PORTRÄT: Das Street-College in der Graefe-Straße geht neue Wege

Master der Straßen

Wer mit der Schule nicht warm wird, landet manchmal auf der Strasse. Damit daraus keine Sackgasse wird gibt es das Street College. Musikproduzent Florian Rockel und Chansonnière Tanja Ries erklären das Konzept und warum sie in Vermittlung auf Augenhöhe glauben.

Von gewissen Leuten sagt man, sie gingen zum Lachen in den Keller. Beim Street College in der Graefestrasse geht man zum Lernen in den Keller: Im Erdgeschoss und Eingang gibt es eine Lounge, die so wirkt, als könne man da richtig gut abhängen. Einen Stockwerk tiefer gibt es die großzügigen Lehr- und Spezialräume, wie ein Tonstudio, ein Nähatelier, Schnittplätze und andere. Es handelt sich aber nicht wirklich um einen Keller. Die Räume sind lichtdurchflutet, dafür sorgt ein tiefergelegter Innenhof, der durch riesige Fenster gut sichtbar ist, und der über eine Treppe zu einem wunderschönen Garten führt.

Dort treffe ich das Leitungsteam des Street College, Florian Rockel, ein Musikproduzent, der u.a. Bekanntheiten wie Cosma Shiva Hagen produzierte, und Tanja Ries, eine Sängerin, die fast ein Jahrzehnt lang neben vielen anderen Projekten das Berliner Chanson-Festival leitete. Schnell wird klar: Das Projekt ist ein Versuch, Idealismus in Wirklichkeit umzusetzen. Und daß aus ein paar Projekten in kultureller Bildung, in welchen sie vor über einem Jahrzehnt hineinschnupperten, ein Lebenswerk entstanden ist. Gefördert von der gut dotierten Skala-Stiftung, zu deren Hauptförderern die Erbin des BMW-Vermögens gehört, Susanne Klatten.

Idealismus in Wirklichkeit verwandeln
Jeder Mensch ist wertvoll und talentiert, er braucht nur die richtigen Bedingungen, um sich zu entfalten“ sagt Ries. Rockel ergänzt: „Es muss auch ok sein, wenn ein Teenager noch nicht weiß, was er will, und was er braucht.“ Um das Herauszufinden und dann die richtigen Bedingungen zu bieten, gibt es das Street College. Das Konzept ist ein Lernendes. Es passt sich ständig den aktuellen Interessen der Jugendlichen an und nimmt konzeptionell erlerntes mit in den Alltag hinein. Für die Suchenden gibt es eine Orientierungsphase, in denen sie sich in Film, Musik, Mode und Schauspiel ausprobieren können. Die Wissenden können hingegen mit dem Lernen gleich loslegen. Wenn jemand etwas lernen will, das nicht am Regelprogramm steht, sucht das College die passenden Dozenten, vorausgesetzt es gibt mindestens zwei weitere Interessenten für das neue Fach.

Ein Koch-Abend im Street-College, um neue Angebote kennenzulernen. Foto: Olad Aden

 

Lernen ohne Hierarchie
Diese Mindestanzahl hat keine wirtschaftlichen Gründe, sondern pädagogische. Denn das Street College setzt auf peer to peer Lernen, oder Vermittlung auf Augenhöhe. Das bedeutet einmal, dass der Lehrende von seinem Sockel herabsteigt und sich nicht nur als Wissensquelle sieht, sondern auch bereit ist, von seinen Schülern zu lernen. Zum anderen bedeutet es, dass die Schüler auch voneinander lernen. Kollaboratives Lernen nennt das Ries in einem Aufsatz, den sie für die Donau-Universität Krems in Österreich schrieb. Dort liest man auch, dass dieser Ansatz, der glatt als modern durchgehen kann, mehrere Jahrhunderte alt ist. Schon im ersten Jahrhundert findet man Hinweise darauf, sogar die Jesuiten machten im 16. Jahrhundert ein System daraus, das sie Dekurio nannten. Und jeder der selber schon unterrichtet hat weiß, die beste Methode zum Lernen, ist zu Lehren.

Weitere Prinzipien des College sind Freiwilligkeit und die Anpassung an jeden einzelnen. So gab es einen Teilnehmer, der jeden Tag um neun Uhr auftauchte, um sich erstmal auf die Couch zu legen und eine Runde zu schlafen. In seiner Vorstellung war Lernen früh am Morgen irgendwo pünktlich erscheinen. Erst nach und nach verstand er, dass Lernerfolg nicht von einer Uhrzeit abhängt, sondern von dem Wunsch und Willen, sich etwas anzueignen. Sich anpassen heißt auch, dass es keine Anwesenheitspflicht gibt. Die Hälfte der Teilnehmer kommt regelmäßig, die andere unregelmäßig. Eben so, wie es gerade brauchen – und das wird mit jeden einzeln verhandelt.

