INTEGRATIONSFIKTION: Eine was-wäre-wenn-Geschichte…

Dütmeyian Sitese

Auch Newsletter haben Sommerlöcher, deswegen schlagen wir Euch einen kleinen Fortsetzungsroman vor, ein Gedankenspiel das sich Freiheiten mit der Geschichte nimmt. Wie genau, warum genau – und zwar ziemlich genau – lesen Sie hier.

Vor der Villa der Nachbarn fuhr Öner immer etwas langsamer. Er hoffte durch eine Lücke in der Hecke die Tochter der Nachbarn am Swimmingpool zu sehen. Im Idealfall mit ihren Freundinnen. Die Nachbarn hatten nicht nur die größte Villa im Viertel, sondern vermutlich das größte Schwimmbecken und ganz bestimmt, wie Öner fand, die gelungenste Tochter. Pelin hieß sie. Es war gegen 18 Uhr, der Frühling war außergewöhnlich warm, die Chancen standen eigentlich nicht schlecht. Bis auf einen Rasensprenkler sah er nichts. Enttäuscht über die leere Wiese und den verwaisten Swimming-Pool der Nachbarn fuhr Öner weiter zum Haus seiner Eltern. Das Tor erkannte sein e-Moped und öffnete sich automatisch, das Garagentor 50 Meter weiter hinten öffnete sich etwas zeitversetzt. In der Mitte der Auffahrt sprang er wie immer von seinem Moped ab und ließ es allein in die Garage fahren, es reichte ihm “Parken Garage” zuzurufen, damit es wusste, was es zu tun hatte. Das intelligente Moped war das Geschenk für seinen 18. Geburtstag. Er schlenderte bis zur Haustür, die ihn an seinem Badge erkannte und sich automatisch öffnete. “Willkommen zu Hause, Öner” begrüßte ihn das Haus. “Ja ja, ist schon gut” sagte er zurück.

Das Haus seiner Eltern war nicht so groß wie das der Nachbarn. Mit vier Schlafzimmern, zwei Wohnzimmern, Fitnessstudio und Sauna im Keller, einer Garage für drei Autos mit getrennter Wohnung im 1. Stock brauchte er sich nicht zu schämen. In seiner Klasse brachen hin und wieder Prahlwettkämpfe über den Reichtum der Eltern aus. Er tat immer so, als sei ihm das egal, aber insgeheim war er froh nicht abzustinken. Er fletzte sich auf das Sofa im grosszügigen Wohnzimmer und guckte eine Weile auf den leeren Bildschirm. “Gibt es Nachrichten für mich?” fragte er den Bildschirm. “Ja, Öner. Deine Mutter hat dir eine Videobotschaft hinterlassen, willst du sie sehen?” antwortete der Bildschirm. “Schiess los, Computer.”

Auf dem Bildschirm tauchte das Gesicht seiner Mutter auf. Sie war im Büro ihrer Kanzlei, wie immer sah sie wie frisch aus dem Ei gepellt aus. “Öner, Dein Vater kommt heute von seiner Reise gegen 20 Uhr zurück. Kannst Du bis dann Essen bestellen? Am liebsten bei Derilaye, und für 6 Personen, die Zentürks kommen auch vorbei und Deine Schwester vielleicht auch. Vielen Dank und bis später mein Schatz, ich komme so gegen halb acht. Ach ja, und vergiss nicht dem Gärtner sein Geld zu geben. Der Umschlag liegt auf dem Wohnzimmertisch. Bis dann!”

