BERICHT: Der Überbau des Quartiersmanagements

Auf der Kommandobrücke

Ein Blick hinter die Kulissen: Nach vielen Berichten über die Arbeit des QMs, der Träger und Bewohner*innen vor Ort schauen wir in den Maschinenraum. Die Küche, den Feldherrenhügel, oder die Kommandobrücke – ein Vergleich für ein Programm wie “Soziale Stadt” ist schwer.

Dafür sprechen wir mit drei Schlüsselpersonen: Ralf Hirsch, verantwortlich für die Kreuzberger QMs in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Jana Nowratzky, die im Bezirksamt das Programm Soziale Stadt als Förderstelle betreute und dem Stadtrat für Soziales und Gesundheit, bei dem das Programm angedockt ist, Knut Mildner-Spindler.

Ralf Hirsch – Verantwortlich im Senat für Stadtentwicklung für die QMs in Kreuzberg

Ralf Hirsch in der Mitte, im Gespräch mit Jana Nowratzky, bei einem QM-Event.

Meine Rolle ist die inhaltliche und finanzielle Ausrichtung der QMs für den Senat zu steuern. Der Bezirk ist Partner in der Durchführung”, so bringt Hirsch seine Arbeit auf den Punkt. Das Hauptinstrument dieser Co-Leitung ist die Steuerungsrunde, die einmal im Monat stattfindet: Regelmäßig mit am Tisch ist das Team des QMs, ein*e Vertreter*in des Bezirks und der Senatsverwaltung. Während eines Projektauswahlverfahrens werden auch Vertreter*innen aus dem Quartiersrat zur Entscheidungsfindung in die Steuerungsrunde geladen. In der Laufzeit des QMs Düttmann-Siedlung, 15 Jahre, traf sich diese Runde 180 Mal. Sie dauern zwei bis drei Stunden, in seltenen Fällen länger. Die Runde entscheidet über Auswahlverfahren und Anträge im Rahmen des Baufonds und des Projektfonds, um die Infrastruktur im Fördergebiet zu stärken.

Es ist zwar eine Co-Leitung, da besonders Bewohner*innen mitentscheiden sollen, aber letztendlich kommt mit der Rolle des Geldgebers, in diesem Fall die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, auch ein Gewicht hinzu, dass die anderen Teilnehmer*innen so schnell nicht wettmachen können. Deswegen kam es manchmal zu sehr intensiven Diskussionen. Hirsch erinnert sich an einen “sehr kämpferischen” Quartiersrat, der aus Bewohner*innen und im Fördergebiet mitarbeitenden Partner*innen besteht. Aber er unterstand auch Richtlinien, die teilweise auf EU-Ebene entschieden wurden, da ein Teil des Geldes aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung, kurz EFRE kamen. So kam es 2014 zu einer Änderung, es sollte mehr in Infrastruktur, als in vereinfacht gesagt “Projekte mit Menschen”, investiert werden. Damals trat die neue EU Förderperiode in Kraft, die jeweils für sieben Jahre gilt.

Viele Jahre betreute Hirsch bis zu fünf Quartiersmanagements im Bezirk, was ihn “voll auslastete”. Ab 2021 werden es “nur” drei sein. In ganz Berlin gibt es 34 QMs, die von acht Personen im Senat betreut werden, seinen Kollegen. Im Vergleich zu den anderen QMs die er betreute, erinnert er sich an das der Düttmann-Siedlung als “sehr leidenschaftlich und mit einer hohen Kampfbereitschaft”. Da die Leiterin des QMs, Angelika Greis, vorher im Nachbarschaftshaus Urbanstraße im Gebiet gearbeitet hatte, war die Vernetzung des QMs mit den Bewohner*innen “unglaublich gut”. Hirsch ist vermutlich ein Freund der Dialektik, denn an die Kämpfe erinnert er sich nicht mit Groll, im Gegenteil, sein Fazit lautet: “Das QM hatte ein Superteam. Es war das kleinste, aber feinste QM Berlins.”

