PORTRÄT: Ute Treuchel ist die tragende Säule der Kita Hasenheide

Kreuzberg Kindern beibringen

Mehr Kreuzberg als Ute Treuchel ist schwer. Sie ist dort geboren, hat fast immer dort gelebt und arbeitet bis heute dort. Sogar die Ausbildung machte sie im Bezirk. Was sie an Kreuzberg schätzt und was sie davon an die Kinder weitergeben will, lesen Sie hier.

Abgeschiedene Wohnkomplexe wie die Düttmann-Siedlung kennt Ute Treuchel gut, sie ist selber in dem vielleicht schönsten der Stadt aufgewachsen: in Riehmers Hofgärten. Das zusammenhängende Ensemble von 20 Gebäuden an der Yorckstr., um 1890 errichtet, mit Gärten und Privatstrassen, füllt fast einen ganzen Strassenblock aus – und ist damit der Siedlung sehr ähnlich. Heute wohnen in dem top-renovierten und denkmalgeschützten Komplex besser Gestellte in rund 300 Wohnungen, die Gewerbe dort sind u.a. vier Sterne Hotels und Galerien.

Riehmers Hofgärten um 1970, fotografiert von Jürgen Henschel mit Erlaubnis des fhxb-museums.


In Treuchels Kindheit war es ganz anders: Die Anlage war abgewohnt, die Fassaden renovierungsbedürftig und die Bewohner*innen waren sicher nicht wohlhabend. Aber ihre Familie lebte sehr gerne dort, in dieser kleinen, geschützten Welt. Für Kinder war es wunderbar. Die vielen amerikanischen Soldaten, die auch da wohnten, bauten für ihren Nachwuchs einen Abenteuer-Spielplatz. Ihre Mutter hing sogar so sehr an der Anlage, dass sie sechs Mal umzog, als zwei Architekten in den späten 70ern diese kauften und nach und nach renovierten, um den Arbeiten auszuweichen aber trotzdem zu bleiben.

Die Hofgärten heute, perfekt renoviert, fotografiert von Jörg F. Klam. 

Rückblickend war die Renovierung nicht nur baulich ein Erfolg, sondern auch menschlich. Denn mit einem der Handwerker, ein Stuckateur, verstand sich Treuchel als 16jährige besonders gut. Ihre Mutter, auch die Frau des Hausmeisters, kochte den Arbeitern in den Pausen Tee und Kaffee. Die Pausen blieben nicht ohne Folgen, drei Jahre später heirateten die beiden. Aus Liebe war die überzeugte Kreuzbergerin sogar bereit, ihrem Mann, „ein alter Tempelhofer“, in seinen Heimatbezirk zu folgen. Dort wohnen sie bis heute.

Während Treuchels Freunde in der Schule von statusträchtigen Berufen wie Arzt oder Anwalt träumten, wollte Treuchel mit Kindern arbeiten, zur Verwunderung ihrer Bekannten. Sie wusste, dass ein Beruf mit viel Kontakt zu Menschen das Richtige für sie war, denn schon früh nahm sie in Gruppen eine vermittelnde Rolle ein. In ihrer Erziehung während ihrer Kindheit, die sie als streng schildert, gab man ihr auch früh Verantwortung: Wenn sie von der Schule nach Hause kam kochte sie meistens für sich und ihren Bruder. Die Mutter war tagsüber nicht zu Hause, sie hatte zwei Berufe. Erst nach den ihr aufgetragenen Pflichten konnte Treuchel ein Kind sein.

Der Vater war Legionär
Vielleicht lag es auch an der Vergangenheit von Treuchels Vater, dass Disziplin die Familie prägte. Er war ein paar Jahre in der Fremdenlegion gewesen und lange am Horn Afrikas, in Abidjan, stationiert. Weil er nach dem Mauerbau vielen Menschen aus der DDR half, in den Westen zu kommen, musste er eines Tages, wie er seinen Kindern
knapp erzählte, „die Reißleine ziehen“. Einmal Legionär, immer Legionär, behauptet die französische Spezialeinheit von sich, und so war Treuchels Vater auch nach seiner Dienstzeit oft zu Anlässen der französischen Armee in Berlin eingeladen. Bei denen trug er nicht ohne Stolz seine Uniform mit dem unverkennbaren weißen „képi“. Und als er aus dem Leben schied, erwies ihm eine Abordnung Legionäre die letzte Ehre.

 

Die legendäre Kopfbedeckung der genauso legendären ‘Légion étrangère’, hier bei eine Parade in Paris 2014.


Nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin hatte es Treuchel zu ihrem ersten Berufspraktikum nicht weit. Das war in einer Kindereinrichtung am Mehringdamm, heute das Jugendzentrum Gelbe Villa. Knapp ein Jahr später, am 24.8.1987, wurde die Kita in der Düttmann-Siedlung eröffnet und Treuchels Vorgesetzte schlugen ihr vor, sich dort zu bewerben. Die Kita war damals nach den neuesten Methoden der Kindererziehung gestaltet:
Offene Etagen, Lern- und Spielbereiche, rotierende Rollen und eine sehr unhierarchische Betriebskultur, in welcher das Team viel mitgestalten durfte. Treuchel fühlte sich dort außerordentlich wohl, sie war angekommen, wo sie schon immer hinwollte. Bis heute ist die Zusammenarbeit stark auf Augenhöhe ausgerichtet, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Der Kontakt zwischen Kitaleitung und Mitarbeiter*innen ist sehr eng. So sehr, dass Treuchel die Kita als „unser Baby“ bezeichnet – das sie gemeinsam seit über 30 Jahren betreuen.