Er bestellte schnell das Essen, entschied sich für das teuerste, das Sultan Ahmed Menü. Dann blickte er eine Weile lustlos auf den Bildschirm und überlegte, was er tun sollte. Er guckte auf die Uhr. Noch eine Stunde und 15 Minuten bis seine Mutter nach Hause kam. Für das Videospiel Spacequest war das zu kurz. Schade, es gab einen Raum im Keller der für virtuelle Realität Spiele eingerichtet war. Er blickte auf sein Handy, keiner seiner Freunde war gerade aktiv. Er stöhnte. “Computer, zeig mir meine Hausaufgaben”. Im Nu loggte sich der Hauscomputer in den seiner Schule ein und zeigte ihm seinen persönlichen Bereich. Unter dem Punkt Aufgaben blinkten böse die Worte: “Thema für Referat aussuchen” für das Fach Osmanische Geschichte. Zur Wahl standen drei Möglichkeiten, die rot leuchteten, da er nur noch vier Tage hatte, um das Referat vorzubereiten:
Thema 1: Übergang vom osmanischen Kaiserreich zur osmanischen Republik.
Thema 2: Entkolonialisierung der osmanischen Gebiete in Europa.
Thema 3: Die multikulturelle Gesellschaft der osmanischen Republik: Gefahr oder Gewinn für unser Land?

Öner seufzte. Wer denkt sich nur so besch*** Themen aus. Alles was er wollte war sein Abi bestehen, um dann Elektrotechnik und Informatik studieren zu können. Natürlich brauchte er gute Noten um in gute Universitäten zu kommen, aber insgeheim hoffte er, dass seine Eltern ihm eine Privat-Uni bezahlen würden. Dass er sich mit Blümchenfächern wie Geschichte abquälen musste leuchtete ihm nur bedingt ein. Er überlegte sich, mit welchem Thema er am wenigsten Arbeit hätte. Er dachte mit Freude an den Beruf seines Vaters.

Es klopfte an der Tür. Es war der Gärtner Thomas, ein deutsch wirkender Mann, der sein Monatsgeld abholen wollte. Öner übergab ihm den Umschlag den seine Mutter bereitgelegt hatte. Warum die Deutschen auf Bargeld bestehen verstand Öner nicht ganz, aber das war auch nicht sein Problem. Thomas bedankte sich in gebrochenem Türkisch und verabschiedete sich.
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Die Stimmung beim Abendessen war gut. Die Eltern von Öner kannten die Sentürks nicht seit langem, aber die beiden Paare verstanden sich gut. Frau Sentürk war Inhaberin einer Galerie an einer der besten Adressen Istanbuls, dort hatten sich die beiden Frauen kennengelernt. Die Galerie hatte auch Filialen in den Metropolen Beirut und Alma-Ata. Herr Sentürk war Geschäftsführer eines Technologie-Unternehmens, ein Zulieferer für die Handy-Industrie, und war daher oft im Irak unterwegs. Dort wurden weltweit die meisten Computer und Handys hergestellt, hatte Öner neulich im Geografie-Unterricht gelernt. Öner nahm aus Höflichkeit an der Konversation teil, obwohl sie ihn nicht so interessierte. Seine aufmüpfige Schwester war doch nicht gekommen, also verlief alles harmonisch – oder plätschernd, wie er fand. Er wollte eigentlich mit möglich wenig Teilnahme schnell den Zeitpunkt erreichen, wo er ohne unhöflich zu sein den Tisch verlassen konnte. Leider stellte ihm Herr Sentürk kurz bevor dieser Punkt erreicht war perfiderweise eine Frage über die Schule, wie es denn so liefe.

Öner seufzte innerlich, schilderte knapp das Referat-Problem: Er fragte sich welches Thema ihm am wenigsten Arbeit bereiten würde. “Schöne Einstellung”, meinte Öners Mutter. Er zuckte mit den Schultern: “Ich denke ökonomisch, Mama.” Herr Sentürk lachte laut: “Na, das mit der Migrationsgesellschaft, da hast Du doch einen Spezialisten direkt im Haus”. Er zeigte auf Öners Vater an und flüsterte dem Teenager ins Ohr, so dass alle es hören konnten: “Der Mann da ist Staatssekretär der Republik für Integration, wusstest Du das nicht?”. Öner flüsterte genau so laut zurück. “Er redet aber ungern über seine Arbeit, ich hatte gehofft, er würde seine Hilfe von selbst anbieten”. “Mein Mann redet tatsächlich ungern zu Hause über seine Arbeit” erklärte Öners Mutter. “Mir fällt halt wirklich nicht viel dazu ein”, meinte Öner. “Vielleicht kannst Du mir nur dieses eine Mal helfen, Papa? Das ist das letzte Referat bis zum Abi.” Öner nutzte bewusst die Anwesenheit der Sentürks aus, um seinem Vater ein klares Nein zu erschweren. Er hoffte dass es klappte.