Sein Urteil über das Programm Soziale Stadt: “Das ist ziemlich gut, nur ist manchmal die Bürokratie etwas aufwendig”. Was man aber in Kauf nehmen müsse, da es um öffentliche Gelder ginge, die müssen nun mal streng kontrolliert werden. Aus seiner Sicht blicken die anderen Bundesländer, das Programm existiert deutschlandweit, mit Interesse auf Berlin. Denn anderorts sei die Mischung auf Infrastruktur- und Förderung von Menschen nicht so ausgewogen. Die Kritik, die oft geäußert werde, QMs seien eine Art Vorhut der Gentrifizierung, kann er nicht nachvollziehen. Man dürfe nicht jede Kritik an sich heranlassen. Und auch wenn das Programm nicht perfekt sei, es hätte viel mehr positive als negative Seiten.


Jana Nowratzky – QM-Gebietskoordinatorin im Bezirk

Links: Jana Nowratzky bei einem der vielen QM-Feste. Neben ihr Stadtrat Andy Hehmke.

Der Job war sehr abwechslungsreich, er hat mir immer Spaß gemacht. Man hat mit vielen unterschiedlichen Gruppen zu tun, das ist in der Verwaltung eher selten.” So erinnert sich Jana Nowratzky an ihre Stelle, die sie neun Jahre innehatte. Manchmal betreute sie fünf QM-Gebiete, meistens nur drei, aber die Düttmann-Siedlung begleitete sie am längsten. Sie nahm auch an den monatlichen Steuerungsrunden teil, prüfte die Förderfähigkeit der Projekte, holte die Meinung von Fachämtern im Bezirk ein und stellte sicher, dass die QM-Projekte keine Doppelstrukturen zu Bezirksprojekten darstellten. Sie kümmerte sich um die finanzielle Bearbeitung der Projekte und nahm auch an den Sitzungen des Quartiersrates teil, allerdings ohne Stimmrecht. Genug Tätigkeiten, um 40 Stunden in der Woche zu füllen.

Eine große Herausforderung stellten die vielen unterschiedlichen Personen dar, mit denen sie zu tun hatte. Aus der Politik, der Verwaltung, Unternehmen und nicht zuletzt Bewohner*innen. “Da muss man schnell switchen können”, was anstrengend sein konnte, aber auch den Reiz ausmachte: “Das waren keine klassischen Verwaltungsaufgaben.” Das Vermitteln zwischen Bezirk und den Bewohner*innen war nicht immer einfach. Sie hätte gerne Projekte bewilligt, die offensichtlich in der Siedlung benötigt wurden. Aber manchmal ließen es die Vorgaben einfach nicht zu, was bei den Bewohner*innen für Frustration sorgte. So gab es lange ein Kinderprojekt in der heutigen Dütti-Werkstatt, mit Freizeitangeboten für 5-7 Jährige zwei bis drei Mal pro Woche, das viele Jahre vom QM gefördert wurde, so lange es ging. Doch eine Dauerfinanzierung war schlicht und einfach nicht drin, der Aufschrei war groß und ein erheblicher Verlust für die Bewohner*innen.

Ein Faktor ist sicher die Größe, oder die Kleinheit, der Siedlung. Denn dadurch falle sie statistisch oft durch den Rost. Das Umfeld ist “vergleichsweise reich”, die Siedlung ist es nicht, die Statistiken würden also “verfälscht”. Dadurch passe sie oft nicht in die Kriterien für Förderungen abseits des Programms Soziale Stadt, aus den Bereichen Bildung, Nachbarschaft oder Grünflächen. Fördertöpfe sind oft zu global ausgerichtet, Besonderheiten wie die Düttmann-Siedlung könnten sie “nicht verstehen”. So stand lange der Bedarf eines Nachbarschafts-Treffpunktes in Frage, da es mit dem NHU schon ein großes Stadtteilzentrum für diese Bezirksregion gäbe, so die Einwände. Aber das wird von einer anderen Zielgruppe genutzt, Bewohner*innen der Siedlung gingen nicht dahin, deswegen war ein Dütti-Treff absolut sinnvoll. Dafür musste sie, mit vielen anderen, vier Jahre lang kämpfen. Der Erfolg hatte auch “viel mit der KURA-Bau zu tun”, die sich auch mit Geld beteiligten. Damit meint Nowratzky die Eigentümer der Siedlung, die rund 300 Teilhaber des Immobilienfonds selben Namens. Eine Siedlung ohne Dütti-Treff wäre für sie “ziemlich traurig”. Hier streicht sie auch die Rolle von Emine Yilmaz und Farag Abdel-Kawy hervor, die “ein großes Plus” für die Siedlung sind.

