SCHULUNGSANGEBOT: Gewaltpräventionsmethode Peace-Making-Circles

Konflikte mit der Gemeinschaft lösen

In Neukölln hat ein Verein Nachbarschaftskonflikte zwischen Bevölkerungsgruppen mit Peace-Making Circles erfolgreich gelöst. Die aus dem Justizwesen Nord-Amerikas stammende Methode zeigt erstaunliche Erfolge, auch bei gravierenden Straftaten. Jetzt bietet Jakus e.V. am 13. und 14. April eine als Bildung anerkannte Schulung für Akteure und Partner der Siedlung an. Mehr über Peace Making Circles, oder Nachbarschaftszirkel.

Können Konflikte eine Basis für sinnvolle Begegnungen sein? Können alle nah oder fern von Konflikten Betroffenen diese selber lösen? Oder braucht man eine neutrale Instanz, sei es ein Mediator oder ein Richter, um zu schlichten?

Praktiker der Peace-Making-Circles-Methode meinen Ja. Zumindest bei den zwei ersten Fragen. Ja, ein Konflikt kann zu einer sinnvollen Begegnung führen, wenn Opfer und Täter sich gegenseitig erhören. Was den Unterschied zum hierzulande bekannten Täter-Opfer-Ausgleich macht: Das betroffene Umfeld ist aktiv involviert. Zur zweiten Frage: Ja, eine Gemeinschaft kann Konflikte selber lösen. Das bedeutet für die dritte Frage eine revolutionäre Antwort: Man braucht keine neutrale Instanz in der Form eines Mediators oder Richters.

Eine Methode ohne Hierarchie

Wie soll das gehen? Der Anschien trügt. Peace-Making-Circles sind keine gewöhnlichen Gesprächsrunden, sondern unterliegen sehr strengen Regeln, wenn auch sehr einfachen, denen sich alle verpflichten. So kann nicht jeder Reden wann er will. Nur wer einen Gesprächsgegenstand hält darf sprechen. Dadurch werden die Gespräche vielleicht schwerfällig, aber es fördert eine seltene Tugend: das Zuhören. Diese stringente Reihnefolge bedeutet vor allem Dingen eines: Keine Instanz erteilt das Wort, sondern die Macht liegt beim Prozess. Dadurch hat jeder die Zeit, die er zum Reden braucht. Eine Moderation wie man sie aus anderen Methoden kennt gibt es in dem Sinne nicht. Statt dessen wird der Circle von sogenannten “Keepern” vorbereitet und dessen Ablauf behutsam gelenkt. Dabei müssen sie aber stets die Meinung der anderen Teilnehmer einholen. In anderen Worten: In einer solchen Gesprächsrunde herrscht keine Hierarchie. In diesem Kreis sind alle gleich.

Erklärendes Schema der Peace-Making-Circles, Justizministerium Niedersachsen.

 

 

Sicherlich ist das die nicht einzige Erklärung ist für die Erfolge der Methode. Aber diese sind eindeutig und messbar. Bei kleinen Konflikten wie bei großen Delikten. Jugendliche Straftäter verstehen dank Peace-Making-Circles, was ihre Taten für die Opfer bedeuten. Die Rückfallquoten sind viel niedriger als bei klassischen punitiven Maßnahmen. Straftäter können Verantwortung für Ihre Tat übernehmen, anstatt nur ihre Strafe abzusitzen. Opfer von gravierenden Straftaten gelangen zu einem Verständnis ihres Schicksalschlags, was für sie ein Stückweit Heilung bedeutet. Dazu trägt die Einbeziehung der Gemeinschaft, anstatt nur der direkt Beitiligten, wesentlich bei.

