen der Sturm gerade so richtig in Fahrt kommt. Es gibt drei Ideale in der fernöstlichen Lehre, deren Sinn sei, den Menschen näher zu sein, Verantwortung für sich zu übernehmen und Weisheit zu erlangen. Diese Ziele sind: Buddha, Dharmaund Sangha . Buddha bedeutet, ein vollkommener Mensch zu sein, bei der historischen Figur handelt es sich also um einen Titel, ihr eigentlicher Name war Siddhartha Gautama. Sangha ist die Gemeinschaft und Dharma steht für die Wirklichkeit, für die (wahre) Welt.

Rennies Interesse für diese Lehre war eine lange Zeit ein sehr großes , er begann zu meditieren, lebte auch in einer buddhistischen Gemeinschaft, machte beim Buddhistischen Tor in Kreuzberg mit. Bis auch die ihm zu dogmatisch erschienen, besonders mit der Idee der Wiedergeburt begann er zu fremdeln, hielt er sie doch eher für eine Metapher. Er bleibt ihr aber verbunden durch die Praxis der Buchhaltung, die er für sie erledigt. Das sei eine der Meditation ähnliche Tätigkeit, meint Rennie. Und manchmal gelänge es ihm besser, sich durch sie zu sammeln, als bei der täglich praktizierten Meditation.

Die Neugierde für seine Mitmenschen hat ihn auch dazu gebracht, Teil des Quartiersrats zu werden. Aber das Werben des QM-Teams spielte auch eine große Rolle, denn kaum hatte er das Plakat gesehen, das zur Teilnahme aufrief, wurde er schon von Angelika Greis, der Leiterin des QM-Büros, «gekapert», wie er meint. Ehe er sich versah, saß er im Rat, bei dem er auch viele nette Nachbar*innen kennen und schätzen lernte. sowie Einblick in die Lebenswirklichkeit der Mehrheit der Bewohner*innen zu kriegen. Denn obwohl er schon einige Jahre in der Siedlung lebt, sechs um genau zu sein, ist die Beziehung zu den unmittelbaren Nachbar*innen eher höflich. Dabei hatte ihm beim ersten Besichtigen seiner Wohnung sofort der orientalische Flair gefallen, eines der Gründe warum er hier einzog, neben der Sicht und der Ruhe, obwohl die Siedlung mitten in der Stadt liegt.

Heute betreut Rennie eine Behinderten-WG in einem Zentrum der Diakonie, seit 2003, um genau zu sein. Diese Arbeit, die er nach seiner dritten Ausbildung fand, erfüllt ihn sehr. Denn hier stelle sich keine Sinnfrage, die Behinderten brauchten Unterstützung. Auch schätzt er deren Art, denn sie sind unverfälscht, sie sind «einfach da, so wie sie sind». Für jemanden, der Authentizität für ein hohes Gut hält, ist das sehr wertvoll. Seine Reisen sind dadurch natürlich sehr viel seltener geworden, seine letzte führte ihn nach Israël und Palästina, wo ihn besonders der Tempelberg beeindruckte. Hier spürte er förmlich die Konzentration der Geschichte, eine Erfahrung, die er auch an einigen anderen Orten der Welt machte. Und auch wenn er die Reise hochinteressant fand, so waren ihm doch die Spannungen zu stark. Zwischen Orthodoxen und Säkularen, zwischen Israëlis und Palästinensern. Eine unruhige Reise, gegen welche die gelegentlichen Unruhen in der Siedlung verblassen.

Rennie Tegeler ist im Job und auch in der Siedlung angekommen. Er könnte sich also eigentlich zurücklehnen und in den Tag hineinleben, wie viele von uns. Aber er hat für sich erkannt, dass unser Dasein eine Reise ist, und als Reiseführer hat er die Philosophie gewählt. Neben den klassischen Fragen von Kant, was soll ich tun ? was kann ich wissen ? was darf ich hoffen? Ukurzum : was ist der Mensch ?, schätzt er den französischen Philosophen Pierre Hadot. Der 2010 verstorbene Spezialist der Ideengeschichte der Antike hat ein originelles Werk erschaffen, in dem er geistige Praxis und Philosophie als Lebensethik vermittelt, frei von Spezialistentum beleuchtet er die klassischen Philosophen als Wegweiser in Fragen des Lebens. Auch er machte mehrere Lehren bevor er seinen Weg fand, auch er befreite Lehren von Dogmen und intellektuellem Lokalpatriotismus.

In diesem Schnelldurchlauf eines ganzen Lebens muss ich die vielen Stimmigkeiten feststellen. Die vielen Erfahrungen, die Rennie Tegeler machte, haben sich zu einer Einheit zusammengefügt, und das erklärt die frappierende Ruhe, die er ausstrahlt, während draußen mittlerweile der Sturm tobt und die Blitze ganz nah an der Siedlung einschlagen. Für meinen Weg zur U-Bahn gab mir Tegeler einen Regenschirm mit.


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