PORTRÄT: Der Betreiber des Bio-Ladens Laib & Käse in der Graefestr. ist… 

Mit Leib und Seele Nahversorger

2.000 Artikel auf 50 Quadratmeter ziehen täglich 150 Kunden an. Mit seinem Bio-Laden “Laib & Käse” versorgt Inhaber Markus Domsch die Bewohner*innen des Graefe-Kiezes, die er nach 20 Jahren Betrieb fast alle namentlich kennt. Ein Tante-Emma-Laden aus einer vergangenen Zeit, als es noch keine Bio-Ketten und Hipster-Lokale in der Graefestraße gab.

Es ist die Geschichte von jemand, der nur etwas kaufen wollte, aber dann den ganzen Laden mit nach Hause nahm. Der studierte Landschaftsplaner Markus Domsch war um das Jahr 2000 selber gerne Kunde im Laib & Käse und wollte schnell noch etwas einkaufen. Aber an dem Tag hatte die damalige Inhaberin mit ihm etwas anderes im Sinn: Sie wollte ihren Laden aufgeben, ob er vielleicht Lust hätte, ihn zu übernehmen? Domsch ließ sich ein paar Tage Bedenkzeit, schließlich hatte er keine Erfahrung mit Einzelhandel. Die Idee gefiel ihm – und er sagte zu.

20 Jahre später bereut er seine Entscheidung keine Sekunde, “der Laden ist seit damals mein Baby”. Und er ist zu einem Verwandten eines ganzen Viertels geworden. Dessen Veränderungen er miterlebt hat, denn “damals war das Problem nicht hohe Mieten und Gentrifizierung, sondern Leerstand”. Aus heutiger Sicht kaum zu glauben, da in der Graefestraße immer mehr Hipster-Läden sprießen, wie das noble Steak-Restaurant St. Barth, oder die minimalistische Bäckerei Albatross, in der ein Brot gerne mal sechs Euro kostet – und die es Ende Juli bis in die Süddeutsche Zeitung schaffte.

Trotz kleiner Fläche eine Auswahl von rund 2.000 Produkten. Natürlich alle Bio…


Ein Laden alter Schule

Ganz anders das Ambiente im Laib & Käse. Der prall gefüllte kleine Laden besticht nicht durch aufregendes Design, sondern durch Gemütlichkeit alter Schule. Er wirkt wie die Bio-Version eines Spätis. Hier gibt es fast alles, Gemüse, Obst, bis hin zu Tiefkühlkost und Seife. Natürlich alles Bio und wie der Name vermuten lässt, natürlich Brot und rund 60 Sorten Käse. “Wir bieten, was man braucht: Um das Wochenende zu überstehen, oder die Pizza mit Anchovis zu bestücken”. Und was seine Kunden brauchen wissen Domsch und seine zwei Angestellte: Sie kennen sie fast alle beim Namen – und manchmal kennt er schon die zweite Generation einer Familie. Die Macken der Kunden kennen sie auch, das beruht jedoch auf Gegenseitigkeit, meint Verkäuferin Antje. Sie arbeitete vorher in einer Internet-Firma und ist heilfroh, nur noch offline-Kontakt mit Kunden zu haben.

Durchs Reden kommen die Leute zusammen und bei Markus Domsch hat man noch Zeit dafür. Zugegeben, in letzter Zeit sprach man viel über Corona, übrigens eine Hochkonjunktur-Zeit für den Laden, aber auch über ungewöhnliche Themen. So fragte sich ein Kunde, ob man Tauben eigentlich essen könnte? Im Dialog entwickelte sich die Idee weiter, man einigte sich auf Taubenzucht und -imbisse, vorzugsweise unter den Hochbahnen, da sich dort am meisten Tauben aufhalten. Unter den vielen Kunden, auf einen Monat hochgerechnet sind es fast 4.000, gibt es auch einen Tatort-Kommissar. So weiß Domsch, vermutlich, früher als Millionen von Deutschen, wer der/die Mörder*in im kommenden Tatort ist.

  • So bekommen in Corona-Zeiten die Kunden den Inhaber zu sehen. Den Mundschutz nahm er natürlich nur für das Foto ab.