Was die Siedlung auch noch unterscheidet: Die wohlwollende Atmosphäre. In der Düttmann-Siedlung war die Zusammenarbeit der vielen Träger, Einrichtungen und Projekten harmonisch, man zog an einem Strang, und das unabhängig davon, um welche Zielgruppe es ging oder ob es dafür finanzielle Mittel gab. Die Trägerrunde spielt dabei eine ausschlaggebende Rolle und die gibt es in dieser langlebigen Form in anderen QMs nicht. Deswegen fand viel mehr Informationsaustausch statt, viel mehr Abstimmung, alle waren auf demselben Stand. In einem Bereich, in dem Zugang zu Personen und Informationen eine große Rolle spielt, leuchtet das ein. Dieser zentrale Austauschpunkt spiegelt sich auch in der Form der Siedlung wider, denn einen Werner-Düttmann-Platz, ein Mittelpunkt eines QM-Gebietes gibt es nur in der Siedlung.

Das Programm Soziale Stadt habe natürlich seine Grenzen, meint Nowratzky, denn es sei ein Städtebauprogramm. Es fehlten zum Beispiel die Bereiche Bildung und Soziales, die normalerweise von anderen Programmen aufgefangen werden sollen. Leider falle aber die Siedlung oft durch die Kriterien, wie schon erwähnt. Heute arbeitet sie in der Senatskanzlei und ist dort für Förderungen von Forschungseinrichtungen zuständig.

 

Knut Mildner-Spindler – Stadtrat für Soziales, Beschäftigung und Bürgerdienste

Stadtrat Knut Mildner-Spindler in seinem Büro, im Oktober 2020.

Diese Meinung teilt auch der Stadtrat des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, in dessen Behörde Nowratzky angestellt war. Die Abteilungen, denen er vorsteht, haben in Summe 500 bis 600 Mitarbeiter*innen, die QM-Gebietskoordinator*innen kann man mit den Fingern einer Hand abzählen. Seine Rolle ist nicht das Tagesgeschäft der QM-Gebiete mitzugestalten, es geht eher um Aufsicht, involviert war er bei größeren Anliegen, wie die Finanzierung des Personals des Dütti-Treffs durch den Bezirk nach dem Ende des QMs. Trotz der wenigen Stellen war sein Terminkalender umgekehrt proportional von QM-Terminen bestimmt, die sehr zahlreich sind. Er lernte dadurch viele Quartiersrät*innen kennen, was er sehr schätzt. Von den Gesprächspartner*innen in diesem Artikel ist er vielleicht der, mit der größten Sichthöhe. Ganz sicher der, der Kraft seines Amtes, ein politisches, auch am freiesten seine Meinung äußern kann.

Mildner-Spindler hat die Genese des Programmes Soziale Stadt mitverfolgt, Ende der 90er. Das erste QM-Gebiet Berlins entstand am Boxhagener Platz Anfang der Nuller Jahre. “Damals wurden nur Häuser saniert”. Doch schnell, unter Federführung des damaligen Integrationsbeauftragten des Landes, Günter Piening, und mit der Unterstützung der Kollegen aus den Bezirken, allen voran Frau Nitschewal aus Pankow, fügte man dem “reinen Städtebau-Programm” andere Schwerpunkte hinzu. Das war auch durch den Regierungswechsel möglich, 2002 kam die rot-rote Koalition ans Ruder. Lange war auch die Frage, ob man das Programm beim Senat für Integration, oder dem für Stadtentwicklung andockt. Bis heute bleiben aber strukturell leider Bereiche ausgespart, wie Bildung und Gesundheitsförderung, was aber eigentlich notwendig wäre. Trotzdem konnten viele Projekte der Kinder- und Jugendförderung finanziert werden, bevor die Ausrichtung wieder mehr auf Infrastruktur schwenkte.