Peace-Making-Circles erlauben erstaunliche Begegnungen

Ein gutes Beispiel gibt der Dokumentarfilm “Another Justice” aus Frankreich, eine bewegende und teilweise unfassbare Dokumentation der Methode. Ein Mörder findet durch den Kontakt zur Mutter seiner Opfer einen Weg, sein Leben zu ändern. Ein Alkohollenker, der im Rausch zwei Teenager tödlich verletzte, hält mit deren Mutter Präventionsworkshops an Schulen. Einen Einblick in die Entstehung der Circle-Methode gibt der Film auch. Entstanden sind Peace-Making Circles in den 70er Jahren in Kanada, seitdem haben sie sich in ganz Nord-Amerika verbreitet, langsam erreichen sie auch Europa. Die Methode ist ein von vielen Instrumenten aus dem Bereich “restorative Justice”, oder wiederherstellende Gerechtigkeit. Dabei geht es nicht nur um das Bestrafen eines Täters, sondern auch um die Wiedergutmachung des Schadens. Ein ganz neues Paradigma im Justizwesen also, dessen Ansatz man bei vielen indigenen Bevölkerungen wiederfindet – angefangen bei Indianern Nord-Amerikas, bis hin zu afrikanischen Stämmen und sogar Wikingern.

Anwendungen von Projektmanagement bis zu sozialer Arbeit

Auch in weniger bedeutungsschwangeren Bereichen zeigt die hierarchielose Methode einen Nutzen. Im Projektmanagement zum Beispiel, wo es auf den ersten Blick nicht zielführend scheint, ohne Hierarchien zu arbeiten. Fallbeispiele zeigen dass dadurch die Vorbereitungen ewig in die Länge gezogen werden, dafür ist die Umsetzungsphase meistens viel schneller, da bei jedem Punkt Konsens herrscht. Auch in der sozialen Arbeit wird die Methode genutzt, besonders mit Jugendlichen. Sie zeigt ihnen andere Methoden der Konfliktlösung als das Recht des Stärkeren und lehrt sie, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen. Sie finden zudem in den Kreisen eine Wertschätzung, die sie in ihrem Alltag nicht immer erhalten.

Übersicht der ‘Restorative Justice’, oder wiederherstellender Gerechtigkeit.


Praktische Anwendung bei Nachbarschaftskonflikten

Zurück von den ganz großen Beispielen in die Nachbarschaft, genauer gesagt nach Neukölln. Seit 2015 hält der Verein Jakus Nachbarschaftszirkel im buntesten Bezirk Berlins die auf der Peace-Making Circles Methode basieren. Haupstsächlich geht es um Konflikte zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in Häusern. Nicht selten überbelegen wenig skrupelvolle Vermieter ihre Gebäude mit frisch zugezogenen Süd-Ost-Europäern. Dank der Nachbarschaftszirkel lernen sich die Konfliktparteien kennen, die Differenzen werden entschärft, nach der Durchführung von Zirkeln ist die Hausgemeinschaft beruhigt.

Schulung am 13. und 14.4.18

Jetzt bietet Jakus für Akteure und interessierte Bewohner der Siedlung, sowie Lehrern und Sozialarbeitern der Lemgo-Grundschule und Verantwortliche der Bezirksbehörden, eine als Bildung anerkannte Schulung in Peace-Making-Circles. Hier eine Übersicht der Schulungsinhalte zum Herunterladen.

Schulungsort ist die St. Jacobi-Gemeinde in der Oranienstr. 132 in Kreuzberg, die Zeiten sind Freitag, dem 13. April von 13 bis 17.45 Uhr, und Samstag den 14. April, von 10 bis 14.30 Uhr.

Jakus e.V. wird die Methode kurz dem Quartiersrat am Donnerstag, den 22. 3. um 18.30 Uhr im Dütti-Treff vorstellen, um Quartiersratsmitglieder für die Schulung zu gewinnen. Wer kurzfristig Interesse bekommt, dabei zu sein, melde sich beim Quartiersmanagement!

Anmeldungen und weitere Informationen über den Verein Jakus: nachbarschaftszirkel@jakus.org

Ansprechpartner: Volker Langner und Jens Schubert

www.jakus.org

 

Weiterführende Literatur:

Von der Magie des Kreises und der wundersamen Wirkung des Geschichtenerzählens, Volker Langner

Friedenszirkel: Eine nachhaltige Methode der außergerichtlichen Konfliktschlichtung im Rahmen der Restorative Justice, Dr. Beate Ehret

Opferorientierung im Justizvollzug, Christian Jesse, Susanne Jacob, Susann Prätor, Springer-Verlag, März 2018 (mit interessanter Literaturliste)

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