Käsebier erobert den Kurfürstendamm

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Im Bestseller von 1931 spielt die Hasenheide eine große Rolle: Der rasante Aufstieg des Comedians Georg Käsebier beginnt in den Variété-Cafés der ehemaligen Party-Meile. Bauskandale, B-Promis, ausgehwütige und schnoddrige Berliner, die 30er-Jahre kommen einem irgendwie bekannt vor. Auszüge aus dem Roman von Gabriele Tergit.

Als Spiegel des turbulenten Berlins der Weimarer Republik wird der Roman oft beschrieben. Allein die Geschwindigkeit mit dem er geschrieben wurde – sechs Wochen – spricht dafür, und genauso schnell wurde Gerichtsreporterin Tergit zu einer Best-Seller-Autorin. Kaum zwei Jahre nach ihrem Erfolg verließ sie Deutschland, die Nazis kamen an die Macht. Die Hauptfigur um die sich alles dreht, Käsebier, ist etwas passiv, was aber seiner Rolle als Spielball von Zeitungs- und Geschäftemachern enstpricht. Er wird intensiv vermarktet und dann wieder fallen gelassen. Umso lebhafter werden Alltag und Archetypen des damaligen gesellschaftlichen Lebens geschildert, besonders dank Tergits ausgeprägtem Sinn für Dialoge. Ein Text in dem man das damalige Berlin nicht nur liest, sondern auch hört.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Schoeffling zitieren wir hier einige Passagen des Romans.

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Fünftes Kapitel
Ein langes Kapitel, an dessen Ende Käsebier auch in der Berliner Tageszeitung beschrieben wird

(…)

In der Hasenheide stiegen sie aus, ein leichter Schleier hing um die Büsche. Im ersten Lokal war großer Raubtiertag. Mit einer Tasse Kaffee, auch schon mit einer Brause, bekam man einen Bären aller Rassen. Unter dem mächtigen Dach des Theaters saßen viele Hunderte, immer acht Personen um einen Tisch. Der Liter Wasser fürs Kaffeekochen kostete eine Mark. Die Kanne stand auf dem Tisch. Bier und Stullen in mächtigen Paketen, auch Obst. Familien. Bunter Voile überwog. Auf einem erhöhten Podest war die Weinabteilung. Ein junges Paar trank nicht mehr und nicht weniger als zusammen eine ganze Flasche Malaga. An einem Tisch, ein Pärchen, hatte zwei Flaschen Haut Sauternes vor sich stehen. Die jungen Leute ließen sich nicht lumpen. Es war kurz vor dem Ersten, Sonnabend abend und ein Vorfrühlingstag.

Auf der Bühne ein Theaterstück nach der »Justmethode«. Streitendes Ehepaar. Just kam der Schwiegervater. Nicht der Schwiegersohn, sondern Papa ging fremd. Eine Soubrette trat just herein. Auch ein Baby wurde einem nicht dazu gehörigen Papa in den Arm gelegt. Das Publikum brüllte. Seit Tagen war jeder Platz ausverkauft. Kein zweideutiges Wort fiel. Saudumm war das Ganze. Aber beglückend. Eine halbe Stunde vom Potsdamer Platz: anno domini 1900. Es herrschte Rokokosalon und Trumeau.

(…)

Da kam die Hauptnummer, Er, Er, Käsebier, und sang! Zuerst etwas Neues. »Wer mit mir will, der komme mit, wer mich nicht will, der jeht alleene.«

Dann: »Mensch, ist Liebe schön.« Und zuletzt: »Wie soll er schlafen, durch die dünne Wand?« O Freund Käsebier, wie er litt, wie er dastand, weinend, »ach Jott, ach Jott, ach Jott, ach Jott, ach Jott, bin ich betrübt«. So stand er da, Falten nach unten, ein treuer Jagdhund, hängende Ohren. Und dann: »Ach Jott, ach Jott, ach Jott, ach Jott, ach Jott, bin ich vergnügt.« Strampelbein, Mundwinkel nach oben, Seligkeit im Augenlid, die Ohren stramm aufgerichtet. Käsebier war kein Adonis, kein Harry Liedke, kein Menjou, keiner, von dem die Mädchen träumen, keiner, der das erotische Ideal vorliebt. Blond, dick und quibblig, Schnauze, fast schon Fresse zu nennen, hatte als Hintergrund Feste Ehrenbreitstein, Rebendach und den Mond zwischen Wolken, neben sich Hedy, eine jüngere Schwester der Claire Waldoff. Am Rheinufer. Schmachtelied: »Erste Küsse getauscht …« Weiter geht’s nicht. Das Publikum glaubte ihm, fühlte himmlische Sehnsucht, auch wenn die Hand des Gatten nach den Siebensachen grapschte. Lieb wäre es der Doktorin gewesen, hätte Lambeck ein Gleiches getan. Lambeck hätte das tief verachtet. So verbarg sie die Primitivität ihrer Gefühle. Käsebier aber durchbrach mit wackelndem Tone fast schon den Glauben an Rhein und Mond, kam mit Spielschürze und Reifen zurück, sang unser aller Kinderlieder: »Fuchs, du hast die Gans gestohlen, Hänschen klein, Mariechen saß auf einem Stein, ein Männlein stand im Walde, alle Vögel«, gröhlte falsch, frech und verwegen: »Iich waiß nich, was soll es bedeueueuten.« Zu dick und zu blond, Schnauze, fast Fresse schon, war er Trost von Vater, Mutter und Kind, Blut vom Blut dieser Stadt. Um Liebling des Volks zu sein, sang er als Zugabe: »Ich tanz Charleston, du tanzt Charleston, er tanzt Charleston, und was tun Sie?« Was soll Charleston, fünf Minuten von der Reichenberger Straße, wo es noch den Feierabend gibt, um auf dem Balkon die Strippe zu ziehen für den wilden Wein, und Vater bekocht, beflickt und bewaschen werden muß? Sie sangen im Chor: »Ich geh stempeln, du gehst stempeln, er geht stempeln, und was tun Sie?« – »Ich brauch Vorschuß, du brauchst Vorschuß, er braucht Vorschuß, und was brauchen Sie?«

