INTEGRATIONSFIKTION: Eine was-wäre-wenn-damals Geschichte…

Über kriminelle deutsche Großfamilien

Im ersten Teil der Integrationsfiktion “Dütmeiyan Sitese” entdeckte Öner, Sohn einer gutsituierten Familie der osmanischen Republik, dass er für seinen Schulabschluss noch ein Referat halten muss. Das Thema langweilt ihn zu Tode: Die Einwanderung von deutschen Gastarbeitern in der osmanischen Republik, Chance oder Problem? Bei einem Abendessen mit seinen Eltern und deren Freunden kommt das Thema deutsche Einwanderung auf. Man beschließt  anstatt Dessert sich  ein Unikum anzugucken: Eine Siedlung voller Deutscher, mitten in der osmanischen Hauptstadt gelegen.

Als der AMW und der Al-Ben-Tiley über die neue Bosporus-Brücke fuhren sah man die ganze Ausdehnung der Stadt. Die Lichter funkelten am Ufer, spiegelten sich im Wasser, Öner musste immer wieder staunen wenn sie zur anderen Stadthälfte fuhren. Sein Alltag spielte sich hauptsächlich in den besseren Vierteln, auf der europäischen Seite ab. Istanbul war zu einer Metropole mit über 24 Millionen Bewohner*innen herangewachsen, eine der größten Städte weltweit. Übertroffen wurde sie nur durch Alma-Ata und Bagdad. Teheran kam an vierter Stelle, danach kamen dicht geballt die Großstädte der christlichen Welt, die alle ungefähr gleich gross waren: Paris, Rom, Hamburg, London, auch Brüssel.

Immer wenn man Bilder von europäischen Städten sah wirkten sie recht ähnlich: arm, dreckig, heruntergekommen, überfüllt. Aber es gab in diesen Städten und Ländern erstaunlicherweise viele Touristenattraktionen. Wunderschöne alte Gebäude und Landschaften, auch wenn die Länder arm waren. Es war kaum zu glauben, aber es waren mal blühende Zivilisationen gewesen – vor ein paar Jahrhunderten. Auf Fernsehbildern kontrastierten dann wunderschöne Schlösser, oder riesige alte Kirchen, mit einem Meer von ärmlich gekleideten Menschen, die sich in kleinen Autos oder zusammengeflickten Mopeds durch Straßen zwängten, die egal wie groß, immer zu eng wirkten. Dass einige dieser Länder sogar mal Weltreiche gewesen waren hatte Öner nebenbei im Geschichtsunterricht gehört. Er wollte es damals nicht glauben. Das war in dem Jahr wo er im Geschichtsunterricht zuhörte, weil die Lehrerin gut aussah. Er interessierte sich ja mehr für Naturwissenschaften, da konnten die Lehrer so aussehen wie sie wollten.

Was ihn immer wieder beeindruckte waren die Bilder aus Belgien, wo es seit Jahrzehnten einen unverständlichen Bürgerkrieg zwischen Christen gab, die eine leicht unterschiedliche Auslegung derselben Religion hatten. Die einen nannte man Protestanten, die anderen Katholiken, sie sprachen auch anderen Sprachen, obwohl diese derselben Sprachfamilie angehörten. Um das Ganze abzurunden gab es noch eine Minderheit von Juden und Muslimen dort, die waren aber eher besser gestellt und probierten sich so gut es ging aus dem Konflikt zu halten. Zum Beispiel zeigten sie demonstrativ Einigkeit und feierten sogar einige Feste gemeinsam. Die Christen schlugen sie sich verlässlich die Köpfe und sponnen ein komplexes Geflecht von Fehden, die über die Generationen immer komplexer wurden. Immer wenn es eine neue Wende im nicht endenden Bürgerkrieg gab, sah man im Fernsehen aufgebrachte Männermengen in den Straßen von Paris, oder Hamburg, auf und ab hüpften, aggressiv Parolen skandieren, geballte Fäuste in Kameras halten und zur Krönung, die religiösen Symbole oder Fahnen des Gegners verbrennen. Die führenden sieben Nationen, an der Spitze die Osmanische Rebublik, gefolgt von Kazakhstan, Persien, Indien, Iraq, China und Siam, flankiert von Repräsentant*innen der Afrikanischen Union, hielten immer wieder Konferenzen in der Hoffnung, einen Frieden in Belgien in die Wege zu leiten. Meist verfasste man bei den Treffen Resolutionen, die in vorsichtig gewählten Worten die Geschehnisse bedauerten und Gewalt prinzipiell ablehnten. Einige besonders inspirierte Staatenlenker, die alle paar Jahrzehnte auftauchten, hatten sogar den Ehrgeiz, einen Belgien-Frieden zu erreichen. Das wurde von Politiker*innen weltweit als größte Herausforderung gesehen und die ehrgeizigsten unter ihnen hätten sich gerne damit gebrüstet. Leider klappte es nie, aber sie gaben die Hoffnung nicht auf. Es war aber auch ein Thema, das die entwickelten Länder nicht ganz außer Acht lassen konnten. Der konfessionelle Konflikt in Belgien drohte auf die eingewanderten Bevölkerungen überzuschwappen. Öner musste daran denken, weil sein Vater das Autoradio angemacht hatte. Als die Musik von Nachrichten unterbrochen wurde und diese das leidige Thema Belgien-Konflikt erreichten, schaltete sein Vater schnell zu einem anderen Musiksender, noch bevor Öners Mutter ihren Seufzer ausstossen konnte, der bei ihr fast schon ein Reflex war.

