PORTRÄT: Mekan Günel, Sprecher des Quartierrats der Düttmann-Siedlung

Gelegenheiten wollen ergriffen werden

Für einen 29-jährigen hat Mekan Günel viel erlebt: Mit fünf kam er als Flüchtling nach Berlin, als Teenager war er Jugendhoffnung vieler Fussball-Klubs. Eine Verletzung verhinderte eine Sportkarriere, er holte das Abi nach und spielte parallel dazu am Deutschen Theater und an der Schaubühne. Nach Reisen um die Welt entschied er sich für ein Studium und wurde Stipendiat der Rosa Luxemburg Stiftung. Seit Anfang 2018 ist er Sprecher des Quartiersrates der Düttmann Siedlung.

Es beginnt mit Büchern. Mekan Günel schlägt mir als Treffpunkt die Amerika Gedenk Bibliothek am Halleschen Tor vor, dort lernt er gerne. Zurzeit muss er das öfter machen, sein Masterstudium verlangt einiges an Arbeit. Allein die Bezeichnung lässt es vermuten: Real Estate Project Management, auf Deutsch, Immobilien Projektentwicklung. Der Ort ist gut gewählt, dank des Bibliotheks-Festivals gibt es jede Menge Konstruktionen, die für die Portraitsfotos gut als Hintergrund dienen. Vor der Kamera ist er sehr locker, er genießt es sogar. Im Laufe des Gesprächs bestätigt sich bei mir immer wieder das Gefühl: Mekan hat ein Talent, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.

Das war aber nicht immer so. Mitte der 90er Jahre floh seine Familie aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Deutschland. Die Auseinandersetzung zwischen der kurdischen Bewegung PKK und dem türkischen Staat hatte kriegsähnliche Züge angenommen, viele Kurd*innen mussten damals ihre Heimat verlassen. Die erste Station der Familie Günel in Deutschland war das Flüchtlingsheim Waßmannsdorf in Brandenburg, in seinen Erinnerungen eine sehr schöne Zeit. Die nächste Station war ein Heim in Kreuzberg, an der Möckernstraße, wo die siebenköpfige Familie mehrere Jahre in zwei kleinen Zimmern wohnte. Mekan erinnert sich sehr genau an die ersten Tage in der Wohnung in der Düttmann-Siedlung, die seine Eltern Anfang der 2000er Jahre bekamen. Plötzlich hatte jeder so viel Platz, das war für den Teenager absolut unfassbar.

Für ihn bedeutete der Umzug nicht nur einen Schul-, sondern auch einen Systemwechsel. Anstelle der Waldorfschule im Möckernkiez besuchte er jetzt in die Lemgo-Grundschule im Graefe-Kiez. Vorbei die Zeit ohne Noten, es begann der Ernst des Lebens. Denn seine Ergebnisse in der Schule waren nicht berauschend erinnert er sich, er hatte manchmal Angst, die Notenhefte seinem Vater zu zeigen. Obwohl ihn Sport viel mehr interessierte – dort war er im Gegenzug der beste aus der Schule – biss er sich trotzdem durch. Er begann in Fussball-Vereinen zu spielen, in ein paar Minuten schildert er mir seinen Weg durch die verschiedenen Klubs und Ligen: Erst die SC Berliner Amateure, dort spielten damals fast nur Ausländer. Dann Hürtürkel, Spandau 06, Hertha Zehlendorf (nicht mit BSC verwechseln) und schließlich Lichterfelde FC. Dort blieb er anderthalb Jahre, in der Regionalliga A und B, als Vorstopper. Das sind die, die feindliche Aktionen im Keim ersticken sollen. Er sah sich schon Karriere als Fussballer machen, leider stoppte eine Verletzung seinen Traum. Seine Kollegen wollten ihn halten, auch wenn er nur noch kurze Einsätze bekam, wurden diese sehr geschätzt.

 

Mekan Günel im Stück Clash von Nurkan Erpulat und Dorle Trachternach. (Foto: Deutsches Theater)

  

Er überlegte sich einen neuen Weg. Er wollte erstmal ein Fachabitur am Hans-Böckler-OSZ nachholen. „Das war wie im Knast dort: Es gab nur Männer und wir haben uns gegenseitig runtergezogen“, meint Mekan rückblickend. Schließlich begann er mit einer Banklehre bei der Sparkasse, aber merkte schnell, dass das ständige Eröffnen und Schließen von Konten, sowie das Abschließen von Bausparverträgen ihn nicht genug herausforderte. Er schloß trotzdem seine Banklehre als Klassenbester ab. Um etwas mehr Spannung zu erleben, bewarb er sich nebenbei an Theatern, er wollte das Schauspielen probieren. Er rief systematisch alle Berliner Theater an, und siehe da, das Deutsche Theater machte gerade ein Persiflage auf Thilo Sarrazins erstes Buch, Clash, und suchte dafür Jugendliche. Danach spielte er bei den Gaza Monologen an der Schaubühne und im Theater an der Parkaue beim Stück Entropie mit. Zu Gaza Monologe entsteht sogar ein Hörspiel für den Deutschlandfunk. Nach den Versuchen am Theater probiert er es im Film, beginnt mit Komparserie und Kleine Hauptrollen in Kurzfilmen, das Highlight ist Unknown mit Liam Neeson.

Auch auf Reisen macht sich Mekan Günel schnell Freunde.