Öners Vater zögerte etwas, dann nahm er die Herausforderung an. “Na Gut, willst Du die kurze oder lange Version?” Die kurze natürlich! meinte Öner. Alle lachten. “Na dann solltest Du erst mit einer Lagebeschreibung anfangen: die osmanische Republik hat 270 Millionen Einwohner, davon haben 23,6% einen Migrationshintergrund. Die meisten davon kommen aus den deutschsprachigen Ländern…”. “Halt Papa, ich nehme dich auf”. “Nicht nötig mein Sohn, ich habe schon die Aufnahmeanlage des Hauses eingeschaltet”. “Toll”, meinte Öner. Sein Vater fuhr fort: “Also  ca. 15% kommen aus deutschsprachigen Ländern, gefolgt von den französischsprachigen Ländern, 11%, beider Bevölkerungsgruppen sind vorwiegend christlich. Die Frage, ob das Christentum mit unserer Gesellschaft kompatibel ist würde ich für ein kurzes Referat auslassen, allenfalls am Ende erwähnen.”

“Na, na, na, das ist aber eine zentrale Frage” warf Herr Sentürk ein. Seine Frau legte ihm die Hand mit Nachdruck auf den Arm und sagte lächelnd: “Lass doch Timur ausreden, debattieren können wir später, jetzt gehts erstmal um das Referat von Öner”. Herr Sentürk liess sich überreden.

“Klar ist, dass erst das osmanische Reich und dann die Republik immer Toleranz gegenüber den vielen Kulturen hatte, die es in sein Reich einverleibte. Anders wären wir nie so ein großes Land geworden. Und was die Deutschen und Franzosen betrifft, gegen die ja oft gewettert wird, so darf man nicht vergessen das die Republik in den 60er und 70er Jahren viele davon hergeholt hatte, das sind die sogenannten Anwerbeabkommen. Damals brauchte die Republik viele billige Arbeitskräfte und importierte sie millionenweise. Leider dachte man damals nicht an die Konsequenzen, dass es Probleme mit deren Integration geben würde, konnte man nicht hervorsehen. Das Hauptproblem bei der Integration ist übrigens ein Bildungsproblem: Diese beiden Gruppen schaffen mehrheitlich den Anschluss an unser Bildungssytem nicht…”

“Na in meiner Klasse gibt es zwei Deutsche”, unterbrach Öner seinen Vater.
“Ja, aber du bist ja auch auf einem naturwissenschaftlichen Gymnasium, die Deutschen haben eine gewissen Begabung dafür”, ergänzte Herr Sentürk.

Öners Vater machte weiter. “Dennoch sind sie unter dem Strich eine Bereicherung für die osmanische Republik. Zum einen bekommen sie mehr Kinder als wir, besonders die die streng christlich leben. Ohne Einwanderung wären wir jetzt bei einer Bevölkerung von 225 Millionen.”

“Und es gäbe keine Kartoffelpuffer-Buden”, warf Öner ein.
“Wer würde unsere Autos reparieren”, scherzte Herr Sentürk.
“Und unsere Gärten pflegen”, fügte Öner hinzu.

“Die Ausführung von Arbeiten durch Einwanderer, die in der Mehrheitsgesellschaft als minderwertig betrachtet werden, ist tatsächlich eine volkswirtschaftlich sinnvolle Leistung”, erklärte Öners Vater trocken.