Die kleine Wagenkolonne hatte mittlerweile den Hassan-Hayde Boulevard erreicht, einer der innerstädtischen Verkehrsadern Istanbuls, von der man in die kleinere Geyrefe-Straße einbog. Sie war nach einem Augenarzt benannt, ursprünglich deutscher Abstammung, der seinen Namen hatte osmanisieren lassen. Das war unter deutschen Familien die etwas in der osmanischen Republik werden wollten, üblich. Die Straße fuhr direkt an der Dütmeiyan-Siedlung vorbei, die architektonisch nichts auffälliges hatte. Die beiden Wagen blieben kurz stehen, Öner und seine Eltern stiegen aus, die Sentürks auch. Öners Vater, Timur, zeigte auf die Siedlung.

“Hier seht ihr sie, die Dütmeiyan Siedlung, mitten im Herzen Istanbuls. Hier wohnen ca. 3000 Menschen, davon 70 % mit Migrationshintergrund, ca. 50 % erhalten Leistungen vom Staat.”

“Anders habe ich es nicht erwartet” schmunzelte Herr Sentürk, seine Frau gab ihm einen diskreten Rippenstoss. “Und wer wohnt hier so? Das sind hauptsächlich Deutsche, Franzosen, Italiener ?”

“Die genauen Zahlen habe ich nicht im Kopf, aber in erster Linie Deutsche, ja.” Öners Vater liess seinen Blick über die Siedlung schweifen. “Das Interessante hier ist die Architektur: die Siedlung ist wie eine Kleinstadt angelegt, mit Straßen und einem Hauptplatz. Das war als sie gebaut wurde ein sehr modernes Konzept. Aber wenn Euch die Zahlen der Einwohner*innen interessiert, werde ich morgen mein Büro bitten mir die genauen Zahlen zu geben.”

“Och, nicht wegen mir. Aber hier mitten in diesem Viertel, diese Sozialwohnungen?” Herr Sentürk war ungläubig. “Die sehen ja gar nicht mal schlecht aus, ich meine die Fassaden sind sauber und so. Die sind sicher ein Vermögen wert, kann man die nicht sinnvoller nutzen? Ich meine gewinnbringender als für soziale Zwecke?”

“Nun, keine Sorge, das ist schon gewinnbringend hier. Das sind Gebäude aus dem privat finanzierten Sozialbau, dahinter steckt ein komplexes System, das private Investitionen in Sozialbauten durch Steuervergünstigungen attraktiv macht. Auch der laufende Betrieb dürfte finanziell interessant sein, da die Stadt den laufenden Betrieb bezuschusst, damit Einkommensschwache Familien sich die Wohnungen leisten können. Die Besitzer erhalten eine viel höhere Miete als die, die Bewohner*innen zahlen, die Stadt fördert die Miete runter, sozusagen.”

“Klingt kompliziert. Privat finanzierter Sozialbau, das hatte ich nie gehört… aber es ist für die Besitzer kein schlechtes Geschäft, oder?” Herr Sentürk wirkte plötzlich aufrichtig besorgt.

“Das kann ich nicht sagen, da müsstest Du mit den Besitzern dieser Anlage hier sprechen. Soweit ich mich erinnere waren das eine Schar Investoren aus Süd-Anatolien, so Anwälte und Ärzte und so, also das typische Klientel aus dieser Gegend.”

