PORTRÄT: Nachbarn, die sich für die Nachbarschaft engagieren

Die zwei von der Jahnstraße

Seit Anfang der 2000er Jahre wohnen sie im Graefe-Kiez, seit ein paar Jahren sogar im selben Haus. Die Wahlberliner und Nachbarn Aurora Molina und Peter Nattrass, aus Paraguay und Grossbritannien, verbindet viel: Die Liebe zu Berlin, ein Blick von Außen auf die deutsche Gesellschaft – und besonders die Lust, in ihrem Viertel etwas zu bewegen.

Sie haben die selbe Adresse, die Jahnstraße. Die Lebensumstände sind vergleichbar, sie haben Familie und zwei Kinder im ähnlichen Alter – und teilen viele Ansichten. Dass man sich für die Nachbarschaft engagieren sollte. Dass es eine unsichtbare Mauer zwischen der Jahnstraße und der Düttmann-Siedlung gibt, z.Bsp. «Architektonisch ist die Siedlung ungünstig, sie ist praktisch versteckt» meint Peter, Pete genannt. «Ich glaube, in unserem Haus weiß so gut wie niemand, dass es die Düttmann-Siedlung überhaupt gibt. Außer uns natürlich.“

Pete kommt aus England und lebt seit 2002 in Berlin, machte hier seinen Master in Französisch und Italienisch. Als er sich an der Uni beraten ließ meinte man, Berlin brauche Lehrer, warum er nicht auf Lehramt studiere? Er willigte ein und seitdem unterrichtet er an zwei Schulen in Schöneberg. Er zog in Berlin mehrmals um, wohnte aber immer im Graefe-Kiez, oder ganz nah daran. Seine Stationen vor der Jahnstraße: Graefestr., Hasenheide, Gneisenaustr.

Bei Aurora ist es ähnlich. Auch sie lebt seit Ewigkeiten im Viertel, ihre Stationen von der Jahnstraße waren die Graefe-, Pflüger-, Admiral- und Blücherstraße. Nach Berlin kam sie 1995 für ein Studium an der FU, Germanistik und Latein-Amerikanistik. Sie wohnte zuerst in Köpenick und fühlte sich sofort heimisch. Dort war alles wie zu Hause: alt und kaputt. Heute schult sie Mitarbeiter*innen vom Auswärtigen Amt, die nach Mittel- oder Süd-Amerika reisen. In ein paar Wochen verbessert sie deren Sprachkenntnisse und brieft sie über die politische Lage.

Seit Jahren in Berlin – und immernoch Berlin-Fans

Beide schätzen Deutschland, Aurora war immer schon davon angezogen. In Paraguay ging sie als Teenagerin in den „deutschen Klub“, dort gab es Turnunterricht und viele Plakate von einem Bilderbuch-Deutschland, stark süddeutsch geprägt. Fachwerkhäuser, Schlösser, idyllische Landschaften. Als sie dann mit 17 Jahren zum ersten Mal im Land war, bei einer Gastfamilie in München, war sie etwas enttäuscht. So viele Fachwerkhäuser gab es nun doch nicht. Aber das Land und die Leute gefielen ihr. So sehr, dass sie sich für Berlin entschied, als das Studium anstand. Hier gab es definitiv keine Fachwerkhäuser.

Als Pete seinen Bachelor in der Tasche hatte, überlegte er kurz, seinen Master entweder in London, oder in Paris zu machen. Er probierte es aber in Berlin. Die Freunde, die er hinterließ beneideten ihn um die Freiheit die er hier genoss. Diese hatten schnell mit dem Ernst des Lebens zu tun, also hohe Lebenskosten, weswegen sie einen klassischen Lebensweg einschlugen: Karriere, Kredit, Familie. Eine Wahl hatten sie dabei nicht wirklich.

Bekanntschaft mit einer Siedlung

Wären beide nicht ins Gespräch mit dem QM-Team gekommen, an dessen Büro in der Jahnstr. sie täglich vorbeigehen, wären sie niemals Teil der Aktionsfonds-Jury geworden. Jetzt entscheiden sie über Anträge, die sie «ein bisschen bürokratisch finden». Aber immerhin konnten sie damit eine Begrünung der Jahnstr. finanzieren, Pete war dabei federführend und mobilisierte dafür die Nachbarschaft. Beide finden die Straße etwas vernachlässigt. In Schöneberg, wo Pete arbeitet, kommt gefühlt die Stadtreinigung viel öfter vorbei. Am Nachbarschaftsstammtisch, der Nachfolger des Quartiersrats und der Jury, wollen sie mitmachen, auch wenn sie zu den Terminen oft nicht immer können.