“Vielleicht sollte man hinzufügen, dass sie meistens am Stadtrand in Wohnsiedlungen leben, entweder weil sie keine anderen Wohnungen finden oder weil sie lieber unter sich bleiben”, sagte Herr Sentürk.

“Wohl ersteres”, meinte Öners Vater. “Ausserdem spielt die Lage eigentlich keine Rolle. Es gibt auch Beispiele von Siedlungen mitten im Herzen von Städten, die mehrheitlich mit Einwanderern belegt sind, und die genau so von der restlichen Gesellschaft abgeschnitten sind.”

“Das glaube ich nicht”, sagte Herr Sentürk laut.

“Er meint, dass sei schwer zu glauben”, wiegelte Frau Sentürk ab. “In der Tat klingt es ungewöhnlich.”

Öners Vater lächelte. “Mitten in Istanbul gibt es so einen Fall.”

“Wo denn?”, fragte Frau Sentürk.

“In dem Viertel VVV.”

“Das ehemalige Künstler- und Revoluzzer-Viertel?”

“Seit der Begrünung der Stadtautobahn die da mitten durchging hat das Viertel sehr an Wert gewonnen. Jetzt siedeln sich dort Mittelklasse Familien an, die Lokale haben sich geändert, es fängt sogar an grosse Technologie-Firmen aus dem Irak und Kazakhstan anzuziehen.”

“Ich kenne das Viertel gut, dort war meine erste Galerie. Aber wo genau soll denn diese Siedlung sein? ”

“Zwischen den Strassen XXX und YYY, in der Nähe des großen Parks ZZZ. Man sieht es von der Straße kaum, weil es in einen Häuserblock gebaut ist”, erklärte Öners Vater.

“Da? Das ist ja unglaublich. Meine Galerie war eine Strasse weiter weg. Hat die Siedlung denn einen Namen?”

“Die Volkan Dütmeyian Siedlung. Genannt nach einem deutschen Architekten, der seinen Namen osmaniseren ließ”

“Nie gehört”, meinte Frau Sentürk.

“Ich habe eine Idee. Da wir gerade beim Nachtisch angekommen sind, und da das Thema uns alle zu interessieren scheint, wie wärs wenn wir in das Viertel fahren und dort Kaffee trinken?”, Herr Sentürks Augen funkelten, er schien sehr stolz auf seinen Vorschlag.

“Ich habe eigentlich genug Material für mein Referat”, meinte Öner diskret.

“Was?”, sagte sein Vater, “erst stachelst Du mich an und dann kneifst Du? Jetzt erst recht.”

Die beiden Männer waren Feuer und Flamme für den Ausflug. “Nun, wir könnten danach einen Abstecher in die Galerie machen. Sie ist nicht so weit davon entfernt”, sagte Frau Sentürk. “Die Ausstellung die Samstag eröffnet, ist fast fertig eingerichtet. So hättet ihr eine Preview.”

“Das klingt doch gut”, meinte Öners Mutter.

“Ein bisschen Sozialsafari kann nie schaden”, sagte Öner spitz.

“Öner! Vergiss nicht, Du hast damit angefangen”, sagte Öners Mutter halb tadelnd, halb scherzend.

Ohne lange zu zögern verließen sie das Haus und stiegen in ihre stattlichen SUVs. Öners Vater fuhr ein Modell der anatolischen Motorenwerke, im Volksmund AMW, die Sentürks hatten sich für ein teures Modell der Luxusmarke aus Ägypten entschieden, Al-Ben-Tiley, nach dem Namen des Gründers. Der AMW führte die kurze Kolonne an, die langsam aus dem verkehrsberuhigten Viertel fuhr, bis sie eine Schnellstrasse erreichte. Dort brausten die Wagen los, in Richtung der Dütmeiyan Siedlung.
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