“Ach ja, die Süd-Anatolier schon wieder. Die unterwandern ja regelrecht Istanbul seit ein paar Jahrzehnten. Was die an unserer Stadt finden… ich meine, kaufen wir Istanbuler halb Sü-Anatolien weg? Die treiben bei uns die Preise in die Höhe, weil sie an ein paar Wochenenden im Jahr aus ihren verschlafenen und vergoldeten Nestern ausbrechen, um eine echte Großstadt zu erleben…”

Herr Sentürk wollte sich gerade in Rage reden, seine Frau zog aber rechtzeitig an seinem Ärmel, er beruhigte sich. Frau Sentürk wechselte das Thema: “Das sieht ja irgendwie ganz nett aus, aber allein würde ich da nicht durchgehen, besonders nicht nachts.”

Öner bemerkte plötzlich unter den vielen geparkten Mittelklassewagen, die die Straße säumten, ein paar fette Schlitten. Da waren persische Sportwagen der Marke Fahrareh, indische aus dem Hause Laam-Boorgini und sogar japanische Edelkarossen von der Autohersteller-Doppel-Dynastie Ma-Se und Lah-Ti.

“Ganz so arm können die aber nicht sein, Papa”, meinte Öner und zeigte auf die Sportwagen.

“Schau an”, sagte Herr Sentürk, “von Arbeitslosengeld geht das aber nicht… aber die Arbeitslosen hier sind eindeutig Qualitätskäufer!”

“Nun”, meinte Öners Vater, “es ist anzunehmen, dass unter Einwanderern vereinzelt auch kriminelle Strukturen entstanden sind, die besonders im Drogenhandel mitmischen. Da kommt es manchmal zu Unterschieden zwischen dem offiziellen Einkommen und dem eigentlichen Lebenswandel. So sind diese Autos zu erklären.”

“Besonders Deutsche sind kriminell, oder?” meinte Öner.

“Das ist schwer zu sagen.” relativierte Öners Vater, der ein gequältes Lachen unterdrückte. “Es gibt auch unter Franzosen kriminelle Familien, aber die deutschen scheinen besser organisiert und dominieren, in Istanbul zumindest, den Drogenmarkt. Ich sollte so etwas als Integrationsbeauftragter gar nicht sagen, also bitte für Euch behalten, aber es ist tatsächlich so. Das ist zum Glück nicht der Hauptfokus meiner Arbeit, ich meine, es ist ja nur eine sehr kleine Minderheit, die aber natürlich ein Schlaglicht auf die ganze Frage wirft. Das liegt aber eher im Bereich der Justiz da was zu machen…”

“Schwer zu glauben” meinte Frau Sentürk. “Die Deutschen wirken immer so friedlich und bescheiden, dass die da groß im Drogengeschäft sein sollen…”

“Also wenn ich an unseren Gärtner denke, Thomas… ein Unkraut möchte ich bei dem nicht sein” witzelte Öners Mutter. Ihr Mann schenkte ihr einen finsteren Blick. Öners Mutter ließ sich nicht beeindrucken und fuhr fort.

“Ich las neulich einen sehr langen und gut recherchierten Artikel über Kriminalität von deutschen Großfamilien. Das erstaunliche an deutschen kriminellen Organisationen ist der Grad ihrer Kooperation und die Fähigkeit, als Gemeinschaft über die eigene Sippe hinaus Vereinbarungen nicht nur zu finden, sondern auch zu halten. Die Vertreter der verschiedenen Familien, oder Stämme könnte man fast sagen, setzen sich zusammen und reden stundenlang, manchmal sogar tagelang, oder wochenlang, und diskutieren alles bis ins letzte Detail aus. Für die Polizist*innen die solche Sitzungen abhören oder sogar undercover daran teilnehmen soll das angeblich die reinste Tortur sein. Aber am Ende dieser entsetzlich langen Gespräche gibt es dann Vereinbeinbarungen, die auch gehalten werden. Das erklärt teilweise ihren Erfolg.”

“Na gut, das halte ich eher für vereinfachende Völkerpsychologie” meinte Öners Vater. Diesmal warf Öners Mutter dem Vater einen dunklen Blick zu.

“Aber einen gewissen Hang zum langwierigen Reden kann man den Deutschen nicht absprechen” warf Herr Sentürk ein. “So ausführlich wie mein KFZ-Mechaniker mir die Reparaturen erklärt will ich das eigentlich nie wissen!” Er lachte wie so oft über seinen eigenen Witz.

“Und sie sitzen ja stundenlang in ihren Vereinslokalen, trinken Bier, rauchen und reden monoton ohne eine Miene zu verziehen… Da sitzen übrigens immer nur Männer drin, da gehe ich immer schnell daran vorbei, wenn ich durch Zufall an so etwas vorbeikomme.” Frau Sentürk schüttelte sich, allein die Vorstellung eines deutschen Vereinlokals fand sie schauderhaft.

