FRÜHER IM VIERTEL: Der Landwehrkanal

Die Umgehungstraße für Kähne

Mitte des 19. Jahrhunderts befand König Friedrich Wilhelm IV. Berlin bräuchte einen weiteren Kanal. Die Stadt wuchs schnell, also musste man die zu bebauenden Gebiete erschließen – der Landwehrkanal war geboren. An dem damals viel befahrenen Wasserweg sind heute ein paar der angenehmsten Erholungsgebiete Kreuzbergs.

Für die Stadtentwicklung waren Kanäle damals eine wundervolle Allzweckwaffe: Mit ihnen erledigte man viele Aufgaben auf einen Schlag. Auszug aus dem Lastenheft des Königs an den Architekten Peter Joseph Lenné: Der neue Kanal solle dienen als Bindeglied von Stadtteilen, Entwässerungsgraben für Feuchtgebiete, Hochwasserentlastung, Vorfluter für Abwässer, Rohstoffquelle für Fabriken und Handwerk, Bewässerung des Tiergartens und Schifffahrtskanal.

Vor allen Dingen sollten mit dem neuen Kanal die Gebiete südlich der damals viel kleineren Stadt erschlossen werden, das Köpenicker Feld und die Gegend um den Tempelhofer Berg. Heute sagt man zu Letzterem Kreuzberg. Der Architekt überlegte nicht lange: Er prüfte, ob sich der Landwehr-Graben, der seit Ende des Mittelalters den südlichen Wall Berlins und Cöllns schützte sich in eine Wasserstrasse umwandeln ließe. 1840 war die Studie fertig, 1845 konnte man mit dem Bau beginnen, 1852 war der Landwehrkanal fertig. Nur interessierte die neue Wasserstrecke von 11 km Länge, die die Spree mit der Spree verband, eigentlich niemanden. Für die Bewohner Berlins lag er zu weit weg vom Zentrum, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Der Urbanhafen am Landwehrkanal Ende des 19. Jhdts.

Schiffe fanden den Kanal aber sehr interessant. Schon wenige Jahre nach seiner Eröffnung reichten die Anlegestellen nicht mehr, man beklagte sich über wilde Ausladestellen. Um das zu unterbinden versah man 1883 bis 1890 den Kanal mit Steinwänden. Die immer zahlreicher benötigte Brücken wurden immer ausgefeilter, um 1900 fing man sogar an übereinander liegende Brücken zu bauen, siehe unten.

Inzwischen lag der Kanal im dicht besiedelten Gebiet, der Kahnverkehr war hoch wie nie.
Nur die Entwicklung der Eisenbahnen und das Aufkommen von motorisierten Transport-
möglichkeiten sorgte für eine allmähliche Entlastung der Wasserstrassen.

Das effizienteste Mittel aber, die Nutzung für Schifffahrt auf dem Landwehrkanal zu unterbinden, war der Bau der Berliner Mauer. Schlagartig war der Kanal unbrauchbar geworden, die Wasserader verkümmerte zur Planschmeile für Tretboote und Paddler. Mit der Wiedervereinigung boomte eine andere Art von Nutzung, die Touristenschiffe. Heute werden jährlich über 1,1 Mio. Berlin-Besucher in ca. 800 Booten über den Kanal geschleust.

Wer sich für juristische Eigenheiten interessiert wird bei der Besitzverhältnisse der Kanals reichlich belohnt. Der Kanal an sich gehört dem Bund und wird  als Wasserstrasse der Klasse I geführt. Die Zuständigkeit für die Ufer hingegen obliegt den jeweiligen Bezirken, also Treptow-Köpenick, Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Brücken hingegen gehören dem Land Berlin, sowie das Gelände des Urbanhafens.

Das bedeutet, wer glaubt er bleibt in Kreuzberg wenn er mal zum Urbanhafen geht irrt gewaltig. Er verlässt den Bezirk und erreicht sobald er die große schiefe Wiese vor dem Vivantes-Klinikum betritt Berlin, wenn er seinen Fuss ins Wasser hält verlässt dieser Berlin und schwimmt in der Bundesrepublik Deutschland. Vielleicht wirken deswegen die Schwäne auf dem Kanal so erhaben – es sind Schwäne auf Bundesebene.

 


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