Fest im Kiez verwurzelt
Obwohl Domsch kein gebürtiger Berliner ist – er wuchs in Köln und München auf, kam 1989 zum Studieren in die Hauptstadt, eine Woche vor Mauerfall – ist er hier und besonders im Kiez fest verwurzelt. Mehr verwurzelt ist schwer: Er wohnt seit jeher in der Graefestraße ein paar Häuser weiter, seine Kinder gingen auf die Lemgo-Grundschule, er spielt regelmäßig im Fußballverein an der Körtestraße und hilft beim Organisieren von Boules-Turnieren am Landwehrkanal.

Seine Kiezverbundenheit begrenzt sich nicht auf die Freizeit: Er spendet seit Jahren monatlich für die KiezAktivKasse, die nach Abwicklung des Quartiersmanagements – und somit des Aktionsfonds – Aktionen für ein solidarische Miteinander finanzieren soll. Hier ein Aufruf: Es wäre schön, wenn andere Gewerbetreibende seinem Beispiel folgen würden. Denn die Ausformung des Viertels kennt er, mit der Urbanstr. als “unsichtbare Grenze”, die die Nachbarschaft in eine besser und schlechter gestellte Gegend teilt. Seine Klientel kommt überwiegend aus dem “besseren” Teil, aber gelegentlich kommen auch Kunden aus dem anderen.

Eine Schule besser als ihr Ruf
Dass seine drei Söhne in Schulklassen gingen, die zu 90% aus Kindern mit Migrationshintergrund bestehen, störte ihn gar nicht. Was ihn aber störte, war dass die Lemgo-Schule ihr Licht unter den Scheffel stellte. “Die haben so einen tollen Musik-Schwerpunkt, nur leider weiß davon keiner” sagt Domsch. Die Außenwirkung war der Schule so wenig ein Anliegen, dass die Eltern die Erstellung einer Webseite in die Hand nahmen. Domschs Kinder spielten bei einem Musical im Theater des Westens, das in der Schule geprobt wurde. Mittlerweile spielen sie lieber Fussball und zwar ambitioniert, einer davon sogar in der Jugendmannschaft der F.C. Union. Sie seien halt eine Fussballer-Familie und er ist bekennender Hertha-Fan. Wie schon gesagt, verwurzelter wird’s nicht.

Große Sprünge lassen sich mit seinem Laden nicht machen. Trotz regelmäßiger 60 bis 70 Wochenstunden: Das große Auto ist nicht drin, viertelgerecht wäre mittlerweile ein SUV, gelegentliche Familienurlaube im Ausland dafür schon. Auch für größere Investitionen im Laden reicht es nicht. Deswegen irritiert es ihn etwas, dass die neue Hausverwaltung mit dem Gedanken spielt, die Miete an das Umfeld anzupassen. Zum Glück gehört das Gebäude einer Erbengemeinschaft mit einer Handvoll Häuser und keiner Immobilienfirma. Aber die Zeiten, in denen 5% Erhöhung und ein Telefonat mit der alten Hausverwalterin für den neuen Vertrag genügten sind vorbei.

Sogar beim Kaffee eine große Bio-Auswahl: Und genau die Berliner Mischung soll bleiben, meint Domsch.


Kleingewerbe in Zeiten von Gentrifizierung

Das Argument der Umfeldanpassung findet er nicht schlüssig, da das Umfeld nichts über die Investitionen der Eigentümer in das Haus aussagt. Allein diese könnten eine Erhöhung rechtfertigen, findet Domsch. Auch sollte das Gewerbemietrecht geändert werden, um kleinere Unternehmen besser zu schützen. Läden wie seiner sind Kiezkultur und Kommunikationsplattformen, die ein Viertel zusammenhalten und für stabile Nachbarschaften sorgen. Eine Stabilität, die allen Eigentümern zu Gute käme, denn sie sorge für stabile Einnahmen und weniger Fluktuation.

Aber die Logik von Markus Domsch ist eine andere als die vorherrschende. Ihn interessiert es nicht, am Umfeld so gut wie möglich zu verdienen. Er will es versorgen, mit so guten Lebensmitteln wie möglich. Und das macht er mit der Leidenschaft eines Fussball-Fans – und der Ausdauer eines Hertha-Anhängers. Aber irgendwann wird auch Hertha die Bundesliga gewinnen, vermutlich zeitgleich zur Eröffnung des BER. Möge Domschs Kiezladen so lange bestehen, wie der Flughafen nicht eröffnet. Und sollte er doch noch eröffnen, auch darüberhinaus.

 


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