BERICHT: Abchluss der Kiezgrößen, Wie man lokale Wirtschaft mit sozialen Akteuren vernetzt

Tausende von Schritten für den guten Zweck

Das Projekt Kiezgrößen von coopolis wurde zwar bei einer Veranstaltung am 21.11.19 offiziell beendet, aber eigentlich geht es jetzt erst richtig los. Die Idee: Gewerbetreibende aus dem Kiez mit sozialen Akteuren zu vernetzen, damit jene nach Ende des QMs so ab und zu in die Bresche springen. Lokale Wirtschaft engagiert sich sozial, oder das Gebiet Graefe-Nord greift Graefe-Süd unter die Arme. Eine Broschüre dient dafür als Wegweiser und kartiert minutiös Gewerbetreibende und Akteure zur Entfachung der Potentiale.

Wussten Sie, dass es 585 Geschäfte im Erhaltungsgebiet Graefekiez gibt? Also zwischen Hasenheide, Kottbusser Damm, dem Planufer und der Fontanepromenade? Das klingt nach viel, aber eigentlich könnten es noch mehr sein. Denn von den 990 Ladenlokalen werden 319 als Wohnraum genutzt, oder fast ein Drittel. Der Rest besteht zu 14 Prozent aus Gastronomie, zu jeweils 18 aus Einzelhandel und lokaler Ökonomie, 9 Prozent nutzen soziale Einrichtungen und genau so viel stehen leer.

Struktur der über 900 Gewerbelokale im Graefe-Kiez: Der Löwenanteil wird zum Wohnen genutzt.

Das ist das Ergebnis der Kiezkartierung, der erste Schritt für das Unterfangen „Kiezgrößen“. In Folge unternahm Projektleiter André Batz abertausende weitere Schritte, um jeden der Gewerbetreibenden persönlich zu besuchen und für die Idee zu gewinnen. Wahlkampfteams erblassen wohl vor Neid, zumal dieses Klinkenputzen nicht eigen-, sondern gemeinnützig war. Eine Leistung, die höchsten Respekt verdient, und die sich auch bezahlt machte: 31 Gewerbetreibende erklärten sich bereit mitzumachen – und Kiezgrößen zu werden. Die anderen mussten aus verschiedenen Gründen passen, entweder aus Kapazitätsgründen, das Überleben bei steigenden Gewerbemieten erfordert kontinuierlichen Einsatz, oder weil die Ausrichtung der Firmen den Projektzielen zu fern war. Bei einer Personalagentur für Grafikdienstleister, oder einem Image-Video-Betrieb, vielleicht leicht vorstellbar – oder auch nicht.

Sicht des Graefekiezes mit den Augen der Kiezgrößen: 31 Gewerbetreibende nehmen teil.

Die Mitmacher*innen reichen von größeren Unternehmen wie die Supermarktkette Bio Company an der Hasenheide, die junge Bewohner*innen aufrufen, eine Ausbildung bei Ihnen zu machen – vielleicht schaffen sie es dann auch bis zur Marktleitung, wie es die aktuelle, Gülay Kapuci aus Neukölln, vorgemacht hat – bis zu kleinen Spezialisten wie Tee-Saloniki, ein Fachgeschäft für Tees, Honig und Kräutern aus Griechenland. So stellt der Betreiber Patros gerne seine Räumlichkeiten für Veranstaltungen zur Verfügung.

Projektleiter André Batz von Coopolis mit Patros von Tee-Saloniki in der Böckhstr., eine Kiezgröße.

Die Broschüre, hier zum Download, erleichtert die Suche nach Kooperationspartner*innen erheblich, weiß man doch: Wer dort gelistet ist, hat auch ein offenes Ohr und wird im Rahmen seiner Möglichkeiten helfen.

Aber gleichzeitig erlaubt sie, den Graefe-Kiez ganz neu zu entdecken in einer Tiefe, wie es der gemein-gewöhnliche Flaneur gar nicht kann. Erstens werden auf den ersten Seiten 13 soziale Einrichtungen vorgestellt, bei denen Unbedarfte nicht einfach so hereinspazieren können. Zweitens findet man unter den Gewerbetreibenden viele Außergewöhnliche. So gibt es in der Nähe des Südstern eine schwimmende Universität (Floating University), einen Laden mit handgemachten Porzellan (Anna Sykora) und eine Buchhandlung für Kinder und Jugendliche (Krumulus).

 

Auszug aus der Broschüre, in der alle teilnehmenden Gewerbetreibenden gelistet sind.

In der Flanier-Ader, die dem Kiez ihren Namen verleiht, gibt es Hans-Peter Rühl, der Kurse für Rechnungswesen anbietet, das Lakritzen-Mekka Kado mit über 500 Sorten und einen Hutladen mit dem sehr passenden Namen „Save the Cake“. Hoch im Norden, am Planufer, an den ungestümen Gewässern des Landwehrkanals grenzend mit seinen Banden von Wildschwänen, findet man den Künstlerbedarf CYM. Ganz im Süden, in der Jahnstr. 4, wenige Meter vor der wuchernden Wildnis der Hasenheide mit seinen heidnischen Tempeln und freiberuflichen Betäubungsmittel-Außendienstler, findet man den Illustrator und Grafiker Sergio Uslé.

Aber die persönlichen Gespräche waren nicht das einzige Instrument zur Gewinnung von Teilnehmenden. An Abendveranstaltungen, bei Kieztouren und Kiezfrühstücken konnten Gewerbetreibende und soziale Akteure sich kennenlernen. Durch gemeinsame Aktionen mit Gebietsakteuren, wie die mit der Kinderkunstwerkstatt KoduKu, bei der Gewerbetreibende Bilder von Kindern in ihren Schaufenster zeigten, machten die Kiezgrößen auf sich aufmerksam und gewannen weitere Teilnehmende. Insgesamt dauerte das Projekt zwei Jahre, der Träger war das Planungsbüro für kooperative Stadtplanung coopolis, das Geld kam vom Quartiersmanagement Düttmann-Siedlung, dem Bund-Länder-Programm Soziale Stadt.

Und wer die Stadt rund um und in der Werner-Düttmann-Siedlung wirklich sozial machen will, der schnappt sich eine Kiezgrößen-Broschüre und beginnt die Suche nach Kooperationspartner*innen. Bei einem zu ruhigen Moment während der Feiertage zum Beispiel…

Das Projekt Kiezgrößen auf der Webseite von Coopolis


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