Mildner-Spindler erklärt sich den Fokus mit dem Bedarf nach sicheren Nachbarschaften, der ein Faktor für Integration sei. Denn man könne nur ein Heimatgefühl für seinen Wohnort entwickeln, wenn man dort auch ein Sicherheitsgefühl hat. Dazu gehören nun mal nutzbare Grünflächen, ansprechende Nachbarschaftstreffs und sanierte Gebäude. Beim Thema Integration hat der Stadtrat klare Standpunkte. Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, sind einfach Deutsche. Die Debatte um das Kopftuch sei eine völlig falsche. Das hiesige Verständnis der Staatsbügerschaft, die der Abstammung große Wichtigkeit beimisst, sei hier vielleicht “etwas anachronistisch” und spiegele “nicht die Realität wider”. Das weiß er aus erster Hand, seine Frau ist türkischen Ursprungs. Er erinnert sich an einen Nachmittag mit zwei jungen Männern seiner Verwandtschaft, die beide Kemal hießen. Sie besuchten Sehenswürdigkeiten in Potsdam. Der eine war in Kreuzberg geboren, der andere in der Türkei, der eine fühlte sich deutsch, der andere türkisch. Er erwähnt auch das Gespräch mit einem Quartiersrat, der ihm sagte, er fühle sich zu Hause, wenn er in Tegel aus dem Flugzeug steige.

Damit eine Integration gelinge, müsste auch das Bildungssystem mithalten. Ein*e hier Geborene*r muss auch die Perspektive haben, eine qualifizierte Arbeit ausüben zu können, um eine Familie zu gründen und für dessen Lebensunterhalt zu sorgen. Deswegen ist ihm der Übergang Schule-Beruf sehr wichtig, der zu seinen Verantwortlichkeiten gehört. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Anschluss von Müttern mit Migrationshintergrund zur Berufswelt, wenn sie oft sehr früh heiraten, oft bevor sie eine Ausbildung abschließen und in der Regel mehrere Kinder auf die Welt bringen. Aus seinem Umfeld kennt er Beispiele von Müttern, die erst mit Mitte dreißig den Ausbildungsfaden wieder aufgriffen, um jetzt einer qualifizierten Arbeit nachzugehen. Obwohl Mildner-Spindler die Grenzen des Programms Soziale Stadt sieht, findet er es in Summe sinnvoll, besonders durch die Berliner Anpassungen.

Derzeit ist der Stadtrat, pandemiebedingt, stärker mit Gesundheitsfragen beschäftigt. Zu der Diskussion über die Bundeswehr und Kreuzberg erklärt er, dass er sehr wohl deren Hilfe angenommen hätte, und das schon im Mai. Doch dafür gab es keine politische Mehrheit. Die Gespräche mit den Soldaten schildert er als rührend, sie fragten ihn besorgt, ob sie sich in Kreuzberg überhaupt bewegen könnten. Er antwortete: Man würde sich bemühen, “kulturelle Brücken” zu bauen und ein Kennenlernen ermöglichen. Doch inzwischen hätten sie das Personal ausreichend aufgestockt, der Bedarf sei nicht mehr vorhanden, deswegen sei die mediale Aufregung vor ein paar Wochen an der eigentlichen Frage vorbeigegangen.

Bald sei er aber für all diese Fragen nicht mehr zuständig, denn er ginge kommendes Jahr in Pension. Er freut sich dann mehr Zeit an einem seiner beliebtesten Orte verbringen zu können, ein Partnerbezirk Kreuzbergs, der Istanbuler Stadtteil Kadıköy. Dort gibt es doppelt so viele Einwohner*innen, fast 600.000, er ist doppelt so lebhaft wie Kreuzberg, es gibt aber gefühlt genauso viele Touristen.

Somit endet der Ausflug in die Kommandobrücke des QMs. Da das Bild verwendet wurde, sollte man es ausbauen. Die Kapitäne des Schleppers „Soziale Stadt“ haben den Tanker Düttmann-Siedlung aus bewegten Gewässern in ruhigere geführt, jetzt bringen sie den Schlepper in den Hafen „Senat“ und steigen aus, bereit für neue Abenteuer. Oder so ähnlich, ich hoffe Sie verstehen den Gedanken.

 

Karte: Wieviel Geld floss wohin in den 20 Jahren des Programms Soziale Stadt?

Sehr grob überschlagen flossen ingesamt mindestens 1,3 Milliarden Euro in 544 Kommunen. Das Programm, das 2019 in Berlin sein 20jähriges Jubiläum feierte, wurde wohlklingend umgetauft in “Sozialer Zusammenhalt – Zusammenleben im Quartier gemeinsam gestalten”.  Hier übrigens ein interessanter aber etwas älterer Artikel der BPB über das Programm.

Quelle: BM für Inneres, BBSR Bonn


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