»Dies ist die Vernunft, himmlische Ratio«, sagte die Doktorin zu Lambeck, »gemeinsam seine Schmerzen zu Kaffee und Butterbrot als Abendvergnügen nicht hinauszuschreien, sondern zu singen: Das ist die Lösung. Chor statt Nervenkitzel.«

»Hier, lange vergeblich gesucht«, sagte Lambeck, »wächst Selbstironie und Galgenhumor und das Glück der Gemeinschaft. »

(…)

Achtes Kapitel
Der Pariser Korrespondent des Allgemeinen Blattes kommt nach Berlin

»Hallo, hallo, Miezeken.«
»Hier Marie Pantke. Wer spricht?«
»Na, Fräulein, warum denn so mit de frisierte Schnauze? Hier Oskar Meyer.«
»Mensch, Meyerchen. Seit wann denn?«
»Heute nachmittag.«
»Na, das is ja mal ’n Freudentag.«
»Wie geht’s dir denn?«
»Jott, mies. Immer zu viel zu tun. Wie’s so ’ne Tippse eben geht, Arbeit und Arbeit.«
»Und Männer?«
»Bei mir jestrichen, Brief.«
»Na mal! Probieren wir mal!«
»Was Sie denken, is nich, Herr.«
»Also gehen wir ohne das heut bummeln.«
»Heute geht nich.«
»Wieso nich?«
»Also morgen.«
»Wo denn?«
»Hasenheide.«
»Mensch, dazu kommste von Paris, um mich in die Hasenheide zu führen, biste plemm, plemm?«
»Nee, jar nich, is der neuste Schick.«
»Was denn? Hasenheide! Freundchen, ich tanz nur noch bei Majowski, unter Meinekestraße mach ich’s nich.«
»Na, is jut, vorher aber essen wir bei Stöckler.«
»Ja, ich bin sehr für Präpelei.«
»Ich hole dich so gegen acht.«
»Gemacht.«
»Gemacht, mein Schatz. »

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Ein Erfolg, der sich nicht wiederholen ließ

Tergit ließ sich bei der Figur von Romanheld Käsebier zwar nicht durch Erich Carow inspirieren, einem Komödianten der damals großen Erfolg hatte, wie ein Kollege Tergits behauptete. Aber Carow gibt eine Idee der erfolgreichen Comedians der Zeit. Bei Publikum und Kritikern sehr beliebt, konnte er 1936 sogar sein eigenes Theater eröffnen. ‘Carows Lachbühne’ wurde neben Berlinern aller Schichten auch von Bekanntheiten wie Kurt Tucholsky und sogar Charlie Chaplin besucht. Tucholsky zumindest ist belegt, Chaplin ist ein Gerücht. 1943 wurden alle potentielle Beweismaterialien durch ein Bombardement zerstört.

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Das Programm der Variété-Bühnen bestand aus einer Folge nicht zusammenhängender Nummern, wie man es dem Romanausschnitt oben entnehmen kann. Etwa so wie heutzutage eine Samstagabendshow im Fernsehen, nur ohne Werbepausen. Sänger folgten Zauberern, die kurzen Stücken folgten, worauf Akrobaten folgten, wie zum Beispiel die hier abgebildeten Schleuderbrett-Akrobaten ‘Die fünf Charleys’.

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Im Exil schrieb Tergit noch den Roman ‘Die Effingers’, der eine jüdische Familie über mehrere Generationen schildert und deswegen als Pendant der Buddenbrooks von Thomas Mann gilt. Mit dem Erfolg ihres ersten Buches konnte sie aber nie anknüpfen.

Käsebier erobert den Kurfürstendamm ist als Buch und E-Book beim Verlag Schöffling erhältlich.

 


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