Nachbarschaft: Andere Länder, andere Vorstellungen

Sich für die Nachbarschaft zu engagieren bekam Aurora von klein auf mit. Ihre Familie ist moderat katholisch, ging oft in die Kirche, eine richtige soziale Plattform. Hier kamen die verschiedensten Schichten zusammen, Solidarität war kein leeres Wort. Diese Tradition führt sie hier fort und stellt neben Job und Familie Projekte auf die Beine, wie „Hier in Berlin tanzt der Bär“, damit die Schüler*innen der Lemgo-Grundschule sich bewegen und sich körperlich ausdrücken. Das Projekt ist eine Kooperation mit der Schule, dem Dütti-Treff und dem Verein EsferaLab, den Aurora und andere ein paar vorher gründeten. Als würde dieser Ritterschlag“ der Integration in Deutschland nicht reichen, hat sie seit einiger Zeit eine Parzelle in einem Schrebergarten. Während der Härtephase der Corona-Maßnahmen ein großes Glück. Als ihre Mutter die Kleingartenkolonie zum erstem mal sah, mit seinen kleinen Häuschen, fragte sie: Ist das ein Slum?

Bei Pete ist es ein bisschen anders. In England sind vielleicht die Öffnungszeiten der Pubs zum Vergessen, dafür sind sie echte soziale Drehscheiben, in welchen die ganze Gesellschaft zusammenkommt. Die gut und weniger gut Verdienenden, vereint durch die schreckliche Vorstellung, die letzte Runde zu verpassen. Die kam damals gegen 10 oder 11 Uhr abends, danach fing das schwierige Unterfangen an, ein noch offenes Lokal zu finden. Hier in Berlin sind die Lokale eher gewissen Zielgruppen vorbehalten, die Hipster gehen in Hipster-Läden, türkische Migranten in Teelokale, die Arbeiter in Eckkneipen. Diese Durchmischung fehlt Pete hier manchmal. Die einzigen Lokale, die annähernd ähnlich durchmischen, sind Biergärten.

Eine unsichtbare Grenze, nicht nur durch das Viertel

Beide verorten in Deutschland eine weitere unsichtbare Grenze, die sich durch die ganze Gesellschaft zieht: die Bildungsgrenze. Ob man studiert ist, oder eine Ausbildung absolviert hat, ob man Akademiker*in ist, oder nicht, das scheint hier sehr wichtig zu sein. An dieser Grenze scheiden sich soziale Gruppen und manchmal sogar Freundeskreise. Im Kontext der Düttmann-Siedlung nimmt das eine besondere Bedeutung ein, denn hier werden früh die Weichen gestellt. Mit 10 Jahren kommt man aufs Gymnasium, oder eben nicht, und Auroras Sohn steht gerade vor dieser Weiche.

Bei der Auswahl seiner Schule achtet sie besonders auf das Engagement des Lehrer-Kollegiums. Ein weiterer Punkt ist die Durchmischung bei Kindern und Eltern. Hier bewegt sich z.Bsp. bei der Lemgo-Grundschule etwas. Nachdem Jahrelang die Gruppen der Alteingesessenen und der mit Migrationshintergrund nebeneinander koexistierten, ist mit der Umwandlung zu einer Deutsch-Spanischen Europa-Schule eine dritte Gruppe entstanden, die vielleicht ein Bindeglied werden kann. Auroras Tanzprojekt will diesen Prozess unterstützen.

Brücken bauen, Durchmischung, so könnte man das Engagement von Pete und Aurora für Ihre Nachbarschaft zusammenfassen. Sie wollen Projekte unterstützen, oder selber ins Leben rufen, bei denen die Leute zusammenkommen. Die Flohmärkte, oder Adventsmärkte in der Düttmann-Siedlung sind dafür ein gutes Beispiel. Und sie hoffen, nach Abwicklung des Quartiersmanagements mit dem Nachbarschaftsstammtisch, weiter solche Projekte zu begleiten. Damit das auch finanziert werden kann, muss die KiezAktivKasse kräftig gefüllt werden.

Unterm Strich sind die beiden sehr zufrieden in ihrer Wahlheimat. Der Grund, warum sie sich schnell in Berlin verliebten, hat sich in all den Jahren nicht geändert: Hier wird man nicht nach Status oder Laufbahn beurteilt, hier lässt man sich in Ruhe. Und damit in Ruhe lassen nicht in Desinteresse mündet, engagieren sie sich.


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