Skeptiker, die das als unsystematisch abtun möchten, werden sich über die Konsequenzen dieser Freiheit wundern. So kam der Wunsch nach einem anerkannten Abschluss mit einem richtigen Lehrplan von den Teilnehmern des Bereichs Ton selbst. Das brachte die Verantwortlichen des College ganz schön ins Schwitzen, doch sie kamen dem Wunsch nach. Jetzt kann man auch ein Diplom in der Graefestraße erwerben, der sich vor vergleichbaren Institutionen im Tonbereich wie SAE oder Deutsche Pop nicht zu verstecken braucht, im Gegenteil.

Gala-Veranstaltung des Street Colleges Anfang des Jahres. Foto: Olad Aden


Am Selbstbild arbeiten

Aber woran vor allen Dingen am Street College gearbeitet wird, sind Selbstdefinition und Glaubenssätze. In intensiven Coaching-Gesprächen stellte sich bei einem Teilnehmer heraus, der eigentlich nur Hilfe für ein Schreiben wollte, um sich auf eine Stelle zu bewerben, dass sein eigentlicher Traum war, an der Beuth Hochschule zu studieren. Doch er war felsenfest überzeugt, das sei außer Reichweite für ihn. Jetzt bereitet er seinen Bachelor an der Hochschule seiner Träume vor, Rockel und Ries glauben, dass er ihn schaffen wird. Bei ihm habe sich unglaublich viel geändert, bis zu seiner Körperhaltung.
„Er hat jetzt sein Leben im Griff“, so Rockel.

Damit das Konzept des Street College aufgehe, braucht man natürlich ein handverlesenes Team. Die Sicherheit verlassen, die einem ein hierarchisches Bildungssystem bietet, das kann und muss auch nicht jeder. Den Studenten wirklich in den Mittelpunkt zu stellen, verlangt, sich stark zurücknehmen zu können. Und auch jede Menge Geduld sowie das Vertrauen, dass die Person sich weiterentwickeln wird. Auch wenn man es manchmal nicht danach aussehen mag. Deswegen nimmt sich das Team bei der Auswahl sehr viel Zeit und trennte sich auch schon von Personen, die diesen hohen Anforderungen nicht gerecht wurden.

Beispiele aus dem Ausland
Das Rad des kollaborativen Lernens haben die Gründer des Street College nicht erfunden. So holten sie sich Inspiration von den Lumiar-Schulen in Brasilien, in denen die Schüler ihren Lernverlauf selbst bestimmen und selbst die Regeln aufstellen. Dabei werfen sie auch schon mal einen Schüler aus der Schule, wenn er sich daran hält. Der Gründer dieser Schulen, Ricardo Semler, war davor ein erfolgreicher Unternehmer, der aus dem geerbten Betrieb mit vier Millionen Dollar Umsatz mit ungewöhnlichen Methoden eine mehrere hunderte Millionen schwere Firmengruppe machte. Die Mitarbeiter legten selbst Gehalt und Abeitszeiten fest, wählten ihre Chefs, was ironischerweise dazu führte, dass Semler irgendwann als Geschäftsführer abgewählt wurde. Aber die Regeln wurden beibehalten, die Firma floriert weiterhin und Semler hatte dadurch Zeit, Brasilien mit einem ganzen Netz von Lumiar-Schulen zu überziehen.

Unternehmerisch denken müssen Ries und Rockel auch. Denn es gibt eine Kehrseite zu der grosszügigen Förderung der Skala-Stiftung, die weniger bürokratisch und kleinteilig ausfällt als staatliche Töpfe. Nach 2021 muss das Street College finanziell auf eigenen Beinen stehen. Keine leichte Aufgabe, aber die Gründer arbeiten fleißig an Wegen, dieses Zeil zu erreichen. Vielleicht hilft da der Standort. Obwohl sie nicht die Graefestraße wegen der Nähe zur Düttmann-Siedlung aussuchten, sondern weil sie zentral und gut gelegen ist, so wird doch die Menge an Jugendlichen, die in der Siedlung wohnen, und die, wie schon oft in diesem Newsletter erwähnt, sich nicht immer mit dem deutschen Bildungssysten anfreunden, ihr Potential im Street College entfalten können. Ist das der Fall bleibt nur noch zu hoffen, daß man das Potential des College für das Fördergebiet erkennt.

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Anmerkung: Das Street College entstand aus kultureller Bildung des Vereins Gangway, der seit über 30 Jahren in Berlin Jugendarbeit und Street Work anbietet. Tanja Ries und Florian Rockel lernten sich 


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