Sicherer als Schauspielerei erscheint ihm ein Studium. Um seine Eltern nicht zu belasten bewirbt er sich um ein Stipendium an der Rosa-Luxemburg-Stiftung und wird auch da genommen. Das hätte er nicht geglaubt, aber seine Haltung war immer schon: einfach probieren. Bevor der Ernst des Studiums in Bernburg in Sachsen-Anhalt beginnt macht er ein paar weite Reisen. Er reist nach Iraq und dreht Reportagen in kurdischen Flüchtlingslager, wie über diesen Deutschen, der Wasser für das Lager organisiert. Er besucht einen Freund in China, fährt nach Hong-Kong, findet von dort aus dank Couchsurfing ein Sofa bei Micha, seine erste Bleibe in Bernburg. Der kennt über ein paar Ecken einen Bauernhof wo Studenten Zimmer mieten können, so verbringt Mekan seine drei ersten Studentenjahre u.a. mit Ziegen, Schafen und Pferden. In Bernburg schließt er lebenslange Freundschaften und findet dort seine schätzende “Deutsche Omi”, eine alte Dame, zu der er eine Enkelähnliche Beziehung aufbaute. Kaum hat er den Bachelor sagt er dem Landleben Ade und macht seinen Master der Hauptstadt aus. Sein ehrgeiziges Ziel ist bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und einer seiner Träume seinen Eltern ein Grundstück mit Haus zu bauen.

Seinen Eltern ist er sehr dankbar. Erst sehr viel später konnte er sich vorstellen, wie hart wohl die ersten Jahre für seine Mutter und Vater waren. Der Vater machte sich schnell selbstständig als Obst- und Gemüsehändler, um nicht mehr auf Unterstützungen angewiesen zu sein. Der Wille, auf eigenen Beinen zu stehen, macht sie für ihn zu Vorbildern. Auch für den Wert, dem sie Bildung beimaßen, ist er Ihnen dankbar.

Gleichzeitig hat er einen sehr genaues Verständnis, warum Bildung bei Kindern mit Migrationshintergrund eher seltener als öfter klappt – mit Folgen für die Integration. Oft fehlt es ihnen an Ermutigung, dass sie es schaffen können. Er hatte zum Glück seinen engen Freund Sinan, ein bis zwei Jahre älter, deren kurdische Eltern auch als Flüchtlinge nach Berlin kamen. Sinan absolvierte eine Bilderbuchlaufbahn. Er ist jetzt, mit Anfang 30, promovierter Arzt und Wirtschaftsingenieur. Allerdings trafen Sinans Eltern eine radikale Entscheidung: Sie sprachen zu Hause nur noch Deutsch, obwohl sie es nicht perfekt beherrschten. Nun lernt Sinan seine kurdische Muttersprache in seiner Freizeit.

 

Auch nach Iraq reiste Günel – hier mit Kindern in einem kurdischen Flüchtlingsheim.

Neben Vorbildern sind es auch die Erfolgserlebnisse, oder Misserfolgserlebnisse, die Kinder prägen. Mittlerweile glaubt Mekan, dass die ersten Schuljahre an der Waldorfschule, ohne Noten, etwas sehr positives waren. Schon in jüngsten Jahren mehrmals die Woche an seinen Unzulänglichkeiten gemessen zu werden kann nicht ohne Wirkung bleiben. Nicht alle Günels Jugendfreunde können Erfolg vorweisen: Neulich lief ihm einer über den Weg der ein paar Gefängnisaufenthalte hinter sich hatte.

Als er sich daran erinnert fällt ihm ein anderer Aspekt ein, der Bildungserfolg verhindern kann. Ein sehr wichtiger findet er: die Sprache. Bzw. die Aussprache. Er schildert mir, wie sein ehemaliger Klassenkamerad sprach. Die meisten seiner Freunde, er auch, sprachen unter sich ‚Ghetto-Deutsch‘. So nennt er den Slang, den man unter Jugendlichen im Graefe-Kiez spricht. Immer schnell, manchmal grob, viele ‚Ischs‘ statt ‚ichs‘. Die Schauspielerfahrung brachte ihm in der Hinsicht viel. Das Lernen der Texte, aber auch die Arbeit mit den Regisseur*Innen, die mit ihm an seiner Aussprache feilten. Er erklärt auch, wie er je nach Gesprächspartner seine Sprache moduliert, vermutlich so wie ein Süddeutscher zwischen seinem Dialekt und Hochdeutsch wechselt zB. Er weiß, wie sehr eine richtige Aussprache das Verschwinden in Schubladen behindert, auch wenn sie es nicht komplett verhindern kann. Er erzählt von seinen Kollegen in den Sparkassen-Filialen seiner Ausbildung, meistens ‚alte Ossis‘, die ‚unbewusst‘ nicht mit ihm klar kamen. Es gab zwar nie Vorfälle oder Bemerkungen, aber warm wurde man nie miteinander.

Als er in die Düttmann-Siedlung damals einzog war es viel schlimmer als heute. Vor diesem Hintergrund sind die Geschehnisse der letzten Wochen eher ein Rückfall als eine Ausnahme. Die Silvesterfeiern seiner Kindheit sind in seinem Gedächtnis kriegsähnlich. Mit Rauch, Raketen, Pyros ging man damals aufeinander los. Auf der einen Seite Araber und Kurden, auf der anderen Türken. Nicht selten gab es Verletzungen und einige der kleinen Kämpfer von damals haben heute Beschäftigungen, die schwer mit dem Gesetz vereinbar sind. Damit die Zustände der ersten 2000er Jahre in der Siedlung nicht mehr zurückkehre, engagiert er sich im Quartiersrat der Siedlung. Und was seinen Wunsch betrifft, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und seinen Eltern ein Grundstück zu kaufen: Er weiß, das ist ehrgeizig. Aber Schwierigkeiten haben Mekan Günel immer schon angespornt.

* Name geändert


Aktuelles | Highlights des Monats