PORTRÄTS DER QUARTIERSRÄTE: Brigitte Schnock

Nachbarschaft will gepflegt sein

Seit 2010 lebt Brigitte Schnock in der Siedlung, und das sehr gerne. Schließlich brauchte es zwei Anläufe und über 20 Jahre, bis sie eine Wohnung bekam. Warum sie den Kiez so mag, sich seit acht Jahren im Quartiersrat engagiert und ihr Rezept für eine gute Nachbarschaft erklärt die gelernte Krankenpflegerin und studierte Geragogin hier.

Wohnt in der Siedlung seit Mai 2010. Mitglied im Quartiersrat seit August 2010.

 

Was ich an der Siedlung mag: der Kleinstadt-Charakter, die bunte Nachbarschaft, dass Hausmeister und Gärtnerin alles in Ordnung halten, die schönen Wohnungen.

Warum ich im QR bin: ich bin ein Wohnmensch, mir ist das Umfeld wichtig. Im Quartiersrat kann ich den Kiez mitgestalten, Projekte fördern – und ich habe nette Menschen kennengelernt.

Was ich an der Siedlung nicht mag: die Müllfrage – zu viel Müll, zu wenig Mülleimer; die Lautstärke nachts, da ich direkt an einem informellen Treffpunkt von jungen Männern wohne. Besonders im Sommer ist mein Schlaf beeinträchtigt.

Die Siedlung in 10 Jahren? Die Durchmischung der Bewohner ist weiter vorangeschritten, die Trennung zum restlichen Graefe-Kiez ist überwunden, die Bildungsangebote für Kinder und Teenager sind verbessert.


Als Brigitte Schnock 2010 in die Düttmann-Siedlung einzog war es für sie wie ein nach Hause kommen. Denn schon in den 80er Jahren hatte sie sich für eine Wohnung in der damals taufrischen Anlage beworben, die noch nach neu roch. Leider erfolglos. Nach Berlin kam sie 1983, aus dem Sauerland, und hat sofort in der Stadt Fuß gefaßt. Da es in der Siedlung nicht klappte, fand sie eine Wohnung an der Hasenheide. Kreuzberg war damals genau das Richtige für jemand der gerne ausging. Zu ihrem Lieblingslokal in der Gegend um den Zickenplatz war es nicht weit, sie musste einfach durch die Siedlung gehen. Wie wäre vermutlich dort geblieben, als ein Angebot kam.

Der gelernten Krankenschwester bot man einen Platz in einem damals frisch geschaffenen Studiengang an, Geragogik. Oder die Pflege von alten Leuten. Auf dem zweiten Bildungsweg hatte sie ihr Abitur nachgeholt, das Studium schien wie geschaffen für sie, die Bedingungen waren privilegiert: Es gab nur 12 Teilnehmer. Einziger Nachteil: Es war in Braunschweig. Aber schließlich gefiel es ihr dort so gut, dass sie 12 Jahre blieb.

1983 war die Siedlung gerade aus der Taufe gehoben. Man bemerke die Allee ohne Bäume.

Als sie 2010 wieder nach Berlin ging, brauchte sie eine barrierefreie Wohnung für ihren Mann. Sie bewarben sich in der Düttmann-Siedlung und diesmal klappte es. Sie fühlte sich sofort wohl, sie war ja wieder zu Hause wie sie es sagt. Die Hausgemeinschaft fand sie toll, die Herkunfstländer der Nachbarn reichten von Gambia bis Griechenland über den Nahen Osten und der Türkei. Eine Nachbarin brachte zum Einstand sofort Essen vorbei, es dauerte nicht lange, bis man sich gegenseitig einlud und nach einiger Zeit feierte man sogar Feste zusammen. Geburtstage, Silvester – und sogar Ramadan. Wenige Monate nach dem Einzug beschloss sie Teil des Quartiersrates zu werden. Sie ist, siehe oben, ein Wohnmensch. Sie will sich um das Umfeld kümmern, sich dafür engagieren, Projekte und Initiativen mit ihrem Können in der Kunst Anträge zu stellen zu unterstützen.

Ein Projekt gefiel ihr besonders. Die KinderKüche. Da sie seit Ende der 70er Jahre mit täglich Kranken und alten Leuten zu tun hat, war sie von der Idee begeistert. In der KiKü lernen Kinder der Siedlung zu kochen, der Andrang ist so hoch, dass man Kinderauf die nächste Woche vertrösten muss. Seit 2011 ist sie fast jeden Donnerstag Nachmittag dabei, im Laufe der Zeit hat sie sich auf Kuchen und Nachspeisen spezialisiert. Sie ist begeistert vom Interesse der Kinder für das Kochen, das bei Mädchen wie Jungs gleich hoch ist. Auch arabische oder türkische Jungs sind heiß auf Kochen. Sie bemerkt auch die Unterschiede je nach familiären Hintergründen. Die eher behüteten Kinder tun sich manchmal etwas schwerer eigenständig zu arbeiten – das bedeutet hier Schälen, Schnippeln, Kneten und Braten, Kochen, Backen. Die weniger behüteten Kinder empfindet sie als interessierter, pfiffiger und mit einer größeren Auffassungsgabe. Ich habe hier politisch sehr korrekt kulturelle Hintergründe umschrieben, ich meinte mit behütet Mittelklasse und deutsch, mit weniger behütet nicht-Mittelklasse und nicht-Deutsch.

Die KinderKüche ist Brigitte Schnocks Lieblingsprojekt der Siedlung: hier drei begeisterte Köchinnen.

Die Nachbarschaft in der Düttmann-Siedlung ist auf jedem Fall von der ihrer Arbeitsorte sehr unterschiedlich. Frohnau sei ein deutsches Ghetto, Französisch Buchholz ein deutsch-russisches Ghetto, Charlottenburg zwar gemischter aber immernoch gehoben. Hin und wieder Fragen manche ihrer Kollegen “Wie, Du wohnst in Kreuzberg?” Ja, und das sehr gerne antwortet sie dann.

Was ihr manchmal in der Seele weh tut, ist wenn sie Kinder die sie von der KinderKüche kennt als Teenager rumlungern sieht. So viele Talente würden brach liegen, anstatt gefördert zu werden. Ob sie in den Bildungsangeboten der Umgebung die richtige Förderung erhalten bezweifelt sie. Sie denkt da an ihre Nachbarn, ein Paar, sie ist Architektin, er Arzt, die ihre Kinder in andere Schulen als die der Nachbarschaft geschickt haben.

Bei der Frage, wie sie die Siedlung in zehn Jahren sieht, überlegt sie kurz. Dann wünscht sie sich: dass die Durchmischung der Bewohnerschaft weiter durchmischt wird, dass die beiden Graefe-Kieze mehr zusammengewachsen sind, und dass es viel mehr gute Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche der Siedlung gibt. Damit bunt und Bildung sich endlich nicht mehr ausschließen.

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