INTEGRATIONSFIKTION: Eine was-wäre-wenn-damals-Geschichte…

Frühstück in der osmanischen Republik

Im dritten Teil der Integrationsfuktion “Dütmeiyan Sitese” rückt das gefürchtete Referat näher, das Öner halten muss. Das Thema langweilt ihn noch immer: Die Integration von deutschen Einwanderern in der osmanischen Republik. Nur war er diesmal in einer berüchtigten Siedlung, mitten in der Hauptstadt Istanbul, in der 70% der Einwohner Migrationshintergrund haben, mehrheitlich deutschen. Kurz danach machte die Polizei Razzien gegen kriminelle deutsche Grossfamilien. 

Sein Frühstück nahm Öner wie gewohnt alleine. Es stand aber alles bereit in der großen Küche, außer auf einen Knopf für einen Kaffee zu drücken, musste er nichts tun. Durch ihre hochtrabenden Berufe hatten seine Eltern die Gewohnheit, sehr früh aufzustehen, sehr früh das Haus zu verlassen, sehr früh im Büro zu sein. So frühstückte er meistens alleine. Für ihn wäre dieses Frühaufstehen nichts, ich habe doch keinen wichtigen Posten, um vor allen anderen arbeiten zu müssen, sagte Öner. Sein Kumpel, mit dem er per Videochat verbunden war, bejahte die Aussage mit einem heftigen Nicken. An den Morgen ohne Eltern frühstückte er virtuell mit einem Freund, der gerade zwischen Butter und Marmelade auf dem Küchentisch lag und ein ähnliches Schicksal hatte: je wichtiger die Eltern, desto unsichtbarer. Der Kumpel versuchte eine schlabbrige Portion Rührei in seinen Mund zu befördern. Öner dachte, was für eine Lebensqualität Technologie mit sich brachte, und sagte laut, das sei unappettitlich. Sein Freund schüttelte verärgert den Kopf und kappte die Verbindung.

Öner guckte auf den auf lautlos geschalteten Fernseher, um zu wissen, wie spät es war: 7.43 Uhr. Die bewegten Bilder unterhalb der Uhrzeit erregten ausnahmsweise seine Aufmerksamkeit, sonst lief permanent der Info-Sender Osmaniye Haberler Evrensel, was soviel hieß wie Osmanische Nachrichten weltweit. Es war der größte Nachrichtsender der Erde, der in jeder Grossstadt ein lokales Sendefenster hatte. In diesem liefen zwischen den Hardcore-Weltnachrichten zu jeder vollen und halben Stunde völlig überflüssige Informationen mit kitschigen Bildern. Normalerweise ödete Öner das an, weil man Lokale sah, die besonders traditionnelle Speisen besonders traditionnell zubereiteten, was eine meistens weibliche Journalistin zu ekstatischen Äußerungen bewegte. Schlimmer noch waren die Journalisten-Paare, die alte Handwerker besuchten, die immer eine fast vergessen geglaubte Handwerkkunst ausübten, wie Säbel schmieden, Bogen herstellen oder Sultan-Gewänder weben, wodurch das Journalisten-Paar sich vor Freude kaum fassen konnte. Öner dachte sich, die Osmanische Republik ist so ein High-Tech Land geworden, in dem man alle Behördengänge elektronisch regeln konnte, dass sie krampfhaft nach allem suchten, was an die gute alte Zeit erinnerte. Die gute alte Zeit, als die Osmanen noch mit Pfeil und Bogen auf Pferden die Nachbarländer eroberten, um ihnen Zivilisation zu bringen und langfristig betrachtet ihre Lebensqualität zu erhöhen. Zum Glück gab es von diesen peinlichen Inhalten heute nichts.

