BERICHT: Ein Angebot, das Vorurteile überwindet

Koran für Kinder

 

(Lese, denn Dein Herr ist Allgütig)

Seit Ende 2018 bietet die Bewohnerin der Siedlung und Erzieherin Melek einen Koran-Unterricht für Kinder an, das sich besonders an Mädchen richtet. Ein Gespräch das viele Vorurteile ausräumt – unter Aufsicht eines Publikums von kleinen Schriftgelehrt*innen.

 Eine junge Frau mit Kopftuch, umringt von einem Dutzend kleiner Mädchen, die sie liebevoll angucken und ihr gebannt lauschen. Sie nennen sie « Abla », große Schwester, oder manchmal Melek Abla. Wir sind in der Dütti-Werkstatt und Melek erklärt mir, mit Begeisterung, warum sie einen Koran-Unterricht für Kinder in der Siedlung anbietet. Noch nie habe ich ein Interview vor so vielen Zuschauern geführt, aber die Teilnehmerinnen des Koran-Kurses wollten unbedingt zugucken. Ich fühle mich ein bisschen wie in einem Tennismatch, die vielen kleinen Köpfe richten sich mal nach links, mal nach rechts, um dem jeweiligen Sprecher besser zu folgen. Aber das Wort ist an dem Abend natürlich häufiger bei Melek – und was sie sagt ist für mich völlig neu.

Erstens bringt sie den Kindern die Richtlinien für ein gutes Zusammenleben bei, die man ihm Koran findet. Nicht Lügen, nicht Klauen, die Eltern respektieren, nicht frech sein. Die kennt man bei uns unter dem Namen Zehn Gebote. Man solle aber auch anderen helfen, nicht den rechten Weg verlassen, sowie Beten und Fasten. Bei Melek gibt es aber nicht nur Theorie. Sie machen Ausflüge, zu Alten- und Kinderheimen, damit sie sehen, wie Helfen ganz praktisch geht. Was Melek mit all ihren Aktivitäten erreichen will, ist die Eigenständigkeit der Kinder zu entwickeln. Besonders die der Mädchen. Sie kriegen Aufgaben wie ein Thema für die nächste Stunde recherchieren, ob ihnen das Spass mache beantworten sie im Chor mit Ja.

Eine ganz andere Lesart
«Der Koran wird zur Zeit schlecht verstanden, die Rolle der Frau vor allen Dingen. Der Prophet hat Frauen unterstützt, seine Frau Aischa arbeitete als Kauffrau, gemeinsam mit ihrem Mann»,
sagt Melek. Der Prophet fügte hinzu, dass Frauen sich im sozialen Bereich engagieren sollten, durch Lehren und Pflegen in erster Linie. Lehrerin oder Ärztin, das setzt viel Wissen und Studieren voraus. Tatsächlich findet man in den Hadithen, die Aufzeichnungen über das Leben des Propheten, die man heranzieht, um unklare Punkte zu verstehen, den Satz: «Wer eine Tochter gut aufzieht und ihr eine gute Bildung und Erziehung angedeihen lässt, erwirbt dadurch das Paradies.» Das notierte der persische Gelehrte Tirmidhi im 8. Jahrhundhert, der von Sunniten wie Schiiten gelesen wird.

Beim Thema Wissen leuchten Meleks Augen auf. Ein Großteil des Korans fordere dazu auf, sein Wissen zu vermehren, sich weiterzubilden, die Welt zu verstehen und zu erforschen. «Lese, denn Dein Herr ist Allgütig.» lautet die 96. Surate, Vers 3. Und damit sei nicht nur der Koran gemeint. Die Wissenschaft stünde nicht im Gegensatz zur Religion, sie diene im Gegenteil die Welt zu verstehen, die Gott erschaffen hat, so gut wir es können. Und sein Wirken bis ins Detail zu erfassen. Schulisches Wissen und Koran ergänzten sich. Deswegen gehört auch ein bisschen Erdkunde, Biologie und sogar Astronomie in Meleks Unterricht. Ihre Schülerinnen lauschen ihr gebannt. Ob sie den Unterricht mögen, frage ich sie? Sie nicken eifrig, und das im Gleichtakt. Dass sie eine gute Beobachtungsgabe haben merke ich schnell. Eins der Mädchen fragt mich, warum meine Notizen so unleserlich seien.

Die kleinen Ladys retten

Die Idee eines Koran-Unterrichts kam nicht von Melek. Eltern haben ihr das vorgeschlagen. «In Moscheen gibt es zwar Unterricht für Kinder, die Lehrer schaffen es aber nicht immer, auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Es sind keine Erzieher, nur selten können sie die Kinder adäquat ansprechen.» Das Ergebnis seien Kinder, die nicht viel mit dem Besuch in der Moschee anfangen könnten, im Klartext, die sich mopsten. Dabei hätte die Religion den Kindern so viel zu geben. Und Melek meint, besonders Mädchen und Frauen. Die gelernte Erzieherin, die im islamischen Kindergarten in der Kienitzer Str. arbeitet und zwischen Kotti und Herrmannplatz aufgewachsen ist, weiß hingegen gut mit Kindern umzugehen. So eine wißbegierige Truppe habe ich selten gesehen. Melek fügt schmunzelnd hinzu: «Ich will eigentlich die kleinen Ladys hier retten.» Vor falschen Auslegungen denke ich mir hinzu. Und so wie die kleinen Ladys ihre Lehrerin angucken und folgen, sieht es gut aus mit der Rettung…


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