Zum 30jährigen Jubiläum der Kita Hasenheide 2017 hält Ute Treuchel eine Rede.

Denn es gab auch schwierige Zeiten. Der schwierigste Moment war sicher die eine neue Leitung mit einem sehr vertikalen Verständnis von Autorität. Sie drohte das typisch Kreuzberger Gefüge zu sprengen. Der autoritäre Stil vertrieb Kolleg*innen, andere erkankten seelisch. Die, die blieben, wehrten sich. Es folgte ein nicht immer schöner und mehrjähriger Machtkampf, den die Mitarbeiter*innen für sich entschieden. Sie behielten ihr Baby, genau so, wie sie es haben wollten, die Leitung wurde ersetzt. Und damit der Wechsel auch klappte war Treuchel wieder einmal bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen, indem sie der neuen Leiterin zur Seite stand. Das bedeutete mehr „Führungsgeschichten“ wie Abrechnungen, Mitarbeiter*innenpläne und anderen Papierkram, und weniger Arbeit mit Kindern, Treuchels eigentlicher Motor. Aber von den rund 20 Kolleg*innen kam einstimmig das Feedback, wenn jemand mehr Aufgaben übernehmen sollte, „dann Ute“.

Das Team der Kita Hasenheide, das ihre Kita als “unser Baby” bezeichnet.

Auch wenn das Team der Kita seine Arbeit mit größter Überzeugung mache und es viele Erfolge gäbe, sei „nicht alles rosa“. Manchmal gäbe es Kinder, bei denen man sich frage, ob die es schaffen werden, oder andere, bei denen man froh sei, wenn sie das Schulalter erreichten. Oder Nachwuchs aus Clan-Familien, die sich mit ihren Aggressionen schwer tun. Aber es gibt auch die Kinder, die ihren Weg gegangen sind und als Erwachsene ihre ehemaligen Erzieher*innen besuchen. Aus manchen sind Biologen, oder Gerichtsdiener geworden, keine Selbstverständlichkeit in einem vom sozialen Abstieg geprägten Umfeld, Gewohnheiten bilden sich heraus, die sich hartnäckig über Generationen halten können. Oft erzählen dann die „Ex-Kinder“ ihren „Ex-Erzieher*innen“, dass sie sich in der Kita sehr wohlgefühlt und sehr viel mitgenommen haben.

Dort geht Ute Treuchel jetzt öfter hier hin, als ihr lieb ist. Aber es dient dem guten Zweck.

Solche Erfolge sind möglich, wenn man als Erzieher*in nicht nur mit den Kindern arbeite. Natürlich ginge es in erster Linie darum, dass Kinder sich selber fänden, sich entfalteten, ihnen Prinzipien zu vermitteln, „um gestärkte Kinder in die Welt zu schicken“. Aber man müsse auch mit den Eltern arbeiten. Diese unvoreingenommen kennenlernen, „ohne Schubladen“, was Treuchel als den Charakter Kreuzbergs sieht. Um den Eltern dann eventuell behutsam zu vermitteln, dass die Bedürfnisse des Kindes im Vordergrund stehen und was sie dafür tun könnten. Dafür richtete die Kita Hasenheide einen Familientreff ein, in dem es Raum für Austausch gibt, auch für mögliche Beschwerden der Eltern, damit ein „Geben und Nehmen“ stattfindet. Das werde besonders durch den Einsatz von Stadtteilmüttern erleichtert.

Zum Erfolg gehöre auch eine gute Zusammenarbeit mit Schulen, ein absolut wichtiger Baustein für eine gelungene Bildungslaufbahn. Diese funktioniere gut mit den fünf Schulen im Einzugsbereich, Treuchel erwähnt hier insbesondere die Bürgermeister-Herz-Grundschule und die Aziz-Nesin-Europaschule. Langsam verändere sich auch die Herkunft der Kinder in der Kita. Sie kommen mittlerweile aus spanischen, italienischen, oder polnischen Familien. An der Stärkung der Mehrsprachigkeit werde gearbeitet, damit diese als Chance wahrgenommen werde und nicht als Schwäche – dafür ist eine eigene Sprachförderkraft eingestellt worden.

Die Kita setzt jetzt mehr auf Mehrsprachigkeit. Ein Bundesprogramm sieht diese als Chance, endlich.

Was auf jeden Fall gelungen ist und nicht nur Treuchel allein, sondern dem ganzen Team über mehrere Jahrzehnte, aus der Kita „ein Haus“ zu schaffen, „in dem Menschen willkommen sind“. Damit der Geist Kreuzbergs auch an die nächsten Generationen weitergegeben wird.


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