Anstatt dessen sah er im Fernsehen die Siedlung, die seine Eltern, die Sentürks und er gestern Abend besucht hatten. Es hatte ein Razzia der Polizei gegeben, weil offentlichtlich in der Siedlung deutsche Drogenclans wohnten, die ausgehoben werden sollten. Nach Jahren der Duldung hatte die Istambuler Polizei das Drogenproblem ins Visier genommen, und scheinbar waren die Deutschen da die Könige, den Franzosen, Belgiern und Italienern weit voraus. Man sah Bilder von zerstörten Türen von Sozialwohnungen, hinter denen sich ein unerwarterter Luxus verbarg. Riesige Flachbildfernseher, gigantische Ledersofas, die mit Edelsteinen bestickt schienen. Dazu scheußliche, vergoldete und -silberne Christus-Statuen mit Blinklichtern und schwere, dunkle Holzmöbel. Er kannte das von deutschen Magazinen, die manchmal beim Arzt rumlagen: Die meisten Deutschen hatten einen ganz eigenartigen Geschmack, fand er. Und weil Deutschland ein mehrheitlich landwirtschaftliches Land war, richteten sich die Gastarbeiter in der osmanischen Republik meistens eine Art Bauernstube in ihre kleinen Sozialwohnungen ein. Es gab da scheinbar regionale Unterschiede, das hatte Öner am Rande mitgekriegt, die Deutschen aus dem Süden schienen wohl religiöser zu sein und hatten oft eine Ecke in der Wohnung, die ihrer Gottheit vorbehalten war und die sie Herrgottswinkel nannten oder so. Bei den reichen Drogenbossen nahm das halt komische Auswüchse an, aber eigentlich war es dasselbe in grün, nur halt auf einer andere Stufe.

Was ihn aber mehr als die Inneneinrichtung von deutschen Drogenbaronen wunderte: Auf den Bildern bemerkte er unter den vielen Deutschen, die in Handschellen abgeführt wurden, zwei junge Männer. Das waren die zwei, die ihnen gestern Abend begegnet waren. Dann waren in der Reportage die beiden teuren Sportwagen zu sehen, die von Kugeleinschlägen durchlöchert waren. Öner stockte der Atem: Wann war denn das passiert? Waren sie um ein paar Minuten dem Tod entkommen? Er erinnerte sich an Geräusche, als er gelangweilt in der Galerie rumstand, während seine Eltern sich köstlich amüsierten. War das die Razzia gewesen? Vermutlich.

Plötzlich sah er die Uhrzeit: 7.55 Uhr. Mist! Um 8.10 Uhr musste er in der Schule sein, die ca. 25 Minuten entfernt war. Obwohl er lieber mit seinem Roller fuhr, hatte seine Mutter ihm ein Zettel hingelegt, da es regnete und das für den Roller zu gefährlich sei, solle er doch Thomas den Gärtner bitten, ihn zur Schule zu fahren, oder ein Taxi nehmen. Thomas zu bitten war ihm peinlich, er rief ein Taxi und lief Hals über Kopf zum Gartentor. Im Vorbeilaufen blickte er schnell auf das Fenster des Nachbarhauses, hinter dem die still angebetete Nachbarstochter Pelin wohnte. Ihm schien, dass der Vorhang sich bewegte, aber er legte das als Wunschtraum ab.

Nach den ersten zwei Stunden Unterricht kam die Pause. In der Freundesrunde erzählte er von seiner Erfahrung des letzten Abends, und wie sie hautnah dem Tod entkommen waren.

«Was erwartest Du auch, wenn du ihn so eine Gegend gehst. Da geht man doch nicht hin!» seufzte einer der Clique. Es war Erkan, der Kumpel mit dem Rührei.

«Sein Vater kümmert sich beruflich um die Germanen, weisst Du,  der muss beruflich dahingehen», sagte ein anderer.

 Na gut aber das war nach Feierabend. Der Vater scheint es nicht lassen zu können…” kicherte Erkan.

«Sehr komisch” meinte Öner.” Er wollte uns zeigen, dass die Germ… Deutschen nicht immer außerhalb der Stadt wohnen, sondern dass es auch Siedlungen von denen mitten in der Stadt gibt. »

«Oh, der feine Herr sagt Deutsche und nicht Germanen.»

«Na gut, das Viertel da war ja auch früher sehr arm. Da wohnten Künstler und Arbeitslose und so. Wahrscheinlich hat man deshalb so eine Siedlung da rein gebaut und jetzt hat man den Salat. »

«Warum gibt es immer Probleme mit Deutschen?»

«Weil die wenig verdienen und deswegen einige kriminell werden.»

«Ich kann doch wenig verdienen und werde deswegen nicht kriminell.»

«Du bist ja auch kein Deutscher!»