Während die kleine Gruppe so vor sich hin plauderte hatten sie nicht bemerkt, dass zwei Deutsch wirkende, junge Männer auf sie zukamen. Sie waren groß, wirkten sportlich und waren akkurat nach der letzten Mode gekleidet. “Erlauben sie, dass wir in unsere Autos einsteigen?” sagten sie in perfektem Türkisch und bewegten geschmeidig durch die Gruppe auf ihre Autos zu.

Die Sentürks, Öners Eltern und sogar Öner waren etwas verdutzt. Sie wichen zur Seite, die beiden jungen Männer stiegen in ihre jeweiligen Sportwagen ein und brausten davon, nachdem sie die Motoren einige Momente kraftvoll hatten Schnurren lassen. Eine Weile sagte die Gruppe nichts, dann brach Frau Sentürk das Schweigen.

“Immer wenn ich Gruppen von jungen deutschen Männern sehe habe ich erstmal etwas… sagen wir Ehrfurcht.”

“Auch wenn ich dabei bin, Schatz?”

“Nein natürlich nicht, ich weiß natürlich, dass du mich wie ein Löwe verteidigen würdest… aber die beiden Kerle da, die wirkten schon sehr sportlich. Na gut, jetzt haben wir genug Siedlung gesehen, oder? Lasst uns in meine Galerie fahren, das sind fünf Minuten von hier. Wie heißt diese Siedlung noch mal? Dettmeyan… “

“Dütmeiyan” meinte Öners Vater. “Ein sehr guter Vorschlag, lasst uns in die Galerie fahren.”

Sie stiegen wieder in ihre Autos und fuhren davon. Im AMW seins Vaters fragte Öner: “Die beiden Deutschen eben, waren das Drogendealer Papa?”

“Nur weil ich als Deutscher einen Sportwagen fahre, bin ich noch kein Drogendealer, Öner.”

“Aber es liegt auf der Hand, oder? Woher haben die sonst so viel Geld, wenn sie in einem Sozialbau wohnen?”

“Was weiß ich, vielleicht haben sie ein Start-Up gegründet, oder gehören einer reichen, deutschen Familie an, das gibt es ja auch! Aber wenn dich das Thema interessiert, kann ich dir genug Literatur darüber besorgen.”

Öner winkte ab. Sie fuhren in die Galerie, die tatsächlich um der Ecke war, oder fast. Dort tranken sie noch etwas Wein, einen edlen Bulgarischen. Einer der Künstler den Frau Sentürk vertrat und war auch Winzer, als Geschenk schickte er ihr regelmäßig Flaschen seiner besten Auslese. Nach dem sozialen Einschub schien der Abend wieder in gewohnte Bahnen zu verlaufen, bemerkte Öner innerlich. Sie guckten sich die Kunstwerke an, Öner langweilte sich gediegen und zog es vor, mit seinen Kumpels per Handy zu chatten. Aus der Entfernung schien er hin und wieder dumpfe Geräusche zu hören, die für eine Stadt unüblich waren, seine Eltern plauderten aber munter weiter mit den Sentürks und bemerkten nichts. Nach einer sehr langen Weile verabschiedeten sich die beiden Paare, man fuhr nach Hause und ging ins Bett.

Im Auto der Sentürks meine Frau Sentürk zu ihrem Mann, er solle doch aufpassen mit seinen rassistischen Witzen. Es sei zwar nicht so gemeint, aber der Mann ist immerhin Staatssekretär. Vielleicht, aber von so einem Randthema witzelte Herr Sentürk. Es ginge nicht um seine Stellung, sondern gerade um das Thema. Herr Sentürk wollte kontern, wusste aber, dass seine Frau gerade in der Stimmung war, unendlich zäh trotz ihrer Sanftheit dagegen zu argumentieren, also ließ er es bleiben.

Öners Eltern waren schon in ihrem Schlafzimmer. Öner stellte sich ans Fenster seines Zimmers und blickte in Richtung des Nachbarhauses. Das Fenster hinter dem er das Zimmer der Nachbarstochter Pelin vermutete war noch hell. Es gab aber Vorhänge leider. Er legte sich ins Bett und blickte ein letztes Mal auf sein Handy. Dart stand eine Meldung auf seiner Nachrichten-App: “Istanbul: Polizei führt Razzia im Drogenmilieu durch”. Das lese ich morgen, dachte er sich.

Teil 3 der Integrationsfiktion im nächsten Newsletter

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