«Das ist doch nicht genetisch, Drogen verkaufen…»

«Vielleicht sollten wir Michael fragen, warum die deutschen immer kriminell sind…»

«Schwachkopf» meinte Öner kichernd.

Michael war einer der wenigen deutschen Mitschüler in der Klasse Öners. Die Schule war eine der besseren Istanbuls, dass Michael es hier her geschafft hatte, war eine Seltenheit. Sein Vater war auch Pilot, oder etwas ähnliches, Öner konnte sich nicht erinnern. Michael war eine Ausnahme in der vorwiegend osmanischen Klasse. Er war zwar nicht Teil der coolen Cliquen, aber er war auch kein Außenseiter. Hin und wieder zog man ihn auf und gab ihm die Rolle eines Experten, der die Klischees über Deutschen erklären sollte. Michael wich routiniert solchen kleinen Sticheleien aus, ziemlich geschickt, wie Öner fand. Als er das mal seinem Kumpel Erkan mitteilte, meinte der, der hat ja auch jahrelang Übung im Ausweichen von blöden Witzen. Was er wiederum sehr lustig fand.

Etwas exotischer als Michael war Hildegarde, die zweite in der Klasse mit deutschem Migrationshintergrund. Sie kam aus einer streng religiösen Familie und trug völlig unmodische, weite Gewänder, und ein Tuch über die Haare. Sie sah eigentlich gut aus, wie Öner und seine Freunde untereinander bemerkten, aber machte sich überhaupt nicht zurecht wie ihre osmanischen Altergenossinnen. Eigentlich schade, führten sie ihre Gedanken fort, denn mit ihren rotblonden Haaren wäre sie eine Ausnahmeerscheinung. Ihr Vater war etwas bekannter in der deutschen Community, da er einen religiösen Posten hatte, das nannten die Pastor, Prediger oder Pfarrer, das konnte Öner nie unterscheiden, obwohl ihm sein Vater das mehrmals erklärt hatte. Auf jeden Fall hatte Öner schon mal Hildegards Vater im Fernsehen gesehen, auf obskuren Kanälen gab es Programm für die Deutschen, unter anderem Gottesdienst und absolut merkwürdige Volksmusik. Hildegard war sehr fleißig, sehr gut in technischen Fächern und auch im Sport. Öner und seine Freunde standen manchmal am Feldrand, wenn das Mädchenteam Fussball trainierte, Hildegard war eine durchaus begnadete Stürmerin, was sie wieder cool fanden. Sie mied zwar den Kontakt zu Jungs, wenn einer aufdringlich wurde, konnte sie sehr laut werden. Unter den Mädchen schien sie ziemlich integriert zu sein, auch wenn sie bei gewissen Themen nicht mitredete und sich meistens abwandt und auch nicht zu Parties eingeladen wurde. Von einigen Mädchen wurde sie auf den Arm genommen wegen ihrer altertümlichen Kleidung, sie nahm das aber mit einer souveränen Gelassenheit.

Es war Zeit für die dritte Unterrichtsstunde, das Fach Osmanische Geschichte. Die Schüler mussten heute erklären, über welches Thema sie nächste Woche ein Referat halten würden. Öners Wahl fiel auf «Die multikulturelle Gesellschaft der osmanischen Republik: Gefahr oder Gewinn für unser Land? » Jedes Referat sollte nicht länger als 15 Minuten dauern, meinte der Lehrer. Danach gäbe es 15 Minuten für Fragen und eine kurze Diskussion. Da es 16 Schüler gab, würde das den ganzen Tag dauern. Die Referate werden natürlich gefilmt, meinte der Lehrer, damit sie in den Folgewochen eine rhetorische Analyse machen könnten.  Für jungen Mensche, die bestimmt sind, Führungskraft zu werden, ist das Reden vor Publikum essentiell. Diese Schule bilde nur Führungskräfte aus, deswegen legen wir so viel Wert auf Rhetorik.

Öner schluckte. Die Perspektive gefilmt zu werden, machte ihn unruhig, außerdem wollte er nicht unbedingt Führungskraft werden, das würde nämlich bedeuten, dass er immer sehr früh aufstehen müsse. Es würde ihm vollkommen reichen, einen gut bezahlten Job als Programmierer zu haben, bei dem man keine Referate über Themen halten müsse, die wenig